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Vom Gartenfeld zur Neustadt - Entstehung eines Stadtteils

(von Dr. Hedwig Brüchert)

Ausführliche Informationen finden Sie in dem Buch 
"
Die Neustadt gestern und heute - 125 Jahre Mainzer Stadterweiterung" von Dr. Hedwig Brüchert (Hrsg.) 
Festschrift, hrsg. im Auftrag des Vereins für Sozialgeschichte Mainz e.V., Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter, Mainz 1997. Preis: 10,00 €
Erhältlich ist das Buch  in der Ortsverwaltung Mainz-Neustadt (Leibnizstr. 47), im Mainzer Buchhandel und beim Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. (Kurfürstenstraße 13).

   
Mainz vor 125 Jahren - das war eine von mächtigen Festungsanlagen und Wällen eingeschlossene Stadt, die sich nicht ausdehnen konnte, denn das Militär hatte das Sagen. Die Bevölkerung wuchs in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer rascher. Die Wohnungen waren hoffnungslos überfüllt, Sanitäranlagen fehlten, jederzeit drohte eine neue Cholera-Epidemie auszubrechen. Aber auch in der wirtschaftlichen Entwicklung blieb Mainz zurück, zu einer Zeit, als andernorts überall Fabriken aus dem Boden schossen.
In dem großen Gebiet nordwestlich vor den Stadtmauern, im Gartenfeld, befanden sich Wiesen, Wäldchen und Obstgärten. Hier machten die Mainzer ihre Sonntagsausflüge und kehrten gern in den zahlreichen Gartenlokalen oder im Schützenhaus ein. Hier wohnten aber auch damals schon etwa 3000 Menschen, vor allem Arbeiter und kleine Handwerker, in provisorisch errichteten Fachwerkhäusern. Feste Häuser durften hier, in der Rayonzone, nicht gebaut werden.

Nach langen, zähen Verhandlungen zwischen der Stadt Mainz und dem preußischen Kriegsministerium bzw. nach 1871 mit dem Deutschen Reich konnte am 21. September 1872 endlich der Stadterweiterungsvertrag unterzeichnet werden. Die Stadt Mainz durfte nun die Festungswälle im Bereich der heutigen Kaiserstraße niederlegen und das Gartenfeld bebauen. Allerdings mußte sie für vier Millionen Gulden weiter nordwestlich (am Rheingauwall) neue Festungsmauern errichten. Dennoch: die Stadt hatte ihre Fläche mehr als verdoppelt; die Entwicklung zur Großstadt konnte beginnen!

Stadtbaumeister Eduard Kreyßig arbeitete die Pläne für eine Bebauung des Gartenfeldes aus. Die Grundidee bestand in der Erschließung des Gartenfeldes durch ein symmetrisches, gitterförmiges Straßensystem aus Längs- und Querachsen, aufgelockert durch grüne Alleen und Plätze. Drei große Nord-Süd-Achsen (Rheinallee, Hindenburgstraße und Boppstraße) sollten die Neustadt mit der Altstadt verbinden. Wo seither die Festungswälle der "Gartenfront" waren, entstand ein prächtiger Boulevard, die heutige Kaiserstraße. Auf einer Mittelinsel der Kaiserstraße wurde die evangelische Christuskirche errichtet. 1912 wurde in der Hindenburgstraße der prachtvolle Bau der Zentralsynagoge fertiggestellt, die nur 26 Jahre später, am 9./10. November 1938, in Brand gesteckt und anschließend gesprengt wurde...

Ein Hauptproblem der Bebauung des Gartenfeldes bestand darin, daß dieses Gelände sehr tief lag und deshalb häufig überschwemmt war. Deshalb sahen Kreyßigs Planungen vor, das gesamte Gebiet aufzuschütten. Dies war auch zum Bau der Kanalisation notwendig. Da die Aufschüttung dieses riesigen Gebietes jedoch nur schrittweise zu bewältigen war, wurden zunächst die Straßen höhergelegt und die einzelnen Bauquadrate erst nach und nach aufgefüllt. Da diese Arbeiten nie ganz zu Ende geführt wurden, kommt es, daß wir heute noch an einigen Stellen der Neustadt Stellen finden, die noch das alte Niveau aufweisen. Ein Kuriosum ist das Haus Wallaustraße Nr. 77: Dort befindet sich eine funktionslose (mit Brettern verschlossene) Torfahrt im ersten Stock, und man betritt das Gebäude durch den freiliegenden Keller. Als es errichtet wurde, rechnete man fest damit, daß das Gelände noch aufgeschüttet würde, was bis heute nicht erfolgt ist.

In den Innenhöfen siedelten sich zahlreiche Handwerksbetriebe an, und einige kleine Fabriken hatten in der Neustadt ihren Sitz, wie die Pumpenfabrik Hilge, die Gußeisenfabrik Römheld, die Gasmesserfabrik Elster & Co. Einige von ihnen zogen etwas später in das neue Industriegebiet an der Ingelheimer Aue, wo um 1900 auch das städtische Gaswerk und das Elektrizitätswerk errichtet wurden. Auch die größte Mainzer Fabrik, die es vor den Eingemeindungen hier gab, hatte ihren Standort mitten im Gartenfeld, im Gebiet zwischen Josefsstraße und Goetheschule : die Lederwerke Mayer, Michel & Deninger. Sie beschäftigte zeitweise über 1000 Arbeiter, die 1907 beim Konkurs der Firma arbeitslos wurden. 1887 wurde der Zoll- und Binnenhafen eingeweiht, der für das Wirtschaftsleben der Stadt größte Bedeutung hatte.

Die Bebauung des Gartenfeldes ging nur langsam voran. Zunächst mußte die Stadt die Straßen und Kanäle anlegen, bevor Baugenehmigungen erteilt werden konnten. Die Erschließung war sehr kostspielig, und die Grundstückseigentümer, von denen eine "Gartenfeldsteuer" erhoben wurde, stöhnten unter der Belastung. Als erstes wurde entlang der Hauptachsen gebaut. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren im Bereich des Goetheplatzes und in der nördlichen Neustadt noch immer große Flächen frei. Es gab noch zahlreiche Gärten am Raupelsweg und entlang der Scheffelstraße, die Hausfrauen konnten ihre Wäsche auf Wiesen bleichen. Die Kinder und Jugendlichen konnten Drachen steigen lassen, sich im Gestrüpp tummeln, Räuber und Gendarm spielen. Nicht von ungefähr wurde ein Teil der Neustadt das "Indiandervertel" genannt.

Ein großer Teil der typischen Neustadthäuser der Jahrhundertwende mit ihren individuell verzierten schönen Fassaden wurden im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und in den fünfziger Jahren durch schmucklose Mietwohnungsblocks ersetzt. Auch die meisten der zuvor freien Flächen wurden nun in Zeiten dramatischer Wohnungsnot bebaut. Die sechziger und siebziger Jahre bescherten der Neustadt dann einige "Bausünden" in Form von Hochhäusern. So hat unser Stadtteil in den vergangenen fünfzig Jahren sein Gesicht gründlich verändert. Doch hie und da findet man noch eine Fassade aus der Gründerzeit oder ein Jugendstilportal, die an die Anfänge der Neustadt erinnern. Und manchmal trifft man in einer der gemütlichen Eckkneipen oder auf der Gaadefelder Kerb noch alte "Gaadefelder", die von ihrer Kindheit im "Indianervertel" erzählen...