Seite 1 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Wir sind noch nicht fertig mit der Arbeit“
Das Frauenzentrum in der Kaiserstraße feiert 50-jähriges Jubiläum



(am) Nahe der Christuskirche an der Kaiserstraße befindet sich eines der ältesten Frauenzentren Deutschlands. Das Mainzer Frauenzentrum ist dieses Jahr ein halbes Jahrhundert alt. Es entstand 1974 aus einem losen Zusammenschluss einiger Frauen, die für gleiche Rechte und gegen Diskriminierung eintraten. In Arbeitsgruppen beschäftigten sie sich etwa mit dem Paragrafen 218, Gewalt gegen Frauen, Frauenbeziehungen oder Kindererziehung. Dieses Engagement führte 1979 zur Gründung des gemeinnützigen Vereins Frauenzentrum Mainz e.V. Mittlerweile ist das Zentrum das einzige in Rheinland-Pfalz, das sowohl ein breites Bil dungs­ als auch Kulturangebot im Programm hat.

Ein großes Angebot
Lesezirkel, Fem*Jam – gemeinsames Musikmachen, Vortrag zur Mainzer Frauengeschichte, Feministisches Filmforum, das sind nur einige der Veranstaltungen, die in den vergangenen vier Wochen im Zentrum stattfanden. Jeden 1. und 3. Mittwoch im Monat gibt es einen kostenlosen offenen Internet- und Computer-Treff für Seniorinnen. Einzelberatungen zu Essstörungen finden ebenso statt wie psychosoziale Beratungen oder Beratung für lesbische Frauen. Für Rechtsberatungen stehen zwei Anwältinnen zur Verfügung. Das Frauenzentrum ist auch Heimat verschiedener Gruppen: Von der Freizeitgruppe „Golden Girls“, in der sich lesbische Frauen über 50 treffen, bis zur queer-feministischen Müttergruppe und zur Selbsthilfegruppe für Frauen mit Depressionen.

Die Themen ändern sich
Regine Hungershausen und Susanne Ullrich arbeiten als Hauptamtliche in Teilzeit im Frauenzentrum und geben gerne Auskunft über die Geschichte und Gegenwart der Institution. Hungershausen ist seit 1983 Aktivistin und seit 1995 angestellt. Ullrich ist seit zwei Jahren dabei. Sie kümmern sich um Verwaltung und Finanzen, bieten Beratungen an, organisieren Veranstaltungen, betreuen Social Media, und sind in Netzwerken und Gremien aktiv. Mit den beiden allein könnte jedoch das vielfältige Angebot in der Kaiserstraße nicht aufrechterhalten werden. Das Frauenzentrum lebt vom unbezahlten Engagement vieler Frauen: Neben den beiden Hauptamtlichen sind über 30 Ehrenamtliche regelmäßig mindestens einmal im Monat aktiv. Sie leiten Gruppen oder arbeiten in Ausschüssen oder im Vereinsvorstand mit. Ergänzt wird dieser feste Pool an Mitwirkenden durch sporadische Helferinnen, die etwa beim jährlichen Sommerfest in der Alten Ziegelei in Bretzenheim mit anpacken.

Die Schwerpunkte der Veranstaltungen und Angebote haben sich in den vergangene 50 Jahren verändert, berichtet Hungershausen. Anfang der 1990er Jahre sei das Thema Essstörungen massiv auf den Plan getreten. Im neuen Jahrtausend rückte des Thema Frauen und Geld stärker in den Fokus. Zum einen im Zusammenhang mit Trennung und Scheidung, aber auch mit der Altersvorsorge der Frauen. Lesbisches Leben habe in jedem Jahrzehnt eine wichtige Rolle gespielt, weiß die Hauptamtliche. Wie in der gesamten Gesellschaft ist auch im Frauenzentrum der queere Aspekt in den vergangenen Jahren wichtiger geworden. Trans*Frauen sind deshalb im Frauenzentrum herzlich willkommen. Man sei ein Ort für alle Frauen, betont Hungershausen.

Feministische Expertise wird geschätzt
Man könnte meinen, das Internet habe die Arbeit für die Mitarbeiterinnen reduziert. Schließlich liegen alle Informationen der Welt nur einen Klick entfernt. Das Gegenteil sei der Fall, versichern die beiden Hauptamtlichen. Regine Hungershausen hat beobachtet, dass die Anfragen sogar gestiegen sind. Das liege unter anderem daran, dass man schon eine Vorstellung haben müsse, was man frage, um seriöse Informationen zu erhalten. Außerdem träten immer mehr Institutionen mit dem Frauenzentrum in Kontakt, so Ullrich. Entweder, weil sie wissen wollten, wohin sie eine Klientin verweisen sollen oder auch, um Informationen auszutauschen. „Unser Angebot wird ernst genommen“, ergänzt Hungershausen. Aber auch der feministische Aktivismus sei sehr aktiv im Internet. „Die Nachfrage von unterschiedlichen Gremien nach Netzwerken und Diskussionen ist groß“, weiß Ullrich. Die Wertschätzung der Stadtgesellschaft und des Landes Rheinland-Pfalz für die Arbeit des Zentrums zeigen die Grußworte auf dem Empfang zum Jubiläum, der am 8. März, dem internationalen Frauentag, stattfand. Auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer gratulierte persönlich.

Wird sich eine Institution wie das Frauenzentrum in der nächsten Zeit selbst abschaffen? Nein, lautet das klare Votum der beiden Frauen. „Wir sind noch nicht fertig mit der Arbeit“, so Hungershausen. „Darauf zu beharren, dass es noch keine Gleichberechtigung gibt, stößt häufig auf Unmut“, weiß sie. Sie kommt in den Beratungsterminen mit vielen Frauen in Kontakt, die nicht wissen, welche Rechte sie haben oder nicht in der Lage sind, diese durchzusetzen. Auch die Zahl der Rechtsberatungen wegen Trennung oder Scheidung sinke nicht.
„Wir haben immer versucht, uns weiterzuentwickeln und das aufzugreifen, was die Frauen in der Gesellschaft bewegt“, erläutert Hungershausen. In der jüngsten Vergangenheit seien verstärkt Anfragen gekommen, die Hilfe beim Ausfüllen von Behörden-Formularen gesucht hätten. Sie sieht hier einen Bedarf, der unter anderem durch steigende Mieten, Inflation und explodierende Energiekosten hervorgerufen werde. Susanne Ullrich macht aktuell eine Fortbildung, um dann eine Sozialsprechstunde anbieten zu können.

So macht sich das Frauenzentrum gut gerüstet auf in die nächsten 50 Jahre. Dass die Stadt Mainz seit 2020 den jährlichen Zuschuss in einem Vertrag formalisiert hat, gibt den haupt-  und ehrenamtlich Aktiven eine gewisse Sicherheit mit auf den Weg, deckt aber keinesfalls die Kosten. Daher ist das Frauenzentrum immer auch auf Fördermittel für die Projekte und Veranstaltungen sowie auf Spenden angewiesen.

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