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„Tradition verpflichtet“
Mit dem Bau der Neuen Synagoge 2010 in der Hindenburgstraße ist die Jüdische Gemeinde Mainz in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Das hat das Gemeindeleben positiv beeinflusst, ist Dr. Peter Waldmann, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Mainz, überzeugt. Mit ihm sprach Reyhaneh Eghbal.



Neustadt-Anzeiger: Im September wird die Neue Synagoge zehn Jahre alt. Wie geht es der Gemeinde an diesem Standort?
Dr. Peter Waldmann: Wir sind sehr froh über diesen Standort. Die früheren Begegnungen waren immer sehr stark von der Shoa geprägt. Mit dieser Synagoge leben wir mit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Gegenwart. [Shoa: Massenmord an den europäischen Juden – Anm. d. Red.]

Wie erleben Sie dies?
Waldmann: Das sind die alltäglichen Begegnungen, die ganz wichtig sind. Viele Bewohner erleben die Synagoge als einen positiven Bestand teil ihres Viertels, ist meine Beobachtung. Liebespaare treffen sich am Synagogenplatz, Jugendliche fahren hier Skateboard. Ich sehe viele Passanten, die über die Fassade der Synagoge streichen.
Das hätte nie funktioniert, wenn wir in der Forsterstraße geblieben wären, wo man uns kaum wahrgenommen hat. Es gab keinerlei Berührungspunkte.

Was hat sich für Ihre Gemeinde geändert?
Waldmann: Mit der Sichtbarkeit hat sich das Interesse für das Judentum und die Jüdische Gemeinde sehr vergrößert. Das war für die Jüdische Gemeinde gut und für die Mehrheitsgesellschaft, die sich nun durch Führungen und Veranstaltungen in der Synagoge stärker mit der jüdischen Religion beschäftigen konnte.

Inwiefern war es für die Gemeinde gut?
Waldmann: Durch den Neubau ist sie sich ihrer Tradition in der Region bewusster geworden. Die Neue Synagoge wurde gebaut, weil Mainz auf eine Jahrhunderte alte jüdische Kultur zurück blickt [siehe Infobox]. Nun war man in der Öffentlichkeit und hatte mit der Neuen Synagoge die Verpflichtung, sich zu öffnen. Denn Tradition verpflichtet auch, sie zu vermitteln. Die Gemeinde musste sich darüber klar werden und überlegen, was man vermitteln und vom Judentum darstellen will.

Eine herausfordernde Aufgabe, sind doch die meisten der 1.000 Mitglieder nicht in der Region verwurzelt.
Waldmann: Die jüdischen Gemeinden sind Welt meister in der Integration. Unserer Gebietsgemeinde [Mainz, Worms, Rheinhessen] ist es gelungen, neben den Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen die Synagoge mit Ausstellungen, Konzerten und Führungen für die Bevölkerung zu öffnen. Ich bin erstaunt, wie viele Gäste zu unseren öffentlichen Veranstaltungen kommen.

Wie oft finden diese statt?
Waldmann: Vor Beginn der Pandemie wöchentlich mindestens ein- bis zweimal. Auch die Gottesdienste können in der Regel besucht werden, mit Ausnahme der vergangenen Monate.

Wie geht es den Gemeindemitgliedern damit, dass in diesem Jahr viele Veranstaltungen, auch für die Gemeinde, nicht stattfinden können?
Waldmann: Es ist natürlich ein Einschnitt. Jüdische Gemeinden sind auch ein sozialer Raum, wir sprechen daher vom Synagogenzentrum. Es ist immer irgendetwas los. Wir haben in der Regel wöchentlich etwa vier Gemeinde akti vitäten wie Gottesdienste, die Schi'ur [Seminare] und die Clubs. Es gibt eine Bibliothek und einen Chor. Gemeindemitglieder treffen sich hier, sprechen, essen und feiern miteinander. Wir haben viele ältere Mitglieder, sie haben über die Synagoge ihre Sozialkontakte. Nach jedem Gottesdienst gibt es zudem ein warmes Essen, das besonders unsere älteren Mitglieder sehr schätzen.

Die Pandemie hat natürlich Auswirkungen  auf das Gemeindeleben und vieles ist nur mit strengen Hygieneauflagen und großen Einschränkungen möglich. Die Jüdische Gemeinde sieht aber auch über ihren Tellerrand hinaus und weiß, dass es vielen Leuten schlecht geht und deren Existenz bedroht ist. Deswegen halten wir uns auch mit dem Jammern zurück.

Das zehnjährige Bestehen der Neuen Synagoge wird in diesem Jahr nicht gefeiert. Gibt es zu einem späteren Zeitpunkt Ersatzveranstaltungen?
Waldmann: Im kommenden Jahr feiert die Gemeinde die lange Anwesenheit der Juden in Deutschland. Geplant sind Vorträge, Konzerte und Diskussionen, die zum großen Teil in der Synagoge stattfinden, auch Veranstaltungen der Universität werden hier abgehalten.

Das Land Rheinland-Pfalz reichte Ende Januar bei der Weltkulturorganisation UNESCO den Antrag, die SchUM-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz in die Welterbe-Liste aufzunehmen. Was ist Ihre Vision für die Gemeinde Mainz, falls der Antrag angenommen wird?
Waldmann: SchUM [siehe Infobox] ist nicht ein reiner Historismus gewesen. SchUM war die Idee, in einer fremden Welt die eigene Tradition so zu transformieren, dass daraus etwas Neues entsteht. Die Neue Synagoge ist eingebettet in das, was man SchUM nennt. Sie strahlt die große Tradition der Gelehrten aus. Und ihre Architektur zeigt eindrucksvoll, dass sich Tradition und architektonische Avantgarde nicht ausschließen.

Wir möchten einen aktiven Platz einnehmen und das Wissen um SchUM vermitteln, indem wir selbst religiöse und kulturelle Veranstaltungen verstärkt in unseren Reihen und für die Außenwelt entwickeln. Meine Vision ist, dass die jüdische Gemeinde lernt, in Form  eines  Emanzipationsprozesses  die Institution zu sein, die für das Judentum spricht. Durch den kulturellen Anspruch wächst die Gemeinde, ähnlich wie es mit dem Bau der Neuen Synagoge passiert ist.
SchUM-Städte
Speyer, Worms und Mainz
SchUM ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Städtenamen Schpira (Speyer), Warmaisa (Worms) und Magenza (Mainz). SchUM war die Wiege des aschkenasischen (mittel-, nord- und osteuropäischen) Judentums.
Die jüdischen Gemeinden in den drei mittelrheinischen Städten formierten im Mittelalter einen Verbund, der die Architektur, Kultur, Religion und Rechtsprechung dieser jüdischen Diaspora zutiefst und bis heute prägte. Monumente – Synagogen, Frauenschulen, Lehrhäuser, Ritualbäder – und die einzigartigen Friedhöfe in Worms und Mainz belegen gemeinsam mit der religiösen Überlieferung die immense Bedeutung und Innovationskraft der SchUM-Gemeinden im Mittelalter.

Gegen das Vergessen
"Judenhäuser" in der Mainzer Neustadt

(sk) In Mainz, das seit jeher als Muttergemeinde der SchUM-Städte galt [siehe Infobox oben auf dieser Seite], gab es bis 1933 ein reges jüdisches Gemeindeleben mit etwa 2.700 Glaubensangehörigen. Die Mainzer Juden waren in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert und ihre Unternehmen konnten teilweise auf lange Tradition zurückblicken.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich ihr Leben tiefgreifend und sie wurden durch immer neue Gesetze und Verordnungen verfolgt, ausgegrenzt und entrechtet. Jüdische Hauseigentümer wurden enteignet oder gezwungen, ihre Häuser zum Schleuderpreis zu verkaufen. Und mit dem Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden von 1939 beendet die NSDAP den Kündigungsschutz von jüdischen Mietern, ihnen durfte fristlos gekündigt werden.

Jüdische Bürger wurden in sogenannten Judenhäusern, in die sie zwangsweise umgesiedelt worden waren, konzentriert. Einzelne Häuser waren vom NS-Regime – im Gegensatz zu einem Ghetto – leichter zu überwachen und eigneten sich auch besser für den Zugriff bei den zukünftig geplanten Deportationen.

Glaubensangehörige aus Rheinhessen wurden zum Umzug nach Mainz gezwungen, damit die Nationalsozialisten das Umland als „judenfrei“ deklarieren konnten. Diejenigen, die noch eine Unterkunft hatten, mussten auf Anordnung der Behörden  jederzeit jüdische  Wohnungssuchende aufnehmen.

Drangvolle Enge
Die „Judenhäuser“ in der Neustadt befanden sich in der Adam-Karrillon-Straße 13 und 54, in der Kaiserstraße 11, 32 und 53 sowie in der Frauenlobstraße 4 und der Taunusstraße 45.

Die Bewohner dieser Unterkünfte mussten die Eingangstüren mit einem schwarzen Davidstern auf weißem Papier kenntlich machen. Ihnen wurden sehr eingeschränkt Nahrungsmittel zugeteilt und sie durften nur noch in wenigen Geschäften einkaufen. Kranke erhielten keine ausreichende ärztliche Versorgung, da nichtjüdische Ärzte sie nicht mehr behandeln durften. Zum Verlust der vertrauten Wohngemeinschaft kam außerdem der Wegfall der Privatsphäre. Die Familien lebten dicht aufeinander gedrängt in oft primitiven Räumlichkeiten – jedes Zimmer war mit mindestens zwei Personen zu belegen.

Im März 1942 deportierten die Nationalsozialisten die ersten jüdischen Familien aus Mainz. Weitere Deportationen erfolgten im September 1942 sowie im Februar 1943. Die Juden wurden aus ihren Wohnungen abgeholt und zunächst zu den Sammelstellen in den Turnhallen der Feldberg- und Goetheschule gebracht. Die jüdische Gemeinde selbst musste ein Matratzenlager einrichten und die Verpflegung organisieren. In der darauffolgenden Nacht wurden die Menschen auf Lastwagen zum Güterbahnhof in der Mombacher Straße gefahren. Dort standen Sonderzüge der Reichsbahn bereit, die die Familien in die Konzentrations- und Vernichtungslager transportierten.

Gedenken
Mehr als 1.300 Mainzerinnen und Mainzer jüdischen Glaubens sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Viele Stolpersteine (siehe Infokasten) zeugen heute von ihren Schicksalen während der NS-Diktatur. 1945, nach dem Einmarsch der Amerikaner, lebten nur noch etwa 60 Juden in Mainz. Sie waren entweder mit Nichtjuden verheiratet gewesen oder hatten in Verstecken überlebt.   
Die Stadt Mainz hatte 2017 einen Ideenwettbewerb für einen Gedenkort „Deportationsrampe“ in der Mombacher Straße ausgeschrieben. Der Gewinnerentwurf wurde noch im selben Jahr präsentiert. Eine Realisierung des Mahnmals scheiterte aber bislang an der Finanzierung.

Die Stolpersteine sind ein europaweites Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Steine werden vor der letzten frei gewählten Wohnstätte der Betroffenen in den Bürgersteig eingelassen.

Mehr zum Thema:
(Bericht über die Stolperstein AG des
Frauenlob-Gymnasiums im Neustadtanzeiger
Januar 2013)

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