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April 2020
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Grenzenlose Neustadt – Barrierefreiheit für alle
… dafür muss noch einiges passieren

Die neue Postagentur in der Boppstraße macht es vor: Die Betreiber von Papier- und Stiftecke haben sich etwas einfallen lassen, um für alle Kunden da sein zu können. Denn zu ihrem neuen Laden führen mehrere Stufen. So bedienen sie nun Menschen, die etwa wegen einer Gehbehinderung durch Krankheit oder Alter nicht in ihren Laden kommen, durch ein Fenster – sogar bevorzugt vor allen anderen Kunden. Das könnten sich sicher auch viele andere Läden in der Neustadt zum Vorbild nehmen. Denn in Sachen Barrierefreiheit – gerade für Gehbehinderte – gibt es in der Neustadt noch einiges zu tun.

(cko) „Manchmal würde man einfach gern allein irgendwo reingehen und oft ist da dann nur eine einzige Stufe im Weg“, ärgert sich Jan Kampmann, 32 Jahre, Journalist. Er wohnt aktuell in der Neustadt Nord – ist gerade auf dem Sprung nach Hamburg. Ein fitter, witziger, energischer junger Mann im Rollstuhl, der gern selbstständig und unabhängig, gern unter Leuten, gern unterwegs ist, ausgeht. Wohin, muss er sich in der Neustadt allerdings gut überlegen. Denn mit dem Rollstuhl in eine Kneipe oder ein Café zu kommen, ist schwierig. Rund um den Gartenfeldplatz etwa ist kaum eine Gastronomie ohne Stufen zu erreichen: „TUB“, „Annabatterie“, „N’eis“, „Laurenz“, „Nirgendwo“, „Schrebergarten“… Oft bleibt nur eins: Leute anquatschen und hoffen, dass sie ihn mitsamt Rollstuhl reintragen.

Wird geschellt, kommt Hilfe
Ganz gut findet Jan die Lösung des Pizzaimbiss’ „Cremina“ in der Kurfürstenstraße. Die Betreiber haben sich – ähnlich wie die Postagentur in der Boppstraße – etwas einfallen lassen: eine kleine Klingel am Eingang vor den Stufen. Wird geschellt, kommt direkt jemand zur Hilfe. Noch besser sind allerdings stufenfreie Eingänge. Deswegen ist er oft in der „Neustadt Apotheke“ am Frauenlobplatz, wenn er alleine unterwegs ist: Dort ist der Eingang ebenerdig und die Tür breit genug. Klar ist das baulich gerade bei älteren Häusern nachträglich nicht möglich. Doch Jan wünscht sich zumindest: Wo nur eine oder zwei Stufen sind und genug Platz ist, kleine Rampen zu bauen, wie zum Beispiel am „Bukafski“.

„Bukafski hat zumindest eine mobile Rampe“, sagt Matthias Rösch, der Behindertenbeauf tragte des Landes Rheinland-Pfalz. Er wohnt mitten in der Neustadt und ist seit einem Unfall im Kindesalter ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch er kennt wohl jede Barriere in unserem Stadtteil, über die sich ein gesunder Mensch naturgemäß vermutlich noch nie Gedanken gemacht hat. „Einige Gaststätten wie der „Hahnenhof“, der „Kurfürst“ oder die Pizze ria am Bismarckplatz haben auch mit Mitteln aus der Sozialen Stadt ihre Eingangsstufen beseitigt, weiß Rösch. „Allerdings gibt es hier keine Behindertentoiletten. Daran wird deutlich, dass wir in der Mainzer Neustadt viele ältere Gebäude haben, die nicht barrierefrei sind. Fortschritte zur baulichen Barrierefreiheit sind hier nur langsam zu erkennen“, so Rösch. Die Rampe zum Ladengeschäft von „Luups“ aber zeige zum Beispiel, wie bei bestehenden Gebäuden ein barrierefreier Zugang geschaffen werden kann. „Lösungen wie diese sind aber noch viel zu selten. Von flächendeckender Barrierefreiheit sind wir auch bei Arztpraxen und Apotheken noch weit entfernt“, bedauert Rösch.

Einige gastronomische Highlights
Auch das Lebensmittel-Einkaufen geht nicht überall so einfach: Einige Bäcker oder etwa der „Penny“ in der Boppstraße sind für bewegungseingeschränkte Menschen wegen der vielen hohen Stufen unerreichbar. Andere Supermärkte sind dagegen komplett barrierefrei, wie zum Beispiel „Rewe“, „nahkauf“, „natürlich“ oder „Alnatura“.

In anderen Ländern wie etwa in den USA ist Barrierefreiheit Standard. Ähnlich ist das hierzulande nur in öffentlichen Ein richtungen: Das Stadthaus hat einen Seiten ein gang, der Bahnhof genug Aufzüge, die Kunst halle (inklusive Café „7 Grad“) ist barrierefrei und verfügt über eine rollstuhlgerechte Toilette, die Ortsverwaltung ist über den Hof mit einem nachträglich montierten Aufzug erreichbar und auch das Neustadtzentrum in der Goethestraße ist vorbildhaft. Banken sind ebenfalls meistens problemlos. Und auch bei den Gastronomien gibt es mit dem „Gasthof Grün“ oder dem indischen Restaurant „Punjab Tandoori“ in der Wallaustraße in Sachen Barrierefreiheit durchaus „einige Highlights“ in der Mainzer Neustadt, findet Matthias Rösch.

„Mobilität für alle!“
Auch der neue Ortsvorsteher Christoph Hand und seine Grünen-Mitstreiter im Ortsbeirat sind problembewusst: „Die Neustadt ist in vielen Bereichen leider noch lange nicht barrierefrei“, auch, wenn sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durchaus schon einiges bewegt habe – wie im öffentlichen Nahverkehr etwa mit dem barrierefreien Umbau zahlreicher Bushalte stellen zum Beispiel in der Hindenburgstraße und an der Rheinallee. So haben sie sich einige konkrete Ziele gesetzt: „Die Teilhabe von Menschen mit Behinderung (blind, sehbehindert, gehörlos, motorisch eingeschränkt usw.) am Leben muss durch eine barrierefreie Umwelt ermöglicht werden.“ Eines der „grünen“ Ziele: „Mobilität für alle! Zum Beispiel durch eine behindertengerechte Ausstattung der Fußgängerampeln und Entschärfung von Gefahrenzonen im örtlichen Straßenverkehr.“ Bei der aktuellen Umgestaltung der Boppstraße etwa sei laut Ortsvorsteher „im Vorfeld die Barrierefreiheit überprüft und nach Möglichkeit durch schwellenlose Übergänge und neue Gehweggefälle dem heutigen Standard angepasst“ worden. Und auch so genannte taktile Leitelemente würden dort weiter ausgebaut, also weiße Noppen- oder Rippenplatten als Leithilfe für Sehbehinderte.

Ampeln mit akustischen Signalen nötig
Da sieht auch der Behindertenbeauftragte Matthias Rösch besonderen Nachholbedarf – „in der blinden- und sehbehindertengerechten Gestaltung des Verkehrsraums. Dazu brauchen wir auch mehr Ampeln mit akustischen Signalen“, betont er. Und er sieht noch mehr Schwach stellen für sehbehinderte und blinde Menschen wie etwa mangelnde Abgrenzung zwischen Geh weg und Fahrwegen. Auch die grauen Poller mitten auf grauen Gehwegen machen sehbehinderten Menschen zu schaffen, weiß Rösch. „Hier muss stärker mit Kontrasten und taktil fühlbaren Bodenindikatoren gearbeitet werden. Dringender Hand lungsbedarf besteht bei dem Gehweg der Josefstraße, der in einem schlechten Zustand ist. Außerdem ist die Beleuchtung in diesem Bereich zu verbessern. Ärgerlich ist die neu gestaltete Südmole am Zollhafen mit zu viel holprigem Kopfsteinpflaster.“

Immerhin wurde bei den Umbau maß nahmen im Bereich der „Caponniere“ nun daran gedacht, „dass die holprige Oberflächenstruktur beseitigt und die Barrierefreiheit zum Kinderspielplatz am Rhein hergestellt wird, freut sich Ortsvorsteher Hand: „Wir müssen ermöglichen, dass auch die Oma mit ihrem Enkelkind den Spielplatz am Rheinufer mühelos erreichen kann“, denn Barrierefreiheit hat aus seiner Sicht auch viel mit dem demografischen Wandel und dem Älterwerden der Gesellschaft zu tun. Außerdem könne jeden eine Bewegungseinschränkung quasi jederzeit treffen – sei es durch einen Unfall oder eine Krankheit. „Niemand darf benachteiligt sein. Dies gilt es bei sämtlichen Planungs prozessen sicherzustellen und umzusetzen.“

Barrierefreies Wohnen
Den meisten Nachholbedarf sieht der Landesbehindertenbeauftrage Rösch bei barrierefreiem und bezahlbarem Wohnraum. Insgesamt ist der Wohnungsmarkt ja schon angespannt und schwierig. Umso mehr, wenn man mobilitätseingeschränkt ist – nicht nur in Mainz. „Die Neustadt ist geprägt von Gebäuden aus der Gründerzeit und Nachkriegszeit. Damals war Barrierefreiheit kein Thema und das schafft uns heute in einer älter werdenden Gesellschaft Probleme.“ Durch die Vorgaben der Landesbauordnung ist das mittlerweile bei Neubauten anders – wie man etwa in den neuen Quartieren im Zollhafen, in der Sömmerringstraße, am Barbarossaring oder in der Josefstraße sieht. Diese Häuser verfügen über Aufzüge, die meisten auch über Tiefgaragen und viele Wohnungen zumindest barrierearm. Für Altbauten können Beratungs- und Finanzierungsmöglichkeiten zur Wohnraumanpassung, zum Beispiel durch die Landesberatungsstelle barrierefrei Bauen und Wohnen der Verbraucherzentrale, die Förderprogramme der Investitions- und Strukturbank und der KfW genutzt werden (siehe Kasten unten zu Möglichkeiten und Förderungen).

Barrieren in den Köpfen weiter abbauen
„Jede Baumaßnahme, die jetzt durchgeführt wird, legt für Jahrzehnte fest, wie die Lebensqualität im Stadtteil sichergestellt wird“, beschreibt Ortsvorsteher Hand. „Ich wünsche mir, dass dies bei neuen Baumaßnahmen immer mit bedacht wird, nicht nur der barrierefreie Zugang, sondern auch passendes Interieur.“ Außerdem wünscht er sich, dass öffentliche Veranstaltungen mit Gebärdensprache begleitet werden. Matthias Rösch schwebt für die Zukunft der Neustadt „ein barrierefreies und inklusiv ausgerichtetes soziokulturelles Zentrum“ vor – die Kulturbäckerei, in der ehemaligen Kommissbrotbäckerei – „um die Barrieren in den Köpfen weiter abzubauen“. Außerdem möchte er die „AG Barrierefreiheit“ wieder aufleben lassen, einen Arbeitskreis, der sich um genau solche Belange kümmert und der in den vergangenen Jahren pausiert hat: „Das würde unserem Stadtteil guttun.“ Wer mitmachen möchte, soll sich beim Quartiermanagement melden (www.soziale-stadt-mainz.de).

Nützliche Infos und Ansprechpartner
Übersicht über die Barrierefreiheit für Geh-, Seh- und Hörbehinderte in Gastronomie, Arztpraxen, Bushaltestellen etc.: www.mobilemenschen.de

Commit Club Behinderter und ihrer Freunde in Mainz und Umgebung e.V., Josefstr. 54-56
Bietet für behinderte und chronisch kranke Menschen und deren Angehörige kostenlos Beratung (Rechte, Neuorientierung, Unterstützungsangebote, Assistenz und andere Hilfen) an, regelmäßige
offene Stammtische in der Neustadt, Freizeitgruppe, Spielenachmittag, Feste usw.:

Das Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, Mainz e.V. (ZsL Mainz e.V.) ist eine Beratungsstelle und Interessenvertretung für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. - Rheinallee 79-81: www.zsl-mz.de

Viele nützliche Beratungsangebote, Selbsthilfegruppen usw. für alle Lebensbereiche – zusammengetragen von der Stadt Mainz:

Links zu Reiseangeboten, Audio-Stadtführern, Behindertentoiletten uvm.
(Nicht nur) Corona-Ausnahmezustand
(cko) Seit Wochen gibt es kaum noch ein anderes Thema in den Medien genauso wie in Privatgesprächen. Fast alle öffentlichen und pri vaten Veranstaltungen sind längst abgesagt, Gottesdienste finden schon seit Wochen nicht mehr statt und viele Läden wie Gastronomien wurden – zumindest zum Teil – geschlossen.

Aber das Coronavirus hat auch Neues gebracht – unter anderem Solidaritäts- und Hilfsangebote für Betroffene der Corona-Risikogruppe: Gesunde bieten Einkaufsservices, Kinder- oder Hundebetreuung oder Apothekengänge für Menschen an, die ihre Wohnun gen nicht verlassen können. Wer
selbst Hilfe braucht oder helfen möchte – hier geht’s zu den einzelnen Hilfsangeboten:

• „Meenzer Neustadt hilft“: Whatsapp-Gruppe in der Neustadt: bit.ly/38XA5QW (mit dem Smartphone öffnen) | 01511/1935738

• „Einkaufshilfe Mainz“: Studenten-Initiative der JGU: www.dcjg.de/einkaufshilfe | einkaufshilfe-mainz@outlook.de | 0178/2825607

• „Die Einkaufshelden“: parteiliches Angebot der Jungen Union: www.die-einkaufshelden.de

• „Nebenan.de“: Allgemeine Nachbarschaftshilfe: www.nebenan.de

• kirchliches Angebot: jaeger@canisius-mainz.de (Pfarrei St. Petrus Canisius, Gonsenheim)

Darüber hinaus bieten die meisten Einrichtungen und Initiativen der Mainzer Neustadt weiterhin einen telefonischen Beratungsservice an oder sind per E-Mail erreichbar. Aber selbst in Zeiten wie diesen gibt es in der Neustadt noch andere Themen als Corona.

Viel Spaß beim Lesen des aktuellen Neustadt-Anzeigers. Bleiben Sie gesund!

Ihr Neustadt-Anzeiger-Redaktionsteam
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