Seite 2 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Droschkenstube verspricht „Spaß im Glas“
Wiedereröffnung als Treffpunkt für Jung und Alt



(ki) Vor 10 Jahren hatte der Neustad-Anzeiger die Droschkenstube besucht. Höchste Zeit, mal wieder reinzuschauen – zumal sich viel getan hat.

Nachdem das Mainzer Betreiber-Ehepaar Priesterroth im Corona-Jahr 2020 aufgab, haben Dirk Flaxmeyer und Julius Wagner das Lokal im Februar mit neuem Konzept wiedereröffnet.

Der 40-jährige Pfälzer und der 39-jährige Mainzer haben sich vor rund 20 Jahren während der Studienzeit in Mainz kennengelernt und die gemeinsame Begeisterung für guten Wein und gutes Essen entdeckt. Bis die Berufung allerdings zum Beruf wurde, hat es dann viele Jahre gedauert. Als sie die Immobilie entdeckten, war aber schnell klar: Das wird ein gemeinsames Projekt!

Der Name „Droschkenstube“ stammt übrigens nicht aus der Zeit der Pferdekutschen. Günther Daut, dessen Frau Christine das Lokal 1975 gründete und denen das Haus gehört, war seinerzeit der dienstälteste Taxifahrer von Mainz.

Hohes Level an Tradition
Und genau die Einrichtung und Ausstrahlung dieser Gründungszeit sind auch bei den neuen Betreibern geblieben: dunkles Holz, Butzenfenster, blumige Deckenmalerei, gemusterte Sitzbezüge und die grandios-hässlichen Bad-Kacheln aus den 1970er Jahren – alles bestens gepflegt und aufbereitet. „Diesen Spirit wollten wir beibehalten – alt, aber auch wieder cool. Gerade die jüngeren Gäste sind begeistert und nutzen das Ambiente gerne für Insta-Storys“, erzählt Julius. „Wir verbinden das hohe Level an Tradition mit einer vielfältigen und ungewöhnlichen Bestückung der Weinkarte“, ergänzt Dirk. So sind dort regionale rheinhessische Winzer vertreten, die sich meist noch nicht in Mainzer Weinhäusern finden. Gleichberechtigt dazu eine Auswahl an pfälzischen Tropfen. Als Schorle natürlich jeweils stilecht in der Mainzer Weinstange oder dem Pfälzer Dubbeglas.

Die beiden Freunde sind jedoch ebenso offen für besondere Weine aus anderen Regionen. „Wir verstehen uns als Türöffner auch für Weinneulinge. Im Gespräch mit den Gästen versuchen wir, Geschmäcker herauszufinden und über passende Empfehlungen sowohl Erwartungen zu erfüllen, als auch Zugänge zu Neuem zu öffnen.“ Im kulinarischen Angebot sind eine Auswahl an Flammkuchen, klassischen Weinsnacks sowie ein wöchentlich wechselndes Gericht.

Treffpunkt fürs Viertel
Im Vordergrund steht das Motto „Spaß im Glas“. Und das scheint anzukommen: Alteingesessene Gäste freuen sich über die Reaktivierung der Droschkenstube, ein jüngeres Publikum entdeckt das Angebot ganz neu, wie auch pfälzische Besucher:innen, die hier ein Stück (Wein-)Heimat finden. So verbringen Alt und Jung zusammen gesellige Abende, und es ist auch schon mal Mainzer Prominenz darunter wie der rheinland-pfälzische Innenminister Michael Ebling oder der Kabarettist Tobias Mann. In der Sommersaison stehen dafür zudem ein Innenhof mit drei großen Tischen sowie schattige Sitzplätze in der verkehrsarmen Aspeltstraße zur Verfügung.

Perspektivisch verstehen Dirk und Julius ihre „Droschke“ als Treffpunkt für das Viertel. So wollen sie – nach ersten guten Erfahrungen – weitere Weinpräsentationen anbieten oder auch After-Work-Treffen und können sich gemeinsam mit den umliegenden Lokalen und Einrichtungen auch mal ein Straßenfest vorstellen.
Ich fühle mich hier grottenwohl!“
Claudia R. wohnt seit über einem halben Jahrhundert in der Neustadt

(lf) Sie geht gerne auf den Markt am Frauenlobplatz, sie kauft ihre Schorle vornehmlich im „Liebs“ in der Leibnizstraße und trinkt ihren Kaffee gern in der „Neustadt Apotheke“. Auf der Bank vor dem Eingang der Café-Bar, ihrem Stammplatz. Claudia liebt die Neustadt. Seit Jahren. Seit sie vor über einem halben Jahrhundert aus einem kleinen südhessischen Dorf hierhergezogen ist. Sie ist eine Vorreiterin für alle Hergezogenen, die es heutzutage zuhauf in der Neustadt gibt – Integration von der ebsch Seit gelungen.

Claudia R. ist 75 Jahre alt, kommt aus Klein-Gerau und spricht laut eigener Aussage dreieinhalb Sprachen, inklusive ein paar Brocken finnisch. In ihrem Leben ist sie viel herumgekommen, der Neustadt aber ist sie seit über 50 Jahren treu. „Ich fühle mich hier grottenwohl!“, sagt sie sichtlich zufrieden.  

Hirntumor verändert Claudias Leben
In der „Neustadt Apotheke“ kennt sie jede und jeder und man bekommt im Laufe des Gesprächs das Gefühl, die halbe südliche Neustadt tut das ebenfalls. Deshalb ist sie sich auch sicher: „Wenn ich hier umfalle, wissen alle, wo sie mich hinbringen sollen.“ Was lustig klingt, ist jedoch bitterer Ernst. Denn Frau R. ist halbseitig gelähmt, seit sie 1992 nur knapp dem Tod entkam.

Ein Hirntumor hat ihr Leben im Alter von 44 Jahren komplett, nun ja, auf den Kopf gestellt. Wochenlang lag sie damals im Koma und musste sich zurück ins Leben kämpfen – Sprechen lernen inklusive. Nun babbelt sie wieder fast so viel wie früher, als ihr eine Lehrerin in der Grundschule mal den Mund mit einem Pflaster zuklebte, um ein wenig Ruhe zu haben.

Das habe sie während ihrer Zeit als Kinderpflegerin, wie das damals noch hieß, selbstverständlich nie gemacht. In vielen ihrer Geschichten tauchen dann Personen auf, die oder deren Kinder sie von 1972 bis 1992 betreut hat und denen sie im einwohnerstärksten Mainzer Stadtteil immer mal wieder über den Weg läuft.

Beim Thema Laufen hat die ehemals passionierte Läuferin dann doch etwas Kritik für ihre geliebte Neustadt übrig. Denn das falle ihr und ihrer Gehhilfe an manchen Stellen ziemlich schwer, da die „Bürgersteige teilweise nur Flickwerk sind“. Gerade beim Blumenladen am Frauenlobplatz seien die Bordsteine so schräg, dass sie da gar nicht laufen könne.

Sie liebt den Zusammenhalt in „ihrem Kiez“
Zu ihrer Zeit als Kinderpflegerin sei die Neustadt noch „kein gutes Viertel“ gewesen, erzählt sie und ergänzt: „Ich habe mich nirgendwo alleine hingetraut.“ Vor allem in das Gebiet um die alte Alice-Kaserne am Goetheplatz hat sie keinen Fuß gesetzt, da die Gegend für die Menschen, die nicht dort wohnten, lange Zeit als No-go-Area galt. Auf eine bestimmte Art und Weise gelte das heute immer noch, sagt Frau R. eher im Scherz und berichtet von ihren Freunden aus der Altstadt, die nach dem Besuch der „150-Jahre-Neustadt“-Feier im letzten Jahr verwundert feststellten: „Die Neustädter sind ein völlig anderes Klientel.“

Sie selbst kommt mit diesem Klientel bestens zurecht, auch wenn ihr der Wandel der letzten 20 Jahre vom Arbeiterbezirk hin zum In-Viertel natürlich nicht verborgen geblieben ist. Dennoch gebe es diesen besonderen Zusammenhalt, der das Leben in der Neustadt so wertvoll mache. Auch die Hilfsbereitschaft, die ihr entgegengebracht wird, will sie nicht missen. Ob bei der spontan angebotenen Haushaltshilfe aus der „Apotheke“, beim Fensterln in der Post-Filiale in der Boppstraße oder bei der Zimtschnecken-Lieferung vor die Tür der „Fetten Henne“.

Alles andere als aus der Zeit gefallen
Mittlerweile bestellt sie auch keinen „Äppelwoi“ mehr, wie sie das in ihrer Anfangszeit gemacht hat, als sie sich donnerstags im „Haddocks“ zum Krankenschwester-Stammtisch traf. „E Schörlsche geht immer“, sagt sie heute und erwähnt wieder ihre Lieblingsschorle. Ihren Wein bezieht die 75-Jährige übrigens exklusiv aus dem „Cardabela-Buchladen, deren Betreiber sie regelmäßig aus deren rheinhessischer Heimat beliefern.  

Sie sei aus der Zeit gefallen, betont sie immer wieder im Laufe des Gesprächs, während dessen sie sich mit jungen Menschen über Rauchen, Fremdsprachen und Chili con Carne austauscht, den Paketzusteller grüßt und Geschichten aus dem „Kurfürst“, dem „MA:DORO“ und dem „Nirgendwo“ erzählt. Von wegen aus der Zeit gefallen. „Heute Abend gehe ich wieder in die ‚Droschke‘“, sagt sie und schwärmt vom Hinterhof der wiedereröffneten Weinstube in der Aspeltstraße. Claudia R. Ist in der Neustadt alles andere als aus der Zeit gefallen.

„Hier bin ich absolut in meinem Kiez“, sagt sie dann auch, nippt an ihrem Cappuccino und blickt von ihrem Stammplatz vor der „Neustadt Apotheke“ versonnen auf den Frauenlobplatz, an dem sie sich so wohlfühlt. Die Neustadt ist ihr Zuhause geworden, und da ist es ja bekanntlich am schönsten.

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