Seite 3 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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April 2020
Brennpunkt Bleichenviertel
Lebendig und vielfältig – aber auch sicher!?
(tl) „Das Bleichenviertel ist nicht mehr wie früher. Da kamen viele junge Familien zu uns zum Einkaufen. Heute nicht mehr. Die Leute fühlen sich hier nicht mehr sicher“, Originalton der Besitzerin eines kleinen Lebensmittelgeschäfts in der Hinteren Bleiche. Und sie ist nicht die Einzige, die diese Meinung vertritt. Aber – ist das denn wirklich so?

Wie sieht die Polizei die Situation und was tut sie für die Sicherheit?
Antwort auf diese Frage erhalte ich von Felix Bormann, Polizeioberkommissar in der Polizeiinspektion Mainz 1 (PI 1) in der Weißliliengasse, die für die gesamte Altstadt und das Bleichenviertel zuständig ist.

Richtig sei, dass das Bleichenviertel seit geraumer Zeit einen polizeilichen Brennpunkt mit entsprechendem Handlungsbedarf darstellt. Die Polizei zählt folgende Straßenzüge dazu: Hintere-, Mittlere- und Große Bleiche, Gärtnergasse, Zanggasse, Neubrunnenstraße, Neubrunnenplatz, Heidelbergerfaßgasse und Schießgartenstraße.

Hier gibt es viele Banken, große und kleinere Geschäftshäuser, Restaurants, Kneipen, Bars und sogenannte Erlebnisbetriebe, wie zum Beispiel Spielhallen. Außerdem liegt das Viertel nahe beim Hauptbahnhof. Die Straßen sind eng und verwinkelt, Hinterhöfe und unübersichtliche Ecken bieten viele Rückzugs möglichkeiten für den Drogenhandel. Seit 2013 ist eine geringe, wenn auch stetige Steigerung von Straftaten erkennbar. Das jährliche Niveau liegt
bei ca. 800 registrierten Straftaten, die sich mehrheitlich auf die Bereiche Eigentumskriminalität, Betäubungsmittelkriminalität und Körperverletzungsdelikte verteilen, wobei zwischen der Eigentums- und Betäubungsmittelkriminalität ein direkter Bezug besteht.

„Es ist unser erklärtes Ziel, dass sich im Bleichenviertel jeder jederzeit sicher fühlt“
Regelmäßig „Präsenz“ zeigen, darum geht es. „Wir wollen, dass uns Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen und jederzeit ansprechen können“, bekräftigt Bormann weiter.

Auch mit den Inhabern der Gastronomiebetriebe und sonstigen Läden steht die Polizei in Kontakt. Sie können ihre Kontaktdaten hinterlegen, damit sie im Bedarfsfall schnell benachrichtigt werden können. Ein klassischer Fall wäre beispielsweise eine nächtliche Beschädigung einer Scheibe eines Kiosks. Ein entsprechendes Schreiben zur Abfrage der Daten wurde im Viertel verteilt. Desgleichen ein Flyer mit Kontaktdaten der „Bezirksbeamtinnen bzw. -beamten“, die bei allgemeinen Fragen rund um das Thema Sicherheit als erste Ansprechpartner fungieren und im PI 1 anzutreffen sind.

Im Gespräch mit der Bezirksbeamtin Cornelia Held erfahre ich, dass einige Kollegen der PI 1 sogar ein eigenes Projekt „Bausteine für die Sicherheit“ im Stadtgebiet/Dienstgebiet BASIS/BASID entwickelt haben. Eine Gruppe dieser Kollegen hat sich speziell des Brennpunkts Bleichenviertel angenommen.

Sie erklärt: Generell wird in einem Brennpunkt-Viertel mehr Streife gefahren oder auch gelaufen, wenn es die Zeit erlaubt. Das BASIS/BASID-Konzept strukturiert die Einsätze besser und versucht auch, mehr Regelmäßigkeit bei allgemeinen Kontrollen zu erzielen.

Auf Grund der verschiedenen Deliktarten sind auch verschiedene polizeiliche Organisationseinheiten an den Maßnahmen beteiligt. So führt zum Beispiel auch das Fachkommissariat 3 der Kriminalinspektion Mainz („Rauschgiftdezernat“) Personenkontrollen und Durchsuchungen in eigener Zuständigkeit durch.

Zudem gibt es regelmäßig größere Sondereinsätze. Auf Einladung der Polizei konnte ich für den Neustadt-Anzeiger am 10. Januar an einem solchen Einsatz teilnehmen und mir ein Bild über die polizeilichen Aktivitäten machen. Mit etwa 20 Personen in zivil, unter Jacken und Mänteln mit kugelsicheren Westen ausgestattet, wurden Spielotheken, Kneipen, Gaststätten, Shisha-Bars und öffentliche Plätze, die bekanntermaßen Gefährdungspotential haben, kontrolliert und untersucht. Außer den Schutzpolizisten der PI 1 nahmen auch Beamte des Haupt zoll amts Koblenz und Kollegen des kommunalen Vollzugsdiensts des Rechts- und Ordnungsamtes der Stadt Mainz teil. Die Zoll-Kollegen überprüften Dinge wie Arbeitsgenehmigungen, Gast stätten-Verordnungen, Schwerpunkt Schwarz arbeit, die Kollegen derStadt unter anderem die Einhaltung desJugendschutz gesetzes, des Brandschutzes undder Laden schlusszeiten. (So begann der Einsatzauch in einer Spielothek in der Parcusstraße.) Gemeinsam in der großen Gruppe oder aufgeteilt in einzelnen Fahrzeugen und unabhängig voneinander verteilten sich die Kontrolleinsätze über mehrere Stunden bis in die späte Nacht hinein. Gefunden wurden dabei verschiedene Drogen und Waffen. Auch konnte beispielsweise in zwei Fällen eine Fahrt unter Alkohol durch die rechtzeitige Erkennung und Sicherstellung des Fahrzeugschlüssels verhindert werden.

Beeindruckt war ich von der Wachsamkeit der Beamten, die beim Gang durch die Straßen gleichsam wie mit einem Röntgenblick alle Besonderheiten, verdächtige Personen und Fahr zeuge, registrierten. Die daraus folgenden Kontrollen selbst zeichneten sich durch hohe Professionalität, Klarheit, Sachlichkeit und Respekt den kontrollierten Personen gegenüber aus, ebenso wie der faire und respektvolle Umgang der Kolleginnen und Kollegen untereinander.

„Die Bürger sind unsere Partner – gemeinsam sind wir erfolgreich“
So heißt es im Leitbild der Polizei Rheinland-Pfalz. Und mein Eindruck ist: das wird auch tatsächlich so gelebt.

Bezirksbeamtin Held wünscht sich von den Bürgerinnen und Bürgern dazu noch mehr Engagement, sich auch selbst zu schützen. Das fängt damit an, beim Herumlaufen die Taschen verschlossen und am Körper zu halten und hört nicht damit auf, die Kopfhörer von den Ohren zu nehmen, um mitzubekommen, was sich um einen herum abspielt und sich bei Bedarf von der Polizei Hilfe zu holen.

Sie vermutet: „Die Hemmschwelle, die Polizei anzurufen, scheint immer noch zu hoch zu sein“, und rät: „Lieber einmal zu viel als zu wenig bei der Polizei oder dem Bezirksdienst anrufen. Dem eigenen Gefühl trauen, wenn einem etwas komisch vorkommt, das wäre gut. Wir kommen dann und klären die Situation. Dafür ist die Polizei da. Nutzen Sie sie.“

Zweifelhaftes Image und bezahlbarer Wohnraum
(kk) Die etwa 250 Meter lange Zanggasse verbindet die Kaiserstraße mit der Mittleren
Bleiche. Ein Teil der Straße ist Denkmalzone.

Der Name könnte auf das mittelhochdeutsche Wort Zanke und damit auf einen ursprünglich gekrümmten, zinkenförmigen Straßen verlauf zurück gehen. Die ursprüngliche „Zanckgaß“ ging nämlich um die Ecke: Zu ihr gehörte noch das Stück der Mittleren Bleiche bis zur Neubrunnenstraße, die sogenannte „Hindere Zanckgaß“. Pate für den Straßennamen könnte aber auch die ebenfalls mittelhochdeutsche Zange sein, das Zunftzeichen am Haus eines Schmieds. Vielleicht war es aber auch einfach schon ein Hinweis darauf, dass hier mal Kriminelle in die Zange genommen werden sollten…

Mord und Totschlag in der Zanggasse
Denn heute ist die Besonderheit der Zanggasse vermutlich ihr eher „zweifelhafter“ Ruf. Das wird schon deutlich, wenn man den Namen in eine Internet-Suchmaschine eingibt. Der Computer spuckt dann Schlagzeilen aus wie „Totschlag in der Zanggasse“, „Frauenleiche in der Zanggasse gefunden“, „Schlägerei in Mainzer Bar“.

Damit ist die Lima Bar gemeint, die sich ebenso wie die Lido Bar und die Dorett Bar in der Zanggasse befindet. Und gleich um die Ecke, in der Kaiserstraße, liegt noch die Carlton Bar. Sie alle tragen zum halbseidenen Image bei, das sich die Zanggasse in der Vergangenheit „erarbeitet“ hat, genau wie der gesamte Kiez, in dem sie liegt: das Bleichenviertel.

Gestern und heute: Drogen und bescheidene Verhältnisse
Das Erscheinungsbild der bahnhofsnahen Gegend war bis hinein in die 2000er Jahre geprägt von Einrichtungen des Rotlichtmilieus, inklusive Prostitution, Zuhälterei und Waffenhandel. Später machte sich eine Drogenszene dort breit, wo heute Künstler und Lebensmittel- oder Shisha-Läden eingezogen sind und zunehmend Studierende bezahlbaren Wohnraum finden.

Das war übrigens auch schon im 17. Jahrhundert der Fall, als hier die Hausbesitzer zu Berufsgruppen wie Kutschern, Sackträgern und Hofgärtnern gehörten – in einer Umgebung, die ansonsten eher von Adelshöfen und großen Gär ten geprägt war. Und auch kleine Läden, wie Schneider, Bäcker und Gemüsehändler, gehören schon zur frühen Geschichte der Zanggasse.

Quasi Tradition haben daneben auch die Drogen: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich im Haus Nummer 1 die Engel-Drogerie, sozusagen das Pendant zur Engel-Apotheke in der nahen Großen Bleiche. Bis heute steht die Zanggasse mit im Fokus polizeilicher Beobachtungen und finden hier Razzien statt (s. Artikel „Brennpunkt Bleichenviertel“ oben auf dieser Seite). Die Zanggasse ist – wie schon gesagt – eine Straße, die konsequent an ihrem Ruf arbeitet. Und das über Jahrhunderte hinweg.

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