Seite 3 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Es grünt so grün
Von Baumscheiben und Gemeinschaftsgärten im Neustädter Kiez



(sb) Man muss nicht erst nach Spanien reisen, um blühende Blüten bewundern zu können. Dafür reicht schon ein Spaziergang durch das Viertel: In vielen Straßen werden kleine Beete, sogenannte Baumscheiben, mit allerlei Blumen und Verzierungen verschönert sowie für unsere heimischen Insekten in „Futterstellen“ verwandelt. In großen Blumenkübeln finden sich Wellness-Angebote für Hummeln und andere Nützlinge. Und wer sich am Frauenlobplatz schon einmal gefragt hat, was es mit den drei bunt bemalten Pflanzkisten auf sich hat, der wird vielleicht überrascht sein, dass man dort mitten in der Stadt kleingärtnern kann. Doch wer kümmert sich um all diese schönen Plätze und wie kann man selbst ein Teil davon werden?

Grünpatenschaften
Als Baumscheibe wird im Gartenbau der Boden um das untere Ende eines Baumes bezeichnet. In der Regel kümmert sich das Grün- und Umweltamt um die Bepflanzung und Pflege. Wer sich zur individuelleren Gestaltung selbst um eine solche Baumscheibe kümmern möchte, kann sich dort um eine Grünpatenschaft bewerben. Die Stadt Mainz gibt keine Gestaltungsvorgaben oder Einschränkungen, lediglich allgemeine verkehrs- und sicherheitsrelevante Bestimmungen sollen eingehalten werden.

Wer keine direkte Patenschaft übernehmen möchte, sich aber gerade in besonders trockenen Sommermonaten um umliegende Bäume kümmern will, kann das Grün- und Umweltamt durch Gießen unterstützen. Dabei gilt: lieber einmal in der Woche, dafür aber reichlich statt jeden Tag nur ein bisschen. Denn sonst dringt das Wasser nicht bis zu den tief liegenden Wurzeln durch und verdunstet ungenutzt an der Oberfläche. Verschönerte Baumscheiben werden eher selten Opfer von Vandalismus, dies zeigt deutlich, dass dem ehrenamtlichen Engage ment der Paten eine verdiente Wertschätzung entgegengebracht wird.

Kein Schaugarten, dafür ein nützlicher Naturgarten
Eine, die sich schon seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt und gut auskennt, ist Heidrun Kirschbaum. Sie betreut mittlerweile vier Baumscheiben rund um den Frauen lob platz. Die gelernte Fach-Kinderkranken schwest er hat sich 2016 zur Kräuter-Pädagogin weitergebildet. Seitdem gibt sie unter anderem für Interessierte Kräuter-Führungen, um auf die Vielfalt an Heil- und Wildkräutern, die direkt vor unserer Haustür wachsen, aufmerksam zu machen. Oder wussten Sie schon, dass die Brennnessel ein heimliches und heimisches Super-Food ist? Sie dient ca. 80 verschiedenen Schmetterlingsarten als Futterquelle, ist als Salat oder Tee genießbar und ihre Samen sind besonders mineralstoffreich, so dass sie getrock net ein ideales Topping für das morgendliche Frühstück darstellen. Oder dass die Samen des Spitzwegerichs wie Chia-Samen verwendet werden können und die Blüten knospen nach frischem Champignon schmecken können?  

„Die Natur kommt gut ohne uns aus, aber wir nicht ohne die Natur“, so Kirschbaums Philosophie und der Grund, warum in ihren Baumscheiben viele eher unscheinbare Heilund Wildkräuter und mittlerweile auch insektenfreundliche Blühpflanzen wie Kugeldisteln oder Malven wachsen. Dabei ist die Pflege und Wasser versorgung nicht immer einfach, aber „für mich ist das eben mein tägliches WorkOut“ gesteht Heidrun Kirschbaum lachend. Um mehr Men schen die Bedeutung von Heil- und Wildkräu tern näher zu bringen, unternimmt sie im August zusammen mit der Buchhandlung CAR DABELA eine literarische Kräuterwanderung auf dem Jakobsberg. Und voraussichtlich im November findet in den Räumlichkeiten des CARDABELA eine KräutermärchenLesung statt. Im Anschluss können die Teil nehmende noch ein Kräutersalz ganz nach eigenem Geschmack und Fantasie herstellen.

Urban Gardening
Bereits vor ihrer Grünpatenschaft hat sie sich dem „Gärtnern in der Stadt“ gewidmet und betreut unter anderem die drei Pflanzkübel am Frauenlobplatz. Diese wurden vor drei Jahren im Auftrag der Stadt Mainz aufgestellt und erfreuten sich besonders im ersten Jahr großer Beliebtheit. Obwohl im letzten Jahr die Resonanz etwas geringer war, sollen die Kübel in diesem Jahr wieder vermehrt genutzt werden. Wer im kleinen Rahmen selbst gärtnern möchte, hat in der Neustadt zusätzlich zum Frauenlobplatz noch im „Gartenfeld“ in der Forsterstraße 34-38 die Möglichkeit dazu. Dort steht beim Pflanzen von Blumen und Gemüse im Vordergrund, vorrangig samenfestes unbehandeltes Saatgut und mehrjährige Pflanzen einzusetzen, die ohne chemische Dünger großgezogen werden.

Anfragen zu Führungen, Urban Gardening und mehr an Frau Heidrun Kirschbaum unter: www.kindergesundheitsberatung-mainz.com

Mehr zur Aktion #Hummelwellnes unter www.kurzelinks.de/Hummelwellness

Der Männerversteher
Ein Gespräch mit Jean van Koeverden

(sl) Nicht alles ist schlecht an „Corona“, denn nur dank des Virus saß ich vom Neustadt-Anzeiger-Team zum Interview draußen in der Sonne vor Jean van Koeverdens Praxis. Seit kurzem ist er mit seiner Werkstatt für Beratung, Coaching und Kommunikation in die Nackstraße umgezogen. Wir wollten gerade mit dem Gespräch beginnen, als ein sichtlich interessierter Mann kam und wohl Auskünfte zu den Angeboten im Schaufenster haben wollte. Ich war zwar gleich bereit, das Interview etwas aufzuschieben, denn „Kundschaft geht vor“, aber van Koeverden lehnte ab. Freundlich gibt er dem Mann einen Flyer und bittet um späteren Anruf oder Besuch.

Ich bin kein Kaufmann!“
Als ich ihn fragte, warum er den Mann denn fortgeschickt habe, sagt er lächelnd: „Sie hatten doch eine Verabredung mit mir, nicht er!“ – „Aber der Mann wäre doch vielleicht ein neuer Kunde gewesen“, gebe ich zu bedenken. „Ja, aber ich bin kein Kaufmann! – Das ist mein Fehler!“ sagt er mit gespieltem Bedauern und klärt mich auf, dass diese Situation auch etwas Gutes hatte. „Sehen Sie, wenn ich nicht mit Ihnen die Verabredung gehabt hätte, wäre mir der Mann heute nicht begegnet. Aber so konnte ich ihm meinen Flyer geben und wenn es ihm wichtig ist, wird er wiederkommen! So betrachtet, war die Begegnung sogar ein Glücks fall!“

Und so sind wir schon mitten drin in unserem Gespräch. denn gerade in Familie und Partnerschaft kommt es oft darauf an, den Blickwinkel zu wechseln, um den anderen/die andere besser zu verstehen. Und genau hier kann Jean van Koeverden helfen, als Berater Coach und Supervisor mit den Schwerpunkten Sexualität, Familie-Partnerschaft und Männerarbeit.

Männerarbeit – was ist das eigentlich?
Dass Männer auf der Gefühls- und vor allen Dingen auf der Sexualebene anders ticken als Frauen, ist eine Binsenweisheit. Aber wie sehr das zu Missverständnissen führt, die das ganze Leben beeinflussen können und auf beiden Seiten viel Leiden verursacht, ist den meisten Männern nicht bewusst.

Jean van Koeverden gibt ein Beispiel: „Es gibt Männer, die haben im Leben alles erreicht: Sie haben eine hübsche Frau und gesunde Kinder und dazu ‚mein Haus, mein Auto, mein Boot‘ – doch es macht sie nicht glücklich.“ Die Kommunikation – auch im Bett, wo man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt habe, sei ins Stocken geraten. In so einem Fall könnte die Männerarbeit helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

„Die Männer, die mich anrufen, sind für mich die crème de la crème“, sagt van Koeverden. „Sie haben begriffen, dass sie andere Männer brauchen, und sie haben den Mut, den ersten Schritt zu tun.

Welche Wege führen zum Ziel?
Es gibt viele Möglichkeiten, einem Mann oder damit auch der ganzen Familie aus der sexuellen und/oder emotionalen Sackgasse zu helfen: Seminare, Workshops, Männergruppen, Beratun gen – allein oder auch mit der Partnerin. „Aber ich bin kein psychologischer Psychotherapeut! Meine Stunden bezahlt nicht die Krankenkasse!“ sagt er.

Jean van Koeverden ist Teil eines dichten Netzwerks von Experten und hat einen reichen Fundus an Wissen und Erfahrung. Er studierte Wirtschaftsinformatik,  Tanzpädagogik  und Tanz therapie, Systemische Familien – und Sexualtherapie und Kreative Leibtherapie. Das habe viel mit Phantasie und Schöpferkraft zu tun, erklärt van Koeverden: Poesie, Tanz, Theater, Gestaltung, Musik und andere kreative Aktivitäten wirken sich auf unser soziales Verhalten, Denken und Fühlen aus. Das alles zu analysieren und gezielt zur Gesundung einzusetzen, sei der Sinn dieser Methode.

Jan van Koeverden praktiziert übrigens schon seit fast 20 Jahren in der Neustadt, zunächst bis 2006 war er in der Nahestraße 9, anschließend 14 Jahre in der Wallaustraße 74 und schließlich seit März 2020 in der Nackstraße 44. Dass der Neustart hier ausgerechnet mit den Corona–Einschränkungen zusammenfiel, war unerwartetes Pech. Oder hatte auch das sein Gutes? Wir haben ja gerade gelernt, dass es manchmal nur auf den Blickwinkel ankommt!
       

          


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