Seite 3 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Nützlich, sauber, kostenfrei: Lastentransport ohne Auto
ELMa – Euer Lastenrad Mainz – macht’s möglich

(tl) Familieneinkauf, Getränketransport, klei­nere Frachten von hier nach da bringen und das Kind mitnehmen – das sind die Gelegenheiten, zu denen viele Menschen auf das Auto als Transportmittel zurückgreifen. Nicht wenige mit schlechtem Gewissen, denn umweltbe­wusst und ressourcenschonend ist das natürlich nicht.

Doch es gibt seit Kurzem eine Alternative: Das Projekt ELMa – Euer Lastenrad Mainz – stellt zurzeit bereits an drei Standorten in Mainz kostenfrei jeweils ein Lastenfahrrad zum Ausleihen zur Verfügung.



Gemeingüter gemeinsam nutzen
Matze Borsdorf, Initiator dieser Initiative und aktives Mitglied des ökologischen Verkehrs­club Deutschland e.V. (VCD), erklärt: „Mit sol­chen Rädern erübrigt sich die Verwendung eines Autos, für das in der Stadt ohnehin der Raum fehlt.“ Wichtig ist ihm auch, dass die gemeinsame, nachbarschaftliche Nutzung von Gütern, die nicht täglich gebraucht werden, konkret erlebt wird – „Man muss nicht alles persönlich anschaffen, wenn man es auch fürein paar Stunden die Woche leihen kann“.

Lastenrad im Praxistest
Beide Mainzer Alnatura­Filialen, so auch Alna­tura am Zollhafen in der Neustadt, haben sichals Kooperationspartner und Sponsoren derInitiative angeschlossen.

An der Filiale in der Rheinallee 58a wirddas Lastenrad abgeholt und auch wiederzurück gegeben. Das wollte ich als Redaktions­mitglied des Neustadt­-Anzeigers natürlich selbst ausprobieren.

Die Nutzung eines Fahrrades beschränkt sich übrigens auf maximal zwei aufeinander folgende Tage maximal dreimal in einem Kalen dermonat. Um einen Ausleihtermin buchen zu können, musste ich mich zuerst auf der Webseite www.lastenrad­mainz.de mit meinen persönlichen Daten registrieren und die Nutzungsbedingungen bestätigen. Die anschlie ßende Buchung wurde mir dann per E­Mail mit einem Code bestätigt. Dieser Code wurde zusammen mit meinem Personalausweis von der freundlichen Alnatura-­Mitarbeiterin vor Übergabe des Schlüssels geprüft. Außer­ dem musste ich das Ausleihformular ausfüllen und die Akzeptanz der Nutzungsbedingungen noch einmal schriftlich bestätigen.

Selbstverständlich, dass ich als Fahrrad­ fahrerin eine gewöhnliche Privathaftpflichtver­sicherung besitze, denn diese deckt wie bei einem privaten auch beim ELMa­Rad die durch mich als Radfahrerin verursachten Schäden. Und ebenso wichtig ist es, vor Fahrtantritt zu schauen, ob das Rad in einem fahr­ und ver­kehrstauglichen Zustand ist. Wenn nicht, darf das Rad nicht gefahren werden.

Das Lastenrad der niederländischen Marke bakfiets war vor dem Eingang des Ladens am Fahrradständer angeschlossen. Es ist nicht sehr groß und auch nicht motorisiert. Im mit einer abnehmbaren Schutzplane bedeckten Holz­ transportkasten ist eine hochklappbare Sitzbank für Kleinkinder angebracht. Der höhenverstell­bare Sattel war für mich als Frau unter 1,60 m trotzdem noch reichlich hoch, aber mit gestreck ten Beinen ging es und ich fuhr los. Mein erstes Mal auf einem Lastenrad. Und ich musste feststellen: es reagiert gut auf Lenk­bewegungen, fährt reibungslos und sicher. Nach meiner Testfahrt gab ich den Schlüssel des ordentlich angeschlossenen Rades mit der Bestätigung, dass alles okay sei, wieder zurück. Eine runde Sache also.

Mittlerweile gibt es bereits drei Ausleih­stationen in Mainz. Außer Alnatura in der Großen Langgasse 8 unterstützt auch die Firma Riesenrad Oberstadt, An der Goldgrube 4, diese zukunftsweisende Initiative.

Weitere Standorte geplant
Matze Borsdorf und seine ehrenamtlichen Mit­ streitenden möchten das Projekt, das es übri­gens in ähnlicher Form bereits in vielen ande­ren deutschen und europäischen Städten gibt, noch ausbauen. Weitere Leihräder – im Ideal­fall in jedem Stadtteil – und Kooperations­partner sollen dazukommen. Und es braucht natürlich auch Spenden oder öffentliche Finan­zierung und Menschen, die sich als Radpaten um die Räder kümmern oder ihr eigenes Lastenfahrrad zur Ausleihe zur Verfügung stel­len. Über Unterstützung durch Mitarbeit im ELMa­-Team des VCD Rheinhessen, der sich für eine Verkehrswende im Sinne einer sozial­- und umweltverträglichen Mobilität aller Ver­kehrsteilnehmer einsetzt, würden sich die Aktiven sehr freuen.
Eine Plattform zum Helfen und Helfenlassen
Zeitbank Rhein-Main vor dem Start

(rei) Ich bin handwerklich geschickt und habe das passende Werkzeug, ein anderer kann wun­derbar meinen Computer wieder fit machen. Was liegt da näher, als dass wir beide uns gegenseitig helfen? Und dabei fließt kein Geld, sondern die geleistete Zeit wird verrechnet. Das ist das Prinzip einer sogenannten Zeitbank, einer Plattform, über die unkompliziert Dienst­leistungen getauscht werden können. In der Neustadt entsteht gerade eine Zeitbank für Mainz, Wiesbaden und das Rhein-­Main-­Gebiet.

Im Aufbau
Die Zeitbank Rhein­Main sucht noch Interessierte aus Mainz und Umgebung, die mitma­chen wollen. Die Informationsveranstaltungen finden derzeit über die Videoplattform Zoom statt, jeden Freitag um 17 Uhr. „Das ist alles in Zeiten von Corona natürlich nicht so einfach“, sagt Andreas Fletcher, einer der Initiatoren der Zeitbank Rhein-­Main. Gegenseitige Hilfe beim persönlichen Kontakt sei derzeit ja nur einge­schränkt möglich. Wer auf dem Laufenden blei­ben möchte, kann sich über Facebook vernet­zen und einen Newsletter von der Mainzer Zeitbank abonnieren, damit kein Treffen und keine Neuigkeit verpasst wird.

Zeitkonto virtuell in der App
Es gibt einige Zeitbanken rings um Mainz, bei vielen muss ich Mitglied werden und jeden Monat einen Betrag zahlen. Der fließt in die Verwaltung des Zeitkontos. Das ist bei der Zeit­bank Rhein-­Main anders, hier geht alles virtuell. In einer Facebook­ und WhatsApp-­Gruppe las­sen sich Angebote und Gesuche eintragen, damit sich beide treffen können. Die geleistete Zeit wird in der „Trustlines App“ verwaltet. Sie ist kostenlos in den gängigen App­-Stores zu finden. Die App funktioniert so ähnlich wie die Bezahl­-App Paypal. Sie dient dazu, Zeit zu tauschen und einen Überblick über die Zeit­-Finanzen zu behalten. Andreas Fletcher, spricht von einem „neuen Konzept für Nachbarschaftshilfe“.

In der App wird abgeleistete (geholfene) Zeit als Guthaben geführt. „Dieses Guthaben lässt sich auch bei anderen Zeitbänkern einlö­sen. Das muss nicht die Person sein, der ich selbst geholfen habe“, ergänzt Theresa Klin­genberg, die bei der Zeitbank Rhein-­Main mit­arbeitet. „Und ich muss kein schlechtes Gewissen haben, Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn ich bezahle ja mit meinem Zeitkonto.“ Es soll dabei um einzelne Dienstleistungen gehen, hier und da eine Gefälligkeit. Für eine dauer­hafte Hilfe, quasi wie bei einem Arbeits­verhältnis, ist die Zeitbank nicht gedacht.

Treibende Kraft
Hinter der Zeitbank Rhein-­Main stehen im Wesentlichen drei Mitarbeiter der Firma Brainbot, die ehrenamtlich die Idee der Zeitbank vorantreiben. Neben Andreas Fletcher und Theresa Klingenberg ist das Anton Schwarz.

Brainbot hat seinen Sitz im Alten Weinlager im Mainzer Zollhafen und beschäftigt derzeit etwa 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen entwickelt Software-­Lösungen für die sogenannte Blockchain, mit der Daten fälschungssicher dokumentiert werden können. Darauf basiert auch die Trustlines­-App, die die Zeitbank Rhein­-Main nutzt. „Die Technik steht, jetzt müssen nur noch genug Menschen mitma­chen“, sagt Andreas Fletcher. „Wir sind offen für alle.“ Das dürfte in den Zeiten nach Corona sicher einfacher gehen.



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