Seite 3 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Fortsetzung von April 2021
„Der Kiosk, das ist mein Leben, mein Geschäft.“
In dieser Ausgabe des Neustadt-Anzeigers setzen wir die Vorstellung der Kioske fort, die meist viel mehr zu bieten haben, als es auf den ersten Blick scheint. Wir sprechen mit den Betreibern, die uns von ihrem Leben berichten, und erfahren, wie sie nach Mainz gekommen sind und warum sie hier auch bleiben wollen.

Zitate, Offline-Community und sehr viele Biersorten

(rei) Der Kiosk 2000 liegt in der Frauenlobstraße zwischen Rheinallee und Hafenstraße und ist ein beliebter Stopp für alle, die sich auf ihrem Weg zum Rheinufer mit Getränken und Snacks versorgen wollen.

Auf den ersten Blick ist es ein Kiosk wie viele andere auch, in dem jeder Quadratzentimeter mit Waren zugestellt ist. Dann entdecke ich hinter der Theke an der Wand Zitate von Schriftstellern wie Günter Grass, von Philosophen wie Ludwig Feuerbach oder Friedrich Nietzsche. Unkompliziert, einfach ausgedruckt auf DIN A4 und mit Klebestreifen aufgehängt. Der Inhaber, Parviz Hemati, lacht. „Die Sprüche gefallen mir einfach“, sagt er. Er wechselt sie immer mal wieder aus, möchte seine Kundinnen und Kunden zum Nachdenken anregen. Zum Beispiel damit: „Aus hundert Kaninchen wird niemals ein Pferd und aus hundert Verdachtsgründen niemals ein Beweis“ (Dostojewski).

Umfangreiches Sortiment
Eine weitere, nicht ganz so offensichtliche Besonderheit seines Kiosks verrät mir Parviz Hemati: mehr als 50 Sorten Bier, gekühlt und direkt zum Mitnehmen. Sonntags gibt es Brötchen und auf Bestellung auch Kuchen. Das werde von der Nachbarschaft gut angenommen. Überhaupt ist der Kiosk eine echte Anlaufstelle, die von vielen Menschen ringsherum gern genutzt wird. Der freundliche Inhaber ist immer für andere da, nimmt Päckchen an, er bewahrt auch schon mal einen Schlüssel auf oder gibt Post weiter.

Im Jahr 2010 hat Parviz Hemati den Kiosk übernommen. Damals sei es gerade mit einer anderen Arbeit nicht so gut gelaufen, erzählt er mir. Er habe den Sprung in die Selbstständigkeit aber nie bereut, heute könne er sich ein Leben ohne den Kiosk nicht mehr vorstellen. Er sehe es nicht als Arbeit, sondern habe einfach Spaß am Umgang mit den Menschen. So steht er täglich von früh bis spät hinter der Theke.

Als ich den Kiosk verlasse, frage ich noch nach seiner E-Mail-Adresse. Da lacht Hemati wieder. Nein, die habe er nicht, er bevorzuge das persönliche Gespräch mit den Menschen

Im „Babylon“ gibt es (fast) alles

(sl) Das „Babylon“ in der Hindenburgstraße, Ecke Frauenlobstraße einfach „Kiosk“ zu nennen, wäre untertrieben. Es ist ein mindestens 100 Quadratmeter großer Laden, in dem man täglich von 9 bis 22 Uhr (außer sonntags, da öffnet das Geschäft erst gegen Mittag) fast alles bekommt, was man im „großen“ Supermarkt beim Einkauf vergessen hat oder überraschend noch braucht. Getränke (Riesenauswahl!), Konserven, Tiefkühlkost, H-Milch und Süßigkeiten.

„Zu Hause sprachen wir die Sprache von Jesus“
Hinter der Theke treffe ich Amer Keriotoma (47). Er ist der Besitzer des „Babylon“ Mini-Marktes und lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland. Auch seine Eltern und vier seiner acht Geschwister haben nach der Flucht aus dem Irak vor über 20 Jahren in Mainz eine neue Heimat gefunden. Er stammt aus einer christlichen Familie in Bagdad und spricht – neben arabisch – als Muttersprache aramäisch. „Das ist die Sprache, die Jesus sprach“, sagt er lächelnd mit Stolz und berichtet, dass er auch jetzt in Corona-Zeiten regelmäßig in Mombach Gottesdienste in aramäischer Sprache besucht.

„Mein Vater hatte drei Restaurants in Bagdad. Dort lernte ich das Kochen“, erzählt Amer Keriotoma weiter. Koch war der Beruf, mit dem er auch in Deutschland Arbeit fand, erst in Bad Kreuznach und dann in einer Pizzeria in der Neustadt. 2013 gab es für ihn die Chance, die Räumlichkeiten des ehemaligen Schlecker-Marktes in der Hindenburgstraße 18 zu mieten – und seitdem ist es sozusagen „sein zweites Zuhause“. Amer Keriotoma ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und den vier Töchtern nach 15 Jahren in der Frauenlobstraße heute in Bretzenheim.

Inzwischen haben er und seine Familie die deutsche Staatsangehörigkeit! Stolz zeigt er mir seinen deutschen Personalausweis. Auf die Frage, was ihm an und in Deutschland am meisten gefällt, muss er nicht lange nachdenken: „Hier leben wir alle in Ruhe und Frieden. Das ist das Beste."

Spielplatz-Patenschaft „Lessingplatz“
In unserer April-Ausgabe haben wir auf Spielplatz-Patenschaften, unter anderen für den Lessingplatz, aufmerksam gemacht. Von Erik Donner, dem Vorsitzenden der Neustadt-SPD, erfuhren wir, dass der SPD-Ortsverein diese Patenschaft übernommen hat. Eine aktuelle Übersicht gibt der Link




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