Seite 4 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Ich möchte, dass Sie jeden Tag zu mir kommen“
Ein Gespräch mit Petra Studt, der ersten Mainzer Gemeindeschwester-Plus

(sl) Als mir Petra Studt auf der Straße entgegenkommt, hätte ich sie wirklich nicht erkannt. „Eine Gemeindeschwester habe ich mir immer ganz anders vorgestellt“, sage ich vom Neustadt anzeiger. Sie fragt gleich dagegen: „Wie denn?“ –„Nun, auf jeden Fall älter, gesetzter, und irgendwie „religiöser“, also weniger flott gekleidet“. Darüber müssen wir dann beide lachen und schon war das Eis gebrochen. Jünger aussehend, kontaktfreudig, kommunikativ, lebenserfahren und zugänglich, so kann man Petra Studt recht treffend beschreiben, und das sind sicher auch die Eigenschaften, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sie bei der Ausschreibung der Stadt Mainz diesen Job bekam.

Was heißt eigentlich „Gemeindeschwester-Plus?“
„Der Beruf ist eigentlich in den ländlichen Gegen den Ostdeutschlands zu Hause, wo eine Gemeindeschwester (ohne „Plus“!) die Familien in den Dörfern besuchte und sich um Gesundheit, Ernährung, Pflege-, Sozial- und Hospizaufgaben kümmerte“, erklärt Petra Studt. Das „Plus“ der aktuellen Gemeindeschwestern steht für die zusätzlichen Aufgaben, die ihr jetziges Berufsbild bestimmen. Ein paar Beispiele: Die Gemeindeschwester-Plus fungiert als Vermittlerin zwischen meist alleinstehenden alten Menschen und den für sie bestimmten Hilfsangeboten, die sie selbst oft nicht kennen. Sie berät in Fragen der Gesundheit und Pflege, kennt die Begegnungs-, Bewegungs-, Kultur- und Bildungsangebote im Stadt teil, und vor allen Dingen bringt sie Zeit zum Zuhören mit.

Petra Studt ist eine von 33 Gemeindeschwestern-Plus in Rheinland-Pfalz und die erste in Mainz, die aufgrund eines bis 31. Dezember 2020 befristeten Modellprojekts des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demographie eingestellt wurde.

Das ist mein Traumjob!“
Petra Studt erzählt begeistert von ihren Aufgaben und findet, dass der Job „wie für mich gemacht“ ist. Sie ist sicher, dass ihr Alter von 63 Jahren bei der Bewerbung von Vorteil war. „Ich bin altersmäßig nah an meiner Zielgruppe und kann mich darum gut in die älteren Menschen einfühlen“, sagt sie. Sie ist mit einer dreiviertel Stelle für die rund 3.100 über 80-jährigen Bewohner der Stadtteile Altstadt, Neustadt und Oberstadt zuständig, während eine zweite Kollegin ab Oktober die Stadtteile Bretzenheim, Lerchenberg, Marienborn und Drais mit etwa 2.000 über 80-Jährigen betreut. Etwa ein Drittel dieser Hochbetagten leben allein in ihren Wohnungen und wollen dort auch so lange es geht bleiben. Sie sind zwar (noch) nicht wirklich pflegebedürftig, aber häufig einsam und brauchen für die kleinen und größeren Probleme des Alltags einen guten Rat und ein „offenes Ohr“.

In einem solchen Fall genügt es, Petra Studt anzurufen (s. Info-Kasten) und einen Besuchstermin zu vereinbaren. „Ich komme nur, wenn ich vorher eingeladen wurde“, betont Petra Studt. Sie ist zwar seit 44 Jahren ausgebildete Krankenschwester und hat lange Zeit in der Pflegeberatung gearbeitet, aber sie übernimmt keine Pflege- oder hauswirtschaftlichen Dienstleistungen. „Dafür gibt es andere Anbieter oder auch Nachbarschaftshilfen, an die ich gerne weitervermitteln kann“, sagt sie.

Kleines Problem – große Folgen
Auf die Frage, welches wohl das häufigste Problem bei den Senioren sei, muss sie nicht lange nachdenken: „Die Treppen“, sagt sie. Viele der alten Leute wohnten nämlich in Altbauwohnungen ohne Fahrstuhl und es würde für sie immer schwerer, aus dem Haus zu gehen, weil die Kräfte zum Treppensteigen nicht mehr ausreichten. Einkäufe, Arztbesuche, Behördengänge, überall wird Hilfe benötigt, die eine Gemeindeschwester-Plus vermitteln kann. Kurz nachdem ihr neuer Job in der Presse bekannt gemacht wurde, klingelte bei Petra Studt schon das Telefon. Eine alte Dame bat um einen Hausbesuch. Ihr Problem schien vorrangig die Einsamkeit zu sein, denn beim Verabschieden sagte die alte Dame: „Ich möchte, dass Sie jeden Tag zu mir kommen!“ Das allerdings konnte ihr Petra Studt nicht versprechen!

Gemeindeschwester-Plus für die Altstadt, Neustadt, Oberstadt
Petra Studt
Amt für soziale Leistungen
Kaiserstraße 3-5
Postfach 3620, 55026 Mainz
Telefon 06131 12-2326
Fax 06131 12-2219
Während der Pandemie habe ich viel gelernt“
Lea Karger, Auszubildende im Neustadt Reisebüro, hat in den vergangenen Monaten viel Eigenständigkeit bewiesen.



(sk) Als Lea Karger im August 2019 ihre Ausbildung im Neustadt-Reisebüro von Andreas Reisbach begann, da war die Welt für die Reisebranche noch in Ordnung.  

Die 23-jährige Auszubildende lernt gerne fremde Länder kennen und hatte bereits eigene Reisen nach Asien und Australien selbst geplant und organisiert. An der Organisation ihrer Reisen hatte sie so viel Spaß, dass sie sich entschied, dies auch beruflich machen zu wollen. So brach sie ihr Lehramtsstudium nach zwei Semestern ab und bewarb sich für die ausgeschriebene Stelle zur Ausbildung als Tourismuskauffrau.

Wichtig war Lea Karger, in einem privat geführten Reisebüro arbeiten zu können, das den Schwerpunkt auf den Urlaubstourismus legt und ihr die Möglichkeit bietet, in einem kleineren Unternehmen Einblick in alle Geschäftsfelder eines Reisebüros zu erhalten. „Sogar mein eigenes Gehalt habe ich mir bereits überwiesen“, berichtet die junge Frau. Auszubildende größerer Reiseagenturen, auf die sie in ihrer Berufsschulklasse trifft, lernen in ihrem Arbeitsalltag oft nur die Buchungsvorgänge einer Reise kennen.

Arbeitsalltag steht Kopf
Der Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 hat den Arbeitsalltag der Auszubildenden auf den Kopf gestellt. Ihre Vorgängerin, und nun Werksstudentin, sowie eine langjährige freie Mitarbeiterin mussten ihre Tätigkeiten für das Reisebüro vorerst einstellen. Die Arbeit, die vorher vier Personen erledigten, musste nun zu zweit bewältigt werden. Fast alle bereits gebuchten Reisen wurden storniert und rückabgewickelt. Die Zwangspause wurde außerdem auf Anregung von Lea Karger für eine Renovierung der Geschäftsräume genutzt.

Ab dem Frühsommer buchten die Kunden auch wieder Urlaubsreisen. Nun gehört es zum Arbeitsalltag der engagierten Auszubildenden, sich täglich über die Reisehinweise der Bundesregierung zu informieren und tagesaktuelle Informationen und Materialien der Reiseanbieter zusammenzustellen. Sie ist enttäuscht, dass sie hierbei vom größten deutschen Touristikkonzern keine Unterstützung bekommt: „TUI ist im März auf Tauchstation gegangen und seitdem so gut wie nicht mehr für uns erreichbar.“

Viel gelernt
Dieser Ausnahmesituation in der Pandemie gewinnt die Auszubildende auch etwas Gutes ab. „Ich habe in der Zeit wahnsinnig viel gelernt.“ Sie konnte Erfahrungen sammeln, wie Krisensituationen in der Reisebranche bewältigt werden und was man beachten muss, wenn Urlauber aus einem Reiseland zurückgeholt werden müssen.

Auch mit den Reiserücktrittsregelungen kennt sie sich nun bestens aus. „Darauf werde ich auch bei den Verkaufsgesprächen ab sofort ein großes Augenmerk legen“, sagt sie. Das kann ihren Kunden viel Ärger mit den Reiseveranstaltern ersparen, wenn sie eine Reise absagen oder unterbrechen müssen.

Andreas Reisbach hält große Stücke auf seine Auszubildende. Sie habe viele Ideen, sei sehr zuverlässig und übernehme auch kaufmännische Aufgaben selbständig, „beim Antrag für das staatliche Überbrückungsgeld ist sie mir – ich war gerade im Urlaub – bei einem Telefonat mit dem Steuerberater sogar einmal zuvorgekommen“, erzählt er lachend.  

Er selbst ist optimistisch, dass sich sein Reisebüro, das nun seit 27 Jahren in der Neustadt besteht, mit den staatlichen Hilfen durch die Krise führen lässt und dass Lea ihre Ausbildung planmäßig beenden kann.

Für die junge Auszubildende steht fest: Sie hat ihren Traumberuf gefunden und will auch nach ihrer Ausbildung weiter in der Reisebranche tätig sein.

Neustadt-Reisebüro
Forsterstraße 42,
06131 678934,


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