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April 2020
Neue Heimat Neustadt
Im „Krokodil“ kocht ein Koch aus Eriwan – das ist seine Geschichte ...
(sl) „Das Glück besucht Dich nur einmal“, sagt ein armenisches Sprichwort. Im Deutschen heißt das so viel wie „Man muss das Glück beim Schopfe fassen“. Die armenische Familie Arman Iskandaryan (41), seine Frau Ani Hovsepyan (34) und ihre beiden Kinder Mari (heute 8) und Sohn Gagik (heute 14) bekamen sicher mehr als einmal Besuch vom Glück. Jedes Mal ist es ihnen gelungen, „es beim Schopfe zu packen“, denn so glücklich, wie sie mir von ihrer Arbeit erzählen, so perfekt, wie sie sich eingerichtet haben und so ausgezeichnet, wie sie Deutsch sprechen, das kann man ohne Glück gar nicht schaffen. In ihrem Fall könnte man vielleicht auch sagen: „Das Glück ist mit den Tüchtigen!“ Aber lassen Sie mich die Geschichte von Anfang an erzählen:

Die Flucht aus Armenien
Ende August 2015 bestieg die vierköpfige Familie in Eriwan ein Flugzeug nach Moskau und von dort aus nach Düsseldorf – nur mit einem Touristenvisum und ein paar wichtigen Urkunden und Zeugnispapieren in der Tasche. Von Düsseldorf aus ging es weiter nach Trier, wo sie Asyl beantragten. Weil Armenien als sicheres Herkunftsland gilt, wurden die Asylanträge der Familie abgelehnt. Da Vater Arman aber glaubhaft nachweisen konnte, dass sein Leben und das seiner Familie in Gefahr waren, wurde ihm eine befristete Aufenthaltsgenehmigung (Duldung) erteilt. Was war vor der Flucht in Armenien geschehen?

Als Betreiber eines Restaurants versuchte Arman, übergriffige und randalierende Kunden zu beruhigen. Doch diese ließen sich nichts sagen. Es kam zu einem Handgemenge und vor der Tür zu einer Prügelei, bei der Arman so schwer verletzt wurde, dass er Anzeige erstattete. Da seine Angreifer jedoch Angestellte eines mächtigen Generals waren, blieb die Anzeige bei der Polizei zwecklos. Um die Situation zu verstehen, muss man wissen, dass zu diesem Zeitpunkt (im Jahr 2015) ehemalige hohe Militärs in Armenien das Sagen hatten und mehr oder weniger mit Willkür regierten. Rechtsstaatliche Prinzipien standen nur auf dem Papier. Arman und seine Familie wurden weiter verfolgt. Als es ihnen gegenüber zu Morddrohungen kam, mussten sie flüchten.

Nach knapp zwei Monaten in Trier kam die Familie dann nach Mainz und fand eine Unterkunft in der Zwerchallee. Und das war nach der gelungenen Flucht mindestens schon der zweite „Besuch vom Glück“.

Begegnung mit Inge Blitz – auch ein Glücksfall
In der Flüchtlingsunterkunft Zwerchallee wurden und werden immer ehrenamtliche Kräfte gesucht, die sich um die Betreuung der Flüchtlingsfamilien kümmern, Deutschunterricht oder Nachhilfestunden geben. Das alles hat Inge Blitz getan und dabei auch die Familie Iskandaryan kennen und schätzen gelernt. Sie bewunderte Mutter Ani, die in kürzester Zeit Deutsch lernte, eine Arbeit als Küchenhilfe annahm und nach wenigen Monaten in ihrem Job so gut war, dass man ihr eine Ausbildungsstelle als Köchin anbot. Inzwi schen steht sie kurz vor der Abschlussprüfung und hat auch schon die Zusage eines renommierten Restaurationsbetriebs, sie als feste Kraft zu übernehmen. „Ich hätte so gern in Armenien studiert“, sagt Ani, „aber meine Familie konnte sich die höhere Schule nicht leisten.“ So heiratete sie mit kaum 20 Jahren den gelernten Ökonomen Arman, der bald darauf in Eriwan als Restaurantleiter und Küchenchef einen guten Job erhielt. Besonders beeindruckt war Inge Blitz aber von den Schulleistungen der beiden Kinder Mari und Gagik. Sie lernten in kürzester Zeit (fast) perfekt Deutsch, hatten gute Schulnoten und Gagik bekam sogar für 24 Monate ein Stipendium von der Johannisstiftung des Bistums Mainz für besonders förderungswürdige Flüchtlingskinder. „Dieser Familie musste ich einfach helfen“, sagt Inge Blitz – und legte sich ins Zeug!

Eine eigene Wohnung – ein Traum wird wahr!
Anträge für die Anerkennung der armenischen Zeugnisse, Begleitung bei Behördengängen aller Art, Hilfe bei Bewerbungsschreiben, Beratung in allen Schulfragen, Unterricht in Deutsch – und schließlich Hilfe bei der Wohnungssuche mit allen dazugehörigen Formalitäten, all das hat Inge Blitz als jahrelange ehren amtliche Begleiterin dieser Flüchtlingsfamilie geleistet. „Ohne Frau Blitz hätten wir das alles hier nie so schnell und gut geschafft“, sagt Mutter Ani, und Inge Blitz fügt hinzu, dass sie es natürlich auch einem überaus hilfsbereiten Mitarbeiter der Mainzer Wohnbau-Gesellschaft zu verdanken haben, dass sie eine schöne Dreizimmerwohnung mit bezahlbarer Miete bekommen haben. Und das Beste daran: Die Wohnung liegt nur wenige Schritte von Arman Iskandaryans Arbeitsplatz entfernt. Seit Oktober 2016 hat er nämlich eine ungekündigte Arbeitsstelle als Koch im „Krokodil“, dem beliebten Pub und Speiselokal am Sömmerringplatz. „Nein, armenisch kochen kann ich hier nicht, aber ich liebe auch die deutschen Gerichte!“ – „Und was kochen Sie am liebsten?“ will der Neustadt-Anzeiger wissen. Arman lacht: „Schnitzel“, sagt er und tatsächlich sind sie im „Krokodil“ auch der Renner!  

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