Seite 5 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Kunst, die fragt und nicht schon alles weiß
Künstlerduo OKTOOBER performte im K-LAB

(am) „Performative Inszenierungen, Installationen, Interventionen“ ‒ das verspricht die Visitenkarte des Künstler:innenduos OKTOOBER. Was damit gemeint ist, zeigt eine Installation, die im November 2023 im K-LAB am Karoline-Stern-Platz stattfand: „Wir steuern unsere Erde auf Kipppunkte zu und stehen am Rande der Abbruchkante“, so das Künstlerpaar Sabine Felker und Jürgen Waldmann. „Der Aufbau ist bewusst fragil“, erklärt die Künstlerin. Bunt bemalte, rechteckige Malkartons sind im Ausstellungsraum wie ein Kartenhaus übereinandergestellt. Schon leise Erschütterungen oder ein Stoß können die Konstruktion zum Einsturz bringen. Die Details der Malerei auf den Kartons sind bewusst nicht eindeutig: Sind es Blätter, Augen, Götter oder lediglich abstraktive Formen, die man wahrnimmt? Das kann jeder für sich selbst bestimmen. Hinweise gibt der Titel der Installation: „Holobiontheim“.

Der Begriff Holobiont stammt ursprünglich aus der Biologie und bezeichnet eine Gemeinschaft von Organismen, die in einer Symbiose miteinander leben. Ein Beispiel ist der menschliche Körper, der (auch) ein Ökosystem von Mikroorganismen, wie Bakterien, Viren und Pilzen ist, die in und auf ihm leben. Die Eigenschaften eines Holobionten sind instabil. Unaufhörlich muss ein ständig wechselnder Austausch zwischen den Organismen innerhalb des Systems stattfinden. „Aber, was wäre, wenn wir die Erde als ein allumspannendes Lebewesen begreifen könnten?“, fragt OKTOOBER. Von Zeit zu Zeit hebt Jürgen Waldmann einen Turm von Quadraten an und trägt ihn wie ein Zeremonienmeister durch den Raum. Dabei produziert er mit einem Mikrofon Töne, die zusammen mit Naturgeräuschen und elektronischen Klängen aus dem Computer einen Klangteppich über die Ausstellung legen. Das Gesamtergebnis ist schwer zu beschreiben: Urwaldgeräusche, Sphärenklänge, Neue Musik – wieder liegt die Deutung bei den Besuchenden. Da das Duo großen Wert auf partizipative Elemente legt, stehen zwei kleinere Papp-Konstruktionen für Besucherinnen und Besucher bereit. Als ich versuche, die bunten Rechtecke hinter Waldmann herzutragen, rauscht alles zu Boden. Fragilität wird so unmittelbar erfahrbar. Zum Glück sind die Pappen leicht, dass sie den Absturz ohne großen Schaden überstehen. Jeder Einsturz bewirkt auch etwas: es bleiben, Kratzer, Narben, Dellen.

Kreativ mit Anderen im Stadtteil arbeiten
Sabine Felker und Jürgen Waldmann haben beide einen Abschluss der Universität Gießen in angewandter Theaterwissenschaft. Seit 1992 sind sie als freischaffendes Künstlerduo tätig. Bis 2006 unter dem Namen Savier Klaro, seit Oktober 2008 als OKTOOBER. Die Kunst von Felker und Waldmann ist politisch: Immer geht es in den Arbeiten der beiden darum, Gegebenheiten zu hinterfragen, Stellung zu beziehen, um mit ästhetischen Formen des Widersprechens und Widerstehens zu experimentieren. In den vergangenen Jahren hat sich ein Schwerpunkt ihrer Arbeit zunehmend auf Projekte im Sozialraum verlagert. „Wir möchten mit Menschen vor Ort künstlerisch arbeiten“, erläutern die KünstlerInnen. Deswegen sind beide im Verein Kulturbäckerei e.V. engagiert, der ein soziokulturelles Zentrum in der ehemaligen Komissbrotbäckerei an der Rheinallee 111 etablieren wird. Seit Mai 2023 ist Waldmann auch Geschäftsführer des Vereins. Geplant ist unter anderem ein „Atelier für Alle“ als Projektraum für aktives Mitgestalten. Man darf auf künftige Performances gespannt sein.


August Parcus

(sk) Die Parcusstraße befindet sich in der Nähe des Mainzer Hauptbahnhofs. Das nur etwa 150 m lange Straßenstück zwischen Stadtverwaltung und Alicenplatz ist praktisch eine Verlängerung der Kaiserstraße.

Die Parcusstraße hat in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht, weil die dortige Luftmessstation aufgrund ihrer verkehrsreichen Lage die höchsten Abgaswerte in ganz Mainz anzeigte. Die Deutsche Umwelthilfe hatte deswegen 2020 auf ein Dieselfahrverbot in Mainz geklagt, das aber letztendlich wegen der Einführung der Tempo-30-Zone im Innenstadtbereich und dem Rückgang der Abgaswerte nicht umgesetzt wurde.

Von Karl Christian zu August Parcus
Die Stadt Mainz gibt in ihrem Straßennamenverzeichnis den Unternehmer August Parcus als Namensgeber für die Straße an – theoretisch hätte man sie aber auch nach seinem Großvater Karl Christian Parcus (1763-1819) benennen können. Dieser war Anhänger der Aufklärung und der Ideen der Französischen Revolution und als Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs Deputierter im Rheinisch-Deutschen-Nationalkonvent. Der Jakobinerklub gilt als erste demokratische Bewegung Deutschlands und war eine prägende politische Kraft der sogenannten Mainzer Republik von 1792/93.

Sein Enkel August Parcus wurde am 18. November 1819 in Mainz geboren. Der Namens geber der Straße studierte Rechtswissenschaften in Gießen und startete 1846 seine berufliche Karriere bei der Hessischen Ludwigsbahn. Als Sekretär des Verwaltungsrates war er in die Entwicklung des Ausbau des Streckennetzes involviert.

Das private Eisenbahnunternehmen hatte 1845 die Konzession für den Ausbau der Strecke Mainz-Ludwigshafen erhalten. Der Streckenbau verzögerte sich allerdings, unter anderem aufgrund der Wirtschaftskrise nach der Deutschen Revolution von 1848, aber auch aus militärstrategischen Überlegungen. Der preußische Staat hatte Bedenken, dass durch die linksrheinische Streckenführung französische Truppen innerhalb weniger Stunden vor den Toren von Mainz stehen könnten. 1853 wurde die Strecke aber dann in Betrieb genommen und Mainz bekam am Holztor einen Zentralbahnhof.

Verbundenheit mit der Hessischen Ludwigsbahn
1852 stieg Parcus zum Direktor der Hessischen Ludwigsbahn auf. Unter seiner Führung expandierte die Bahngesellschaft und das Schienennetz rund um Mainz und Rhein-Main wuchs von 47 auf 500 km. Obwohl er 1856 seine Stellung bei der Bahn in Mainz aufgab und die Direktion der Darmstädter Bank für Handel und Industrie übernahm, blieb August Parcus der Ludwigsbahn weiterhin verbunden. Als Mitglied des Verwaltungsrats behielt er Einfluss auf die Ausrichtung des Unternehmens und stieß in dieser Positition den weiteren Streckenausbau an.

August Parcus wurden hohe Auszeichnungen zuteil. Unter anderem erhielt er anlässlich des 25. Jubiläums seines Dienstantritts bei der Ludwigsbahn das Ritterkreuz 1. Klasse des Ludewigsordens.

Am 16. Juli 1875 starb er in Darmstadt. Sein Grab wird als Ehrengrab der Stadt Darmstadt geführt.

Zum Schluss sollte unbedingt noch erwähnt werden, dass im Haus der Parcusstraße Nummer 5 Netty Reiling (1900-1983) geboren wurde. Die Mainzer Ehrenbürgerin erlangte später unter dem Namen Anna Seghers als Schriftstellerin Weltruhm.


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