Seite 5 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Alles für die Katz’?
Restaurants geschlossen – trotz Corona-Schutzmaßnahmen

(sl) Es ist wohl jedem aufgefallen: Überall in der Stadt – und besonders in der Neustadt – haben sich quasi über Nacht Kneipen und Restaurants, Imbisse und Gaststätten im Außenbereich vergrößert. Podeste und Absperrungen, Umzäunungen und Blumentopf-Barrieren haben sich fast überall auf Bürgersteigen und rund um angrenzende Parkplätze ausgebreitet. Einige Restaurants haben sogar Zelte aufgeschlagen oder rund um die Außentische kleine Glashäuser gebaut, wie das Gourmet-Restaurant MADORO. In den warmen Sommernächten, die hinter uns liegen, fühlte man sich wie im Süden Italiens, und man hat unsere Neustadt noch ein Stückchen lieber gewonnen, als es ohnehin schon der Fall ist. Und alles wegen Corona! Und das im doppelten Sinne, denn …

Corona hat’s gegeben – Corona hat’s genommen
„Besondere Zeiten verlangen besondere Maßnahmen“, sagte Ralf Peterhanwahr, der Pressesprecher der Stadt Mainz, im September und zählt eine Reihe von Maßnahmen auf, die sozusagen als „Geschenke der Stadt“ für die von Corona stark gebeutelten Gastronomen zu verstehen sind. Neben Überbrückungsgeldern, Steuererleichterungen und Sonderzuwen dungen vielfältiger Art wurde im Frühjahr 2020 auch die kostenlose Sondernutzung bisheriger und die Erweiterung neuer Freiflächen für die Außenbewirtschaftung vom Stadtvorstand beschlos sen. Mit anderen Worten: Wer schon im letzten Jahr Tische und Stühle draußen anbieten konnte, durfte das in diesem Jahr weiter tun und zwar ganz ohne Bezahlung. Und nicht nur das: Er kann auch noch anliegende Flächen – zum Beispiel auch Parkplätze (!) – dazu nutzen, ebenfalls kostenlos. Es genügte ein einfacher Antrag beim Ordnungsamt, der in der Regel schnell und unbürokratisch entschieden wurde und natürlich immer noch wird.  

Aber Ende November – bei Redaktionsschluss des Mainzer Neustadt-Anzeigers – gab es kaum noch einen Restaurantbetreiber, der Interesse an einer „Freiluft-Vergrößerung“ oder Winterbefestigung seines Betriebes hatte. Denn angesichts der neuen Corona-Schließungsregeln weiß niemand, ob er überhaupt noch den Winter finanziell wird überstehen können. Die Proteste der Gastronomen, die keine Kosten und Mühen gescheut hatten, um ihren Gästen eine „coronafreie Zone“ zu garantieren, änderten nichts an der Entscheidung der Bundesregierung. Man bedenke, dass allein in der Neustadt im Frühjahr, Sommer und Herbst dieses Jahres 26 Anträge auf erweiterte Außenbewirtschaftung gestellt – und genehmigt – wurden. Alles für die Katz’!

Und was kommt nach Corona?
Wie lange die Pandemie noch fortschreiten wird, weiß keiner, aber die bei kühlerem Wetter steigenden Infektionszahlen lassen kaum hoffen, dass ein schnelles Ende zu erwarten ist. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund hat der Mainzer Stadtrat inzwischen beschlossen, dass die erweiterten Außenflächen und ihr Winterschutz bis Ende 2021 genehmigt werden.

Ein schwacher Trost – denn viele Gastwirte hoffen dieses Jahr noch immer auf Winterbewirtschaftung und haben mit Decken, gewärm ten Sitzkissen und Heizpilzen für wohlige Wärme ihrer Gäste vorgesorgt.

„In Wintersportorten klappt es doch auch mit der Außengastronomie. Warum soll es in Mainz dann nicht funktionieren, wo es hier doch viel wärmer ist?“, sagte mir Anfang Oktober eine Kundin beim Cappuccino im neu eröffneten Bistro „Das Nest“. Der Meinung ist auch Inhaberin Anna Specht, und sie ist froh, dass sie ihr Podest im Außenbereich nicht abbauen muss. Wie sie die wahrscheinlich noch Monate andauernde Schließung ihres Bistros verkraften könne, kann ich allerdings nicht mehr fragen. Sie hat, wie alle Restaurants ohne Lieferservice, geschlossen.

    
Kaum Proteste der Autofahrer
Es war zu vermuten, dass die zusätzlichen Gastronomieflächen und der Wegfall von Parkplätzen bei Nachbarn und Autofahrern nicht überall willkommen waren. Andreas Schnura vom Restaurant Laurenz, der drei Parkplätze beantragt hatte und genehmigt bekam, hatte bisher so gut wie keine Schwierigkeiten mit den Autofahrern. In diesem Sinne antworten im Prinzip auch alle anderen Restaurantbetreiber. Selbst in der Pressestelle der Stadt sei bis zum Herbst nur ein einziger Protestbrief deswegen eingegangen. Ob das allerdings auch in den Wintermonaten so bleibt, wenn es trotz geschlossener Restaurants die Parkplätze weiterhin nicht geben wird, ist ungewiss. Die Situation bleibt für alle schwierig, oder um es mit Bertold Brecht zu sagen: „Wir stehen selbst enttäuscht und seh’n betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“


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