Seite 6 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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„Der Kiosk, das ist mein Leben, mein Geschäft.“
Unsere Reihe über die Kioske in der Neustadt wird auch in dieser Ausgabe fortgesetzt. Manch einer fragt sich: „Und wann bin ich wohl dran? Wann kommt jemand vom Neustadt-Anzeiger auch zu mir?“ Geduld, vielleicht sind wir schon für die nächste Ausgabe, die Anfang des Jahres 2022 erscheinen wird, bei Ihnen im Geschäft und hoffen auf spannende Geschichten.

Gyulham Amdi – ein Mann mit vielen Berufen
Besuch im Kaiser-Kiosk

(sl) Eines ist ganz wichtig: In der Neustadt gibt es gleich zwei Kiosk-Läden, die sich „Kaiser-Kiosk“ nennen. Der eine ist am Kaiser-Karl-Ring 7 und der andere in der Kaiserstraße 46, Ecke Bauhofstraße. Den letzteren besuche ich heute. Bis September 2016 war dort ein orientalisches Lampengeschäft. Dann zogen die Postbetreiberinnen vom Frauenlobplatz in den geräumigen Eckladen. Anfang Juli 2021 zog dann Gyuhan Amdi hier ein. Es war übrigens schon der zweite Kiosk, den die Familien übernahm. Den ersten betreibt seine Frau in der Leibnizstraße. Das Ehepaar hat einen 14-jährigen Sohn und eine 20-jährige Tochter und lebt in der Neustadt.

Orientalische Lampen im Angebot
Im Schaufenster fallen mir sofort die orientalischen Lampen auf, die es vor sechs Jahren auch schon hier gab. „Die verkaufe ich für meinen Freund, von dem ich auch diesen Laden gemietet habe“, sagt Gyülhan Amdi. „Mein Freund verkauft die Lampen heute auf Messen, Volks festen und Künstler-Märkten, da gehen sie besser als hier im Geschäft“, erklärte er. Amdi ist Türke, aber er lebte in der fünftgrößten Stadt Bulga riens in Ruse, bevor er vor elf Jahren nach Deutschland kam. Der sprachbegabte Kiosk besitzer spricht neben seiner Muttersprache Türkisch  auch  Bulgarisch, Rumänisch und natürlich Deutsch.

So vielseitig wie seine Sprachkenntnisse sind, ist auch seine Berufserfahrung: Er arbeitete bereits als Dachdecker, Gebäudereiniger, Bauarbeiter und im Restaurant. Zuletzt war er drei Jahre lang bei Musik Alexander als Poliermeister beschäftigt. „Poliermeister? Was ist das denn?“, frage ich nach und erfahre von Amdi, dass er Blechblasinstrumente nach der Fertigung mit handwerklichem Geschick und Maschinenkraft auf Hochglanz brachte. „Ich habe immer etwas Neues lernen wollen,“ sagt Amdi „denn Arbeit ist für mich ein Hobby!“

Große Pläne mit dem Kaiser-Kiosk
Das jetzige Warenangebot ist vergleichbar mit dem der meisten Kioske: Tabakwaren, Süßigkeiten, Knabbereien, und ein Regal mit haltbaren Lebensmitteln, für den Notfall, wenn die anderen Geschäfte schon geschlossen sind und Getränke mit und ohne Alkohol, darunter 94 (!) Biersorten.

„Zeitungen kommen später, Lotto kommt auch noch und eine Gastronomie-Kaffeemaschine und eine Wassereis (Slush-Ice)-Maschine sind auch schon bestellt“, sagt der vielsprachige Kioskbetreiber. Mitten im Interview kommt Amdis Sohn Sherif vorbei. „Ich arbeite auch für ihn und würde mich freuen, wenn Sherif, wenn er groß ist, mal diesen Kiosk übernehmen könnte!“ Sherif nickt lächelnd und es sieht ganz so aus, als hätte auch er „Lust auf Kiosk“!


Der Kiosk an der Ecke

(rs) Fragt man Leute, die schon ihr ganzes Leben lang in der Gegend wohnen, dann war hier schon immer ein Kiosk. An der Ecke Barbarossaring / Goethestraße, wenige Meter vom Goethetunnel gelegen, heißt der Laden schlicht und einfach „Ecke“. Inhaber Sinan Etci und seine Frau Leila, die den Kiosk seit 2014 führen, sind für ihre freundliche Art bekannt. „Das Schönste an der Arbeit ist, dass man so viele verschiedene Menschen kennenlernt“, findet Leila.

Natürlich findet man in dem recht großen Kiosk das übliche Sortiment aus Getränken, Snacks und täglichem Bedarfsartikeln für den Notfall; als DHL-Shop kann man hier auch Pakete versenden oder abholen. Besonders beliebt ist die Kühltruhe – manchmal verkauft das Paar sogar mehr Eis im Winter als im Sommer. „Wir richten uns nach den Wünschen der Kunden. Was wir nicht haben, bestellen wir gern.“ Darüber hinaus ist die „Ecke“ für viele Kunden mehr als ein Kiosk und DHL-Paketshop; so mancher kommt einfach zum Reden oder zum „Kaffeeklatsch“ vorbei, natürlich im Rahmen der aktuellen Corona-Auflagen. Auch wer sich im Winter kurz aufwärmen möchte, wird nicht weggeschickt. Und als Hundefreunde haben die Kioskbetreiber für vierbeinige Besucher immer ein Leckerchen parat.

Die Etcis kommen ursprünglich aus der Türkei; Leila wohnte in Bad Kreuznach, bevor sie nach Mainz zog. Kennengelernt haben sie sich aber in der Neustadt, genauer gesagt am Rheinufer, vor acht Jahren. „Sie hat mich verfolgt!“ scherzt Sinan, was Leila vehement bestreitet, aber: „Er war so ein netter Typ, den hab’ ich mir geschnappt!“

In der Neustadt sind sie aus Zufall gelandet, doch sie fühlen sich im Viertel wie zuhause. Der Kiosk ist für viele zu einem Anlaufpunkt geworden, für Informationen, einen Ratschlag oder ein offenes Ohr. Oder, wie Leila Etci es beschreibt: „Wie Familie.“ Ein vertrauter Ort eben, direkt an der Ecke.

Nachhaltiges Geben und Nehmen
Fünf Jahre GiveBox – eine Erfolgsgeschichte

(rei) Der kleine bunte Schrank steht regengeschützt unter einem kleinen Vordach in der Ecke vor dem Eingang zur Kirche St. Bonifaz, barrierefrei und gut erreichbar, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die sogenannte Give Box ist wohl gefüllt. Darin liegen Dinge, die noch gut sind, aber von den bisherigen Besitzerinnen und Besitzern nicht mehr gebraucht werden. Durch die GiveBox werden sie weiterbenutzt.

Die Nachfrage ist groß
Ich bin mit Sina Hoffmann von der Kinder- und Jugendorganisation des Naturschutzbundes Rhein land-Pfalz (NAJU) und Pater Johannes, dem Pfarrer der katholischen Kirche St. Bonifaz, an der GiveBox zum Interview verabredet. Während dieser kurzen Zeit bringen zwei junge Frauen Lesestoff, mehrere ältere Frauen und Männer stöbern nacheinander im Angebot, halten sich Pullover an, nehmen Kindersachen mit. Es bilden sich keine Schlangen, aber in kurzen Abständen kommt immer wieder jemand vorbei. „Das ist jetzt nicht extra für unser Treffen inszeniert“, sagen die beiden mit einem Lächeln und freuen sich über die große Resonanz.

Positive Bilanz
Der Bedarf ist ganz offensichtlich da. „Manche kommen gezielt und jeden Tag hierher“, erzählt Pater Johannes, der die GiveBox gerne unterstützt und ihr sozusagen eine Heimat gibt. Das gefällt auch Sina Hoffmann, sie ist Jugendbildungsreferentin bei der Naturschutzjugend (NAJU) Rheinland-Pfalz, der Jugendorganisation des Naturschutzbundes NABU. Vor fünf Jahren haben NAJU-Aktive gemeinsam mit der Greenpeace-Jugend Mainz-Wiesbaden  die GiveBox aufgestellt. Sie nahmen sich vermutlich ähnliche Geschenkeschränke aus anderen Städten, wie zum Beispiel in Berlin, zum Vorbild. Das Prinzip „sharing is caring“ wird hier beispielhaft umgesetzt und es funktioniert seitdem. Tausende Gegenstände haben auf diese Weise ein neues Zuhause gefunden und wurden weiterverwendet. „Es geht um einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen und im Miteinander“, sagt Sina Hoffmann. Mit der GiveBox will die NAJU eine „Alternative zum ständigen Konsum von Neuprodukten schaffen, der die Natur auf einen Rohstofflieferanten und den Menschen auf einen Rohstoffverbraucher reduziert.“


Pater Johannes, Pfarrer von St. Bonifaz, und Sina Hoffmann von der Naturschutzjugend Rheinland-Pfalz an der GiveBox

Das darf rein
In der GiveBox lassen sich täglich neu viele gebrauchte Schätze entdecken: Kleidung, Brettspiele, Geschirr, Bücher, Deko. Alle können kostenlos und anonym gut erhaltene Alltagsgegenstände hineinlegen und auch herausnehmen, was ihnen gefällt. Nicht hinein dürfen beschädigte Artikel, Abfall, Lebens mittel, geöffnete Kosmetika und Hygieneartikel. Das steht aber auch nochmal gut sichtbar auf einem Plakat an der GiveBox selbst. Junge Leute im Freiwilligen Ökologischen Jahr der NAJU schauen als Paten immer mal wieder vorbei und pflegen die GiveBox, kontrollieren regelmäßig die Inhalte und entfernen - wenn vorhanden - Müll. Sie haben es nicht weit, die NABU-Geschäftsstelle ist um die Ecke in der Frauenlobstraße. Das Angebot hat gerade in der heutigen Zeit eine große Zukunft, sind sich Sina Hoffmann und Pater Johannes einig. Mit der GiveBox wird nachhaltiges Handeln für alle sehr einfach.


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