Seite 7 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte
Die Kunsthalle Mainz zeigt „Unextractable: Sammy Baloji invites“

(ab) „Es mag verwundern, aber unser Projekt zur aktuellen Ausstellung mit Sammy Baloji ist ganz anders verlaufen, als wir es anfangs geplant hatten“, erläutert Yasmin Afschar, Interimsdirektorin der Kunsthalle. „Wir hatten den international bekannten Künstler aus der Demokratischen Republik Kongo zu einer Einzelausstellung eingeladen. Er schlug uns jedoch vor, zwölf weitere Kunstschaffende hinzuzunehmen, mit denen er in seiner Heimat und in Europa im Austausch steht.“ So entstand ein neues Konzept, gemeinsam mit den Ko-Kurato rinnen Lotte Arndt und Marlène Harles: „Unextractable: Sammy Baloji invites“. Alle gezeigten Arbeiten hier sind erstmals in Deutschland zu sehen.

„Unextractable“ ‒ der englische Titel lässt sich im Deutschen nicht mit einem Wort übersetzen. Und was Sammy Baloji und die anderen Kunstschaffenden dem Publikum vor Augen führen, ist mit Worten auch kaum zu fassen. Erst beim Rundgang durch die Ausstellung erschließt sich allmählich die tiefe Bedeutung. Wir erfahren hier hautnah die Folgen eines Jahrhunderte alten und noch immer fortdauernden Kolonialismus: die radikale Enteignung von Land und der Raubbau an Rohstoff-Ressourcen, die in einer tiefgreifenden Zerstörung der Umwelt und der sozialen Strukturen der Menschen enden.

Mit ihren Werken widersetzen sich die Künstlerinnen und Künstler diesem System von Macht, Unterdrückung und Ausbeutung. In vielfältigen Formen und Stilsprachen dokumentieren sie die Plünderung von Kulturgütern ebenso wie die Konsequenzen eines globalen Konsumverhaltens und der wirtschaftlichen Profitmaximierung. Dem Land und der dort wohnenden Bevölkerung wird entzogen ‒ extrahiert ‒, was ihre Lebens- und Überlebensgrundlagen sind.

Hinterlassene Spuren
Die Bilder, Fotografien, Collagen und Filme, die Stoffe und Rohstoffe, Instrumente und Alltagsutensilien fordern gezielt die Menschen in Afrika und in Europa auf, sich mit ihrer eigenen kolonialen Geschichte auseinander zu setzen und in einen Dialog zu treten. So zeigt die Ausstellung zu Beginn die beeindruckende kulturelle und künstlerische Vielfalt in der Demokratischen Republik Kongo. Doch beim genauen Hinschauen werden die Spuren der Zerstörung sichtbar. Tradiert bedruckte meterhohe Stoffbahnen signalisieren den Versuch, Bildtraditionen der Ahnen weiterzugeben und in neue Kontexte zu bringen. Das kunstvoll geschwungene traditionelle Jagdhorn aus Messing mit seinem Ziernarben erinnert an Vergangenes.

In einem anderen Raum des dreistöckigen Kunsthalle-Turms stößt man auf einen Schwarz-Weiß-Film im Stil der 20er Jahre, der an Frankenstein erinnert. Hier jedoch ist es der grausame Verweis auf die toxische Arbeit im Bergbau, die, so die fiktive Geschichte im Film, Menschen zu Maschinen und zu monsterähnlichen Wesen deformiert. Aufrüttelnd im wahren Sinne des Wortes ist auch die Installation in einem abgedunkelten Raum, in den nur durch ein schmales Fenster etwas Licht fällt. Der Lärm eines Presslufthammers lässt die Besucher:innen kurz zurückschrecken. Betritt man die aufgeschüttete Sandfläche in der Mitte, die wie ein Sandkasten aussieht, durchfährt eine Erschütterung den Körper. Auf diese Weise wird die krankmachende körperliche Arbeit in den Kupferminen von Lubumbashi, der zweitgrößten Stadt der Demokratischen Republik Kongo, fühlbar gemacht. Sind die Rohstoffe ausgebeutet, verlassen die großen Minengesellschaften die Gegend und hinterlassen Ödnis und Armut. Die Auswirkungen dieses Extraktivismus veranschaulichen auch ergreifende Fotografien von der kongolesischen Region Katanga oder den Minen Lubumbashis und der Stadt Manono.

Ein letztes Bild kolonialer Spuren verzeichnen in der Ausstellung jene teilweise durch Brand zerstörten Landkarten des zentralafrikanischen Landes. Darauf sind Grenzen sichtbar, die von den Kolonialherren willkürlich gezogen wurden. Historische Orte benannten die Machthabenden um. Lubumbashi beispielsweise hieß bis 1966 Élisabethville oder Elisabethstad, nach der Frau des belgischen Königs Albert I.

Postkoloniale Spuren auch in der Neustadt?
Zum Thema (Post-)Kolonialismus an einem so geschichtsträchtigen Ort wie dem Zollhafen war es für das Team der Kunsthalle naheliegend nachzuforschen, wie auch Mainz in den Kolonialismus verwickelt war. In der Neustadt gibt es zahlreiche Beispiele von Straßen- und Ortsnamen, die nach so anerkannten Forschern, Wissenschaftlern und Politikern wie Sömmerring, Forster, Karrillon oder Adenauer benannt sind. In einem 90-minütigen Rundgang „Mainz ‒ Postkolonial“ werden sie kritisch erkundet. Denn die Strukturen und die Folgen beeinflussen auch heute noch unser Leben.

Mit-Initiator:innen der Rundgänge sind das Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz sowie die Rosa-Luxemburg-Stiftung Rheinland-Pfalz.

Übrigens: Das Team der Kunsthalle möchte gern eine Fortsetzung der Rundgänge auch über den Februar hinaus anbieten, hat jedoch keine Kapazitäten mehr. So geben wir den Wunsch des Teams weiter: Wer Interesse hat, einen solchen Rundgang zu führen, möge sich gern melden unter mail@kunsthalle-mainz.de.


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