Seite 7 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Heiligabend – diesmal ganz anders
Chorsingen in Corona-Zeiten



(sh) Die Christmette kurz vor Mitternacht in der voll besetzten Christuskirche ist jedes Jahr das Highlight des Gospelchores GospelGroove. Der Chorauftritt steht gewöhnlich am Ende eines erlebnisreichen Gesangsjahres mit in der Regel zwei Gospelmessen, drei bis fünf Auftritten bei Gottesdiensten und einem großen inter nationalen Gospelworkshop mit ca. 200 SängerInnen.

Nicht so 2020. In diesem Jahr ist alles anders und nach 18 Jahren wird es zum ersten Mal keine Christmette, keinen Chorgesang und keine Predigt im üblichen Sinne geben – und natürlich auch keine Gemeinde, die „Stille Nacht, heilige Nacht“ singt. Corona hat das alles zunichte gemacht! Was anders werden wird und warum, berichten wir hier.

Schwierige Chorproben schon seit Monaten
Eva R., ein Chormitglied, erinnert sich: „Schon seit Mitte März war es nicht mehr möglich, zusammen zu singen. Ich war total traurig und mir wurde plötzlich bewusst, was das heißt, dass jetzt Coronazeit ist!“ Chorleiterin Bar bara Pfalzgraff suchte nach Lösungen: Ab April probte sie online mit mäßigem Erfolg und schwacher Beteiligung. Die Zoom-Technik war einfach nicht für Chorproben geeignet. „Wir konnten uns zwar sehen, aber es fehlte die Nähe, die Gemeinschaft, der richtige Klang, denn der erreichte uns nur zeitversetzt“, erklärte Ingvilt L., eine andere Chorsängerin.

Etwas besser ging es dann mit den Chorproben im Freien, die im Juli und August auf dem Ernst-Ludwig-Platz stattfanden, zwar mit drei Metern Abstand und ohne wirkliche Akustik, weil „vom Winde verweht“, aber dafür mit City-Feeling, mitten in der Stadt. Das habe Spaß gemacht und den Chor mit seinem Repertoire auch weitergebracht, so die einhellige Meinung der Chormitglieder.

Auch Barbara Pfalzgraff musste ihre Erwartungen zurückschrauben: „ Mit Corona-Abstandsbedingungen konnte ich keinen bombastischen Chorklang erwarten und ich höre auch momentan nicht, ob ganz hinten jemand den richtigen Ton trifft. Wichtig ist es, dass der Chor die Lieder lernt und dass es ihm gelingt, auch über Distanzen hinweg auf das Singen der anderen zu hören und als Sänger Selbstsicherheit zu gewinnen.“

Im September kehrte der Chor zu den Proben in die Christuskirche zurück. Man hielt Abstand, aber freute sich auch wieder am vollen Klang der Stimmen, galt es doch, sich auch auf das Singen anlässlich der Konfirmationen vorzubereiten.

Wie sieht das neue Konzept für Heiligabend aus?
Pfarrerin Eva Lemaire erläutert dem Neustadt-Anzeiger, wie die „Offene Weihnachtskirche“ aussehen soll: „In der Regel kommen an den drei Gottestdiensten an Heiligabend fast 2.000 GottesdienstbesucherInnen. Da hätten wir die Corona-Maßnahmen mit Abstand-halten, Mundschutz, Desinfizierung und Adressen-notieren überhaupt nicht stemmen können, auch mit doppelt und dreimal so vielen Gottesdiensten nicht.“

Daher wird die Gemeinde der Christuskirche 2020 eine „Offene Weihnachtskirche“ für alle anbieten. Was heißt das? Jeder ist eingeladen, am Heiligen Abend zwischen 14 und 24 Uhr in die weihnachtlich geschmückte Kirche zu kommen, um zu beten und zu meditieren. Während dieser zehn Stunden wird es immer wieder kleine weihnachtliche Einlagen geben: ein Lied, ein Gedicht, eine weihnachtliche Lesung, ein Gospelchor (der mit Abstand einzelne Lieder singt), Orgelmusik und anderes mehr. Wer Glück hat, ist gerade dann in der Kirche, wenn von der Orgelempore ein Weihnachtslied erklingt oder einer der Krippenspielengel von weitem die frohe Botschaft verkündet.

Es wird absichtlich nicht bekannt gegeben, wann die weihnachtlichen Einlagen stattfinden, denn im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen soll vermieden werden, dass zu viele Gemeindemitglieder genau dann in die Kirche strömen, wenn ein Ereignis stattfindet.

„Ohne unsere wunderschöne Christmette an Heiligabend blutet mein Herz“, sagt Chormitglied Ingvilt L. „Ich bin gespannt, was die Pfarrer und die Gemeinde aus dem neuen Konzept machen! Auf jeden Fall werden wir ein neues Stück Weihnachten erleben“, ist sie überzeugt. An Weihnachten soll die Kirche Her berge für alle sein! Mit der „Offenen Weihnachts kirche“ schaffen wir das“, sagt Eva Lemaire, die zusammen mit Jasmin Schönemann-Lemaire und Matthias Hessenauer den Pfarrdienst an der Christuskirche versieht.

Übrigens: Auch wieder für den Schutz vor Corona wird an Heiligabend die Christuskirche nicht geheizt; es soll verhindert werden, dass durch die Umluftheizung Atemluft unkontrolliert verwirbelt wird.

Das beschriebene Konzept gilt allein für den 24. Dezember, den Heiligabend. In der Adventszeit und an den beiden Weihnachtsfeiertagen gibt es nach wie vor Gottesdienste in der Kirche. Außerdem ist geplant, sie digital und per Zoom an allen Adventssonntagen und Weihnachtsfeiertagen zu verbreiten. Genaue Uhrzeiten sind auf der Website der Kirchengemeinde und an den Aushängen zu finden.


    
Der Name zur Straße
Benannt nach einem Popstar des Biedermeier:



(kk) Die Scheffelstraße grenzt an einer Seite an den Goetheplatz in der Mainzer Neustadt und verbindet die Goethestraße mit der Colmarstraße. Mit der Redewendung „Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ hat sie nichts zu tun. Denn benannt wird sie 1921 nach dem im 19. Jahrhundert gefeierten deutschen Schriftsteller und Dichter Joseph Victor Scheffel, der zu seinem 50. Geburtstag in den Adel erhoben wird und ab dann „von Scheffel“ heißt.

Auf Umwegen zur Literatur
1826 kommt Scheffel in Karlsruhe zur Welt, wo er im Alter von nur 60 Jahren auch stirbt. Die Liebe zur Literatur teilt er mit seiner Mutter Josephine, die selbst Gedichte und Dramen schreibt. Von seinem Vater Philipp Jakob hat er diese Leidenschaft eher nicht geerbt: Dieser ist Ingenieur und an der legendären Rheinbegradigung unter Johann Gottfried Tulla beteiligt.

Der junge Joseph Victor studiert zunächst Rechtswissenschaften in den renommierten Universitätsstädten München, Heidelberg und Berlin. Doch er belegt auch Fächer wie Germanische Philologie und Literatur, ist Mitglied und Ehrenmitglied in Burschenschaften sowie der „Leipziger Universitätssängerschaft St. Pauli zu Mainz“ von 1822, der zweitältesten Deutschlands, deren Verbindungshaus heute in Mainz-Gonsenheim steht.

Das Epos „Der Trompeter von Säkkingen“
Scheffels Jurastudium führt ihn als Rechtspraktikant nach Säkkingen, was sich als schicksalhaft herausstellen soll. Auf seiner ersten Italien reise, durch die er sich aus dem sicheren, aber unbefriedigenden Staatsdienst flüchtet, schreibt er 1853 auf Capri das Versepos „Der Trompeter von Säkkingen“. Das Buch geht auf eine wahre Liebesgeschichte aus dem 17. Jahrhundert zurück: Ein Bürgersohn und eine Adelige heiraten – gegen jahrelange Widerstände und auch erst, nachdem der Bräutigam von einem wohl verständnisvollen Papst zum „Marchese“, einem Markgraf, erhoben wird.

Scheffel ist zu dieser Zeit selbst verliebt in seine Cousine Emma – vermutlich unglücklich, denn sein Werben bleibt erfolglos. 1859, als er sich dauerhaft in seiner Geburtsstadt Karlsruhe niederlässt, lernt er seine spätere Frau, Caroline Freiin von Malsen, kennen. Jedoch die 1864 geschlossene Ehe mit der Tochter des bayrischen Hofgesandten ist nicht von Dauer: Bereits bei der Geburt des gemeinsamen Sohns Victor drei Jahre später sind die Eltern getrennt.

Bedeutung bis heute
Dem „Trompeter von Säkkingen“ folgen weitere Werke wie der historische Roman „Ekkehard“ oder die Liedersammlung „Gaudeamus, Lieder aus dem Engeren und Weiteren“ (1868) und andere, die Scheffel zu einer Art „Popstar“ des Biedermeier werden lassen. Seine Lesungen werden geradezu gestürmt, kurzfristig werden Zusatztermine organisiert. Er antwortet mit Autogrammkarten auf die Post seiner Verehrer und Verehrerinnen und zahlreiche Postkarten zieren das Konterfei des Dichters – damaliges Merchandising. In den „Scheffelstädten“ Heidelberg, Bad Säckingen, Radolfzell, Singen am Hohentwiel und natürlich Karlsruhe sind bis heute sichtbare Spuren von ihm zu finden. Doch nach dem 1. Weltkrieg sinkt Scheffels Stern: Seine verklärte Sicht auf das Mittelalter kommt in der „neuen Sachlichkeit“ der Weimarer Republik nicht gut an. Erst ab den 1980er Jahren erfahren seine Werke wieder mehr Beachtung.

Der 1924 gegründete Deutsche Scheffelbund ist bis heute mit über 5.500 Mitgliedern bundesweit die größte literarische Vereinigung. Jährlich vergibt die Literarische Gesellschaft Karlsruhe den Scheffel-Preis an die besten Abiturienten im Fach Deutsch an insgesamt 600 Gymnasien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und im Saarland. Einer der Preisträger von 1968 ist übrigens ein gewisser Winfried Kretschmann vom Hohenzollern-Gymnasium Sigmaringen …


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