Seite 7 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Alte Handwerkskunst in der Stadt des Buchdrucks
Das BuchbindeAtelier.Kochinke

(ab) Die Leidenschaft zum Buchbinden liegt Ludger Maria Kochinke im Blut. In jungen Jahren erlernte er diese Kunst zunächst autodidaktisch, dann bei einem Buchbinder in der niederländischen Bücherstadt Bredevoort. Studiert hat er Grafik/Design und startete beim Saarländischen Rundfunk und beim ZDF. Seine berufliche Laufbahn beim Fernsehen wurde jedoch durch eine schwere Krankheit jäh unterbrochen. Aber sie hinderte ihn nicht, sich in seinem Metier ein neues Ziel zu suchen. Das fand er 1985 bei der Fachhochschule Mainz.

Sie lockte ihn mit einer Assistentenstelle als Werkstattleiter für Reprotechnik. Doch dabei blieb es für ihn nicht. 1995 baute er für den Studiengang Kommunikationsdesign eine Buchbinde-Werkstatt auf, in der er Bachelorund Master-Studierende ausbildete. Seine künstlerische „Nebentätigkeit“ im Druckladen des Gutenberg-Museums brachte ihn schließlich auf die Idee, ein eigenes Buchbinde-Atelier zu schaffen, in dem er Menschen in die Geheimnisse dieses alten Handwerks einweihen wollte. Nur zwei Jahre danach setzte er diese Vision in der Mainzer Neustadt um. Von der Hochschule nahm er 2014, nach fast 30 Jahren, Abschied. Das Atelier ist nunmehr zum Mittelpunkt seines Schaffens geworden.

Die Faszination der Beutelbücher
Bereits 1982 hat Ludger Maria Kochinke begonnen, Skizzenbücher zu binden. Historische Bände folgten, darunter römische, byzantinische, karolingische und gotische, mit unterschiedlichen Bünden und Heftungen. Eine ganz besondere Faszination aber üben Beutelbücher auf ihn aus, wie sie im Mittelalter die Ordensoder Kaufleute am Gürtel auf Reisen mit sich trugen. Es sind Bücher mit einem nach unten verlängerten Ledereinband, die dadurch einem hängenden Beutel ähneln. Weltweit sind nur noch etwa 25 Originalexemplare aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Im Atelier Kochinke stehen 13 von ihm selbst gebundene Beutelbücher.

Wo immer er auf Reisen mit seiner Frau ist, in Deutschland, Frankreich oder Belgien, sucht und fotografiert er Darstellungen seiner „Lieblingsbücher“. Er findet sie zumeist in Kirchen, Klöstern und Schlössern. Zu bewundern sind solche Beutelbücher übrigens auch in unserer unmittelbaren Umgebung: zum Beispiel im Kreuzgang des Mainzer Doms oder im „Rheingauer Dom“ in Geisenheim. Auf der Homepage des Buchbinders findet sich eine kleine Auswahl seiner großen Sammlung.

Die Kurse im Atelier
Seit nunmehr fast 25 Jahren weiht Ludger Maria Kochinke in Tages-, Abend- oder Wochenend-Kursen Interessierte in die Fertigkeit des Buchbindens von unterschiedlichsten Büchern ein. Vor kurzem hat eine über 80-jährige Neustädterin bei ihm ihren alten „Stowasser" neu gebunden. Dieses Latein-Wörterbuch aus dem Jahre 1919, das sie in ihrem Lieblingsfach in der Schule begleitet hatte und schon vor ihr die beiden älteren Brüder benutzt hatten, war von deutlichen Gebrauchsspuren gezeichnet.

Den Anstoß zur „Erneuerung“ hatte eine Anzeige des Buchbinde-Ateliers im Mainzer Neustadt-Anzeiger gegeben. „Es war mir mit einem Male wichtig, dass der Stowasser wieder gut aussah. Ich habe mir aber nicht vorgestellt, wie viele diffizile und auch erstaunliche Arbeitsschritte dazu gehören“, erzählt die Neustädterin lächelnd. Bevor es jedoch an die „Reparatur“ des Originals ging, lernte sie am ersten Tag zunächst, ein Büchlein mit Fadenheftung anzufertigen. Am nächsten Tag dann kam die Neubindung des Lexikons an die Reihe. „Herr Kochinke ist ein geduldiger Lehrer. Und als ehemalige Lehrerin habe ich seine motivierende Art sehr zu schätzen gewusst. Es war eine tolle Arbeitsatmosphäre, in seinem Atelier, mit so vielen Büchern besonderer Bindung, diese alte Kunst zu erlernen.“

Nun liegt der schöne „neue“ Stowasser in Augenhöhe in ihrem Regal, „damit ich ihn immer anschauen kann und mich daran erfreue. Und von Zeit zu Zeit natürlich auch eine bestimmte Vokabel nachschaue.“

WORT LOS
Eine wortreiche Buchempfehlung

(ab) Seit seiner Schulzeit sammelt Rüdiger Butter Worte und Wörter. Er fasst sie in Lyrik zusammen oder trennt sie und gibt ihnen damit einen völlig neuen Sinn. „Meine ewige Leidenschaft“, bekennt der „alte“ Neustädter. „Gedichte sind für mich wie Schmetterlinge: Ich laufe durchs Leben, dann flattert ein kleiner Satz in den Sinn, irgendwann folgt der nächste. So entwickeln sich meine Gedichte.“


Pass
Pass fort
kann passieren
Nein sagt der Zöllner
kannst nicht
passieren


WORT LOS nennt er die Sammlung seiner Gedanken aus zehn Jahren. Er hat sie lange überlegt, gehegt, gefeilt, gedreht und gewendet. Sie sind witzig, ironisch, humorig, nachdenklich machend und oft mit einem Clou endend. Schon im Titel vermag er zu irritieren ‒ beim genauen Hinsehen. Zweigeteilt ist WORT LOS. Und doppeldeutig: LOS im Sinne von „Auf die Plätze!“, aber auch von „immer weniger werden, bis am Ende nichts mehr (übrig)bleibt“. „Es ist Chirurgie“, erklärt Rüdiger Butter, „ich nehme Begriffe aus dem Alltagsleben, breche sie auseinander und verschaffe ihnen neue Bedeutungen“. Beispiele finden sich viele in seinem 77-seitigen Büchlein.


Schicksal des Geldfälschers
Schein
tot


Hintergründig in Wort und Bild
Für die Illustrationen seiner Texte hat Rüdiger Butter erstmals mit dem Mainzer Maler und Grafiker Thilo Weckmüller zusammengearbeitet, der seine Werkstatt in der Neustadt hat. „Seine hintergründigen Gemälde, seine augenzwinkernden Kunstwerke passen genau zu meiner Gedankenwelt“, erläutert der Autor seine Wahl. „Es war nicht immer einfach, Rüdigers Wortwitz zu illustrieren“, bekennt sein langjähriger Künstlerfreund Thilo. „Denn die Doppeldeutigkeit in seinen Gedichten und Worten können durch Bebildern auch zerstört werden.“


Scheidung in der Bäckerei
Paar
weck


Die für ihn wohl aufwändigste und schwierigste Illustration war zugleich das kürzeste lyrische Statement von Rüdiger Butter: „Wochenenden / enden“. Bei „Katze und Vollmond" hingegen hatte er spontan die treffende Bildumsetzung vor Augen. Sein persönliches Lieblingswerk bleibt „Das Duell“.


Das Duell
Der Spargel schießt
der Bauer sticht
und der ist schneller
sonst läg ein Bauer
auf dem Teller


Wie ein Gourmet und Genießer, der Rüdiger Butter ist, bereite er auch viele seiner Gedichte, erläutert Thilo Weckmüller und verweist auf „Küchengeschichten“ und „Französischer Käse“. Entsprechend illustriert er den Autor schon auf der Titelseite: mit dem kleinen Engel, der durchs Fenster fliegt, dem Dichter reinen Wein einschenkt und ihm auf die (Gedanken-)Sprünge hilft.


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