Seite 7 - Mainzer Neustadt-Anzeiger

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Kita-Kinder „lernen Baustelle“
Pädagogisches Pilotprojekt der „Sozialen Stadt“



(sl) Aus der Not eine Tugend machen, das ist den den Mitarbeiter:innen des Quartiermanagements zusammen mit den Erzieher:innen der Kita Emausweg und last but not least auch dem Baustellen-Maskottchen, der Eule Eduard, zweifelsfrei gelungen! Seit März 2021 wird nämlich im Emausweg vor der Kita gebaut. Das machte und macht noch immer viel Lärm und Schmutz, der alle ärgert. Das Quartiermanagement und das Kita-Team kamen daher auf die Idee, die Baugrube samt Fuhrpark „pädagogisch zu nutzen“ und mit Eule Eduards Hilfe  zum  „Baustellen-Erlebnispark“  zu machen.

Auf Entdeckungstour mit Eule Eduard
Am 15. Juli 2021 war es soweit: Der erste Baustellenbesuch startete mit einer Gruppe von acht Kindern verschiedenen Alters aus vier verschiedenen Kita-Gruppen, den Quartiermanagerinnen Johanna Fuchs und Toyah Hosni, drei Erzieher:innen und natürlich Maskottchen Eduard. Den Kindern machte viel Spaß, die Bau maschinen von ganz nah zu sehen und unter Anleitung der Bauarbeiter auch zu testen, wie sie funktionieren. Es war auch spannend, mal in die Führerhäuschen klettern zu können und so zu tun, als lenkte man die riesigen Gefährte selbst. „Die Baustelle war nicht so wichtig, sondern weit aufregender waren die Baumaschinen“, erinnert sich Erzieherin Leonarda Zerbe und fügt hinzu: „Es war so schön, bei Kita-Kinder ,lernen Baustelle‘, Pädagogisches Pilotprojekt der ,Sozialen Stadt‘, in die strahlenden Augen der Kinder zu sehen und ihre Freude mitzuerleben!“

Ausmalen macht Spaß
Das alles war gut vorbereitet: Die Kinder bekamen im Vorfeld ein Kreativheft mit Baustellenmotiven, Baumwolltaschen mit Eule Eduard zum Ausmalen und Bastelmaterial für Fensterbilder. So lernten sie schon vorab wie eine Dampfwalze aussieht, was ein Zementmischer ist und wie ein Kran funktioniert. Die größten Bilder klebten sie an die Fensterscheiben. Johanna Fuchs und Toyah Hosni machten Bilder mit Maskottchen Eduard. Insgesamt nahmen 65 Kita-Kinder an dem Projekt teil und manch einer mag Lust bekommen haben, später selbst einmal „Bob der Baumeister“ zu sein.

Baustellenbesuche sollen weitergehen
Für das Quartiermanagement, das Kita-Team, die Projektleitung Soziale Stadt und – nicht zu vergessen – für die Kita-Kinder, war der Baustellen besuch ein großer Erfolg. Noch heute erinnern sich die Kinder daran und spielen nach, was sie erlebten. Auch den Bauarbeitern hat die Begegnung mit den Kindern gefallen. Heute winkt man einander zu und hat das gute Gefühl, dass man nun die Arbeit des anderen viel besser versteht. Deshalb soll es auch als Pilotprojekt für andere Baustellen gelten, und davon gibt es in der Neustadt genug!


Der Körperheiler
Ein Gespräch mit Torsten Lengfeld

(sh) „Es ist ein schöner Beruf, ich könnte mir keinen besseren vorstellen”, sagt Torsten Lengfeld. Seit 20 Jahren hat er seine eigene Praxis für Physiotherapie (altgriechisch physis: Körper; therapeia: Heilung) in der Boppstraße. Gegründet hatten sie die Praxis zu zweit. Nach 15 Jahren trennten sich die Wege, seitdem (2016) hat er eine Praxisgemeinschaft mit Mary Hamm, einer Physiotherapeutin für Kinder. Nach der dreijährigen Ausbildung zum Phy siotherapeuten hat Torsten Lengfeld weitere zehn Jahre eine Zusatzausbildung zum Fach lehrer für manuelle Therapie sowie eine fünfjährige Weiterbildung zur Osteopathie absolviert. Er bildet regelmäßig Kolleginnen und Kollegen in manueller Therapie aus. Seit 2014 war er zudem öfter in Syrien und dort in der Physiotherapie-Ausbildung tätig, quasi als Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Stellung der Physiotherapie im Gesundheitssystem
Torsten Lengfeld hat viel zu tun trotz der Unterstützung seiner vier Mitarbeitenden in Teilzeit. Gern würde er noch eine weitere Kraft in Vollzeit einstellen, was sehr schwierig ist, denn die Bedingungen für Beschäftigte in der Physiotherapie gelten als eher ungünstig. Schon allein wegen der schlechten Bezahlung des Berufes. Hinzu kommt eine hohe bürokratische Verantwortung. Sie unterliegen einer Prüfpflicht für die korrekte Ausstellung der Rezepte. „Da müssen alle Kreuze und Buchstaben richtig sein, sonst wird das Rezept von den Krankenkassen nicht bezahlt“, so Torsten Lengfeld.

Hinzu kommt, dass die Patientinnen und Patienten immer zuerst zum Arzt gehen müssen und sich nicht direkt mit der Physiopraxis in Verbindung setzen können. „Hier gibt es eine klare Hierarchie, die Ärzte sagen uns, was wir zu tun haben. Wir gelten als medizinisches Hilfspersonal und somit ist kein gleichberechtigter Austausch möglich”. Daran wird wohl auch der Modellversuch der Akademisierung der Physiotherapie nichts ändern, da sich jetzt nach 17 Jahren die Krankenkassen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung erst einmal dagegen ausgesprochen haben. Konkret geht es darum, den Beruf aufzuwerten – auch von der Bezahlung her – durch ein Studium mit einem akademischen Abschluss als Master oder Bachelor. „Dadurch hätten wir eine bessere Stellung im Gesundheitssystem“, sagt Torsten Lengfeld. Traditionell dauert die Ausbildung drei Jahre an einer speziellen Schule. Parallel gibt es aber auch die Möglichkeit, an einer Hochschule zu studieren. Allerdings bekommen sie nach einem Hochschulabschluss nicht mehr Geld als nach Ende der Physiotherapieausbildung, viele würden dann in andere Arbeitsbereiche wechseln.

Lengfeld, der in der Neustadt aufgewachsen ist, ist da zwiegespalten: „Auf der einen Seite führt all das zu einem Fachkräftemangel, auf der anderen Seite wird der Bedarf immer größer, die Bevölkerung wird immer älter und chronische Erkrankungen nehmen immer mehr zu“. Wer schon mal einen Termin beim Physiotherapeuten haben wollte, weiß, wie lange man darauf warten muss.


Der psychologische Aspekt der Physiotherapie
Sie hören sich ja seit vielen Jahren während der Behandlung auch die Probleme der Erkrankten an. Sind Sie auch eine Art „Psychotherapeut“? „Aus der modernen Schmerzforschung weiß man, dass die bio-psycho-sozialen Aspekte eine ganz große Rolle spielen bei der Entstehung von chronischen Schmerzen, besonders bei Nacken- und Rückenschmerzen. Es ist sehr wichtig, diese Aspekte zu erkennen in dem Ausmaß, in dem man das kann. Wir sind dafür nicht ausgebildet und das ist ein großes Manko. Eigentlich müssten wir eine viel bessere Ausbildung in diesem Bereich bekommen, um die Menschen gut zu behandeln“.

Torsten Lengfeld berichtet, dass er und sein Team sehr begrenzte Möglichkeiten haben, diese Problematik mit den Erkrankten zu besprechen und es auch nur wenig berufliche Fortbildung dazu gibt. Er hält es da von Anfang an mit professioneller Distanz, um optimal helfen zu können. In den meisten Fällen gelingt es ihm auch, kann die Dinge in der Praxis zurücklassen. Seiner Meinung nach ist Mitleid keine professionelle Basis, um mit den Erkrankten erfolgreich arbeiten zu können. Hinzu kommt der knappe zeitliche Rahmen einer Behandlung, die maximal 25 Minuten beträgt. „Behandeln, Hände waschen und dann kommt der Nächste“.

Physioteam Boppstraße
Boppstraße 20-24
55118 Mainz
Tel. 06131 619866
Eine Anmeldung für beide Praxen
Torsten Lengfeld
Mary Hamm

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