Der Name zur Straße - Mainz-Neustadt.de

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Geschichtsträchtiger Platz – bald mit anderem Namen?

(kk) Der Platz, der seit 1933 117er Ehrenhof heißt, verbindet die Kaiserstraße mit der Adam-Karillon-Straße. Seit 1889 liegt das Rabanus-Maurus-Gymnasium an dem vormals nach dem Naturkundler Georg Forster benannten Platz. Das „RaMa“, wie die Mainzer es nennen, ging aus dem Kurfürstlichen Kolleg der Gesellschaft Jesu im Kronbergerhof hervor und ist laut eigenen Angaben mit über 450 Jahren das älteste Gymnasium der Stadt. Nicht von ungefähr bezeichnet Ehrenhof einen Platz, der an einer Seite von einem Schloss oder einem ähnlichen repräsentativen Bau begrenzt wird.

Woher der Name 117er Ehrenhof kommt
Den Namen 117er Ehrenhof erhielt der Platz im Jahr 1933, als dort das Ehrenmal des Infanterieregiments 117 eingeweiht wurde. Richtig heißt es Infanterie-Leib-Regiment „Großherzogin“ (3. Großherzoglich Hessisches) Nr. 117. Es gehörte ursprünglich zur Armee des Großherzogtums Hessen, kam aber nach einer Militärkonvention 1867 unter preußisches Kommando und zur Mainzer Garnison. Nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs 1872 war es 46 Jahre lang meistenteils in Mainz stationiert: zunächst in der Schloss-, dann in der Flachsmarkt- und zum Schluss in der Alice-Kaserne in der Mainzer Neustadt, benannt nach der Großherzogin von Hessen und bei Rhein, deren Namen auch das Regiment trägt. Dieses machte sich übrigens ganz besonders um Mainz verdient während der großen Überschwemmungen im Jahr 1882.

Umbenennung in der Zeit des Nationalsozialismus
Ehrenhof Leibregiment sollte der Platz ursprünglich heißen, was den Nationalsozialisten jedoch zu royalistisch war. Für eine kurze Zeit hieß er Horst-Wessel-Platz, bis man sich schließlich auf 117er Ehrenhof einigte. Die Umbenennung des vormaligen Forster-Platzes geht im Ursprung auf die „Ortsgruppe Mainz der Vereinigung ehemaliger Angehöriger des Regimentes 117“ zurück, die sich 1930 neben anderen promilitärischen Gruppierungen in Mainz formierte. Ein Jahr danach beschloss die Gruppe den Bau eines Ehrenmals auf dem damaligen Forster-Platz, das dann 1933 von den Nationalsozialisten öffentlichkeitswirksam eingeweiht wurde. Eine gewisse Nähe zum Nationalsozialismus und Antisemitismus demonstrierten einige der Regimentsveteranen bereits bei dem Treffen drei Jahre davor.

Erneute Umbenennung beantragt
1961 wurde auf dem Platz eine weitere Gedenkstätte eingeweiht, die der Opfer beider Weltkriege gewidmet ist. An die Einweihung, die 28 Jahre zuvor dort stattfand, hat dabei niemand erinnert, vermutlich auch nicht an die damalige Umbenennung. Heute gibt es erneut Bestrebungen, den Platz umzubenennen. Im Ortsbeirat der Mainzer Neustadt wurde darüber bereits heftig diskutiert und im Juni 2020 haben dort die Befürworter mehrheitlich für einen entsprechenden Antrag bei der Stadtverwaltung gestimmt. Über diesen muss nun der Stadtrat entscheiden…

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe August 2020)


Romancier im Arztkittel
(kk) Die Adam-Karrillon-Straße verläuft parallel und zwischen Kaiser- und Frauenlobstraße. Sie ist nach dem deutschen Arzt und Schriftsteller benannt, der 1853 als Nachfahre einer Hugenottenfamilie in Wald-Michelbach zur Welt kommt und im Alter von 85 Jahren in Wiesbaden stirbt.

Die Mainzer Zeit: frühe Selbstständigkeit
Bereits mit 14 Jahren geht Karrillon nach Mainz, um das (heutige Rabanus-Maurus-)Gymnasium zu besuchen, das später zeitweise seinen Namen trägt und in der Straße liegt, die heute noch nach ihm benannt ist. Möglicherweise war es für ihn eine Art Flucht vor der Stiefmutter, die nach dem Tod der leiblichen Mutter das Regiment in Karrillons Vaterhaus übernommen hat. Doch der Junge kommt vom Regen in die Traufe, denn im Konvikt, einer Art kirchlichem Heim, das dem Mainzer Gymnasium angeschlossen ist, herrschen ebenfalls strenge Gesetze. 1872, in seinem letzten Schuljahr vor dem Abitur, darf er denn auch nicht mehr dort wohnen, weil er den weltlichen Beruf eines Arztes anstrebt. Nach dem Medizinstudium in Gießen und Würzburg erlangt er 1879 in Freiburg den Doktortitel. Sein größter Traum, an einer Expedition teilzunehmen, geht nicht in Erfüllung. Er praktiziert in Ibersheim bei Worms, wo er seine Frau Bertha Laisé kennen lernt. Auch sie mit hugenottischen Wurzeln, Nachfahrin einer wohlhabenden großbäuerlichen Familie, die heute in ihrem Geburtsort ebenfalls mit einem Straßennamen geehrt wird.

Die Zeit in Weinheim: vom Arzt zum Autoren
1883 verschlägt es die inzwischen vierköpfige Familie nach Weinheim, wo sich Karrillon sichtlich wohl fühlt. Der Arzt gelangt dort schnell zu Ansehen, obwohl oder gerade weil er im Ruf steht, allabendlich die lokalen Gasthäuser aufzusuchen. Am Vormittag muss er dann erst einmal seinen Rausch ausschlafen, bevor er sich am Nachmittag um seine Patienten kümmern kann. Doch das Fernweh und die Reiselust lassen Karrillon nicht in Ruhe. Sie führen ihn 1891 unter anderem in die Schweiz, von wo er eine erste kleine Geschichte mitbringt, die er einem Verlag schickt – sein erster, allerdings noch erfolgloser Auftritt als Schriftsteller. Weitere Reisen folgen, sogar bis in den Nahen Osten, über die Karrillon Vorträge hält, die in einem Buch erscheinen. Doch der Durchbruch als Autor bleibt noch aus.

Das ändert sich schlagartig mit seinem biografischen Roman „Michael Hely“ über die Figur eines Schreinergesellen aus Wald-Michelbach. Der Roman erscheint im Jahr 1900 zunächst als Fortsetzungsgeschichte im Neuen Pfälzischen Kurier und anschließend als Buch, das jedoch aufgrund des Verlagskonkurses nicht in den Handel gelangt. Karrillon stellt sämtliche Exemplare als Brennmaterial für ein Feuer in der Stadt Weinheim zur Verfügung. Da die Bücher aber nicht so richtig brennen wollen, verteilen sie Kinder im ganzen Ort, so auch an Jenny Fröhlich, Karrillons spätere Lektorin. Ihr verdankt er, dass sein erster Roman 1904 von einem Berliner Verlag herausgegeben und ein Erfolg wird, ebenso wie zwei Jahre später sein zweiter Odenwald-Roman „Die Mühle zu Husterloh“.

Die Zeit in Wiesbaden: Nähe zu Nationalsozialisten
1914 wird Karrillon mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs Lazarettarzt und landet mit seiner Frau nach Zwischenstationen in Schliersee und Witten in Wiesbaden. 1920 schreibt er den Roman „Viljo Ronimus“ über einen Kassenarzt in Groß-Gerau, dessen Vita starke autobiografische Züge aufweist. Drei Jahre danach wird er einer der ersten beiden Georg-Büchner-Preisträger. Karrillon erhält zahlreiche weitere Ehrungen – auch zweifelhafte wie den Adam-Karrillon-Abend, den der NSDAP-nahe Kampfbund für deutsche Kultur 1933 zu seinem achtzigsten Geburtstag im Kurfürstlichen Schloss veranstaltet. Staatspräsident Ferdinand Werner von der NSDAP gratuliert seinem Freund Karrillon persönlich. Damals benennen die Nationalsozialisten auch die Straße nach dem Schriftsteller, die bis dahin Schulstraße heißt. 1938 stirbt Karrillon in Wiesbaden, nachdem er seit einigen Jahren immer häufiger und länger in der „Irrenanstalt“ Klingenmünster in Behandlung gewesen ist. Ihm wird auf dem Weinheimer Alten Friedhof ein Ehrengrab errichtet und in seinem Geburtsort Wald-Michelbach trägt die Grundschule seinen Namen. Seine Frau Bertha stirbt 24 Jahre nach ihm im hohen Alter von 107 – als damals älteste Frau Deutschlands.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2019)

Über die Prinzessin, die die Gesundheitspflege reformierte

(sk) Benannt ist die Straße am Mainzer Hauptbahnhof nach der zweiten Tochter der britischen Königin Viktoria und ihrem Gemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Prin zes sin Alice von Großbritannien und Irland wurde am 25. April 1843 in London geboren. Nach ihrer Hochzeit 1862 mit dem Darmstädter Großherzog Ludwig IV. führte sie den Titel „Großherzogin Alice von Hessen und bei Rhein“. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor.

Alice war sozial sehr engagiert, auch durch den Einfluss ihres sozialreformerisch eingestellten Vaters. Dieser hatte bewirkt, dass sie nicht nur das luxuriöse, behütete Leben bei Hofe kannte, sondern sich auch mit der Not und den Sorgen der Londoner Arbeiterklasse auseinandersetzte.

Diese Eindrücke prägten Alice in ihrem späteren Tun und ließen sie in Darmstadt zusammen mit ihrer engsten Mitarbeiterin und Freundin Luise Büchner viele soziale Projekte initiieren. Die Schwester von Georg Büchner, selbst Schriftstellerin, war auch eine engagierte Frauenrechtlerin. In ihren Schriften setze sie sie sich für eine gleichwertige Ausbildung von Mädchen und Jungen ein sowie der Verbesserung der Frauenbildung und Erwerbsfähigkeit von Frauen.

Alice Schwesternschaft
1867 gründeten die beiden den „Alice-Frauenverein für die Krankenpflege im Großherzogtum Hessen“. Ziel des Vereins war die nicht kirchlich gebundene Ausbildung junger Frauen zu Krankenschwestern, um ihnen ein neues Feld der Erwerbstätigkeit zu öffnen. Die Kosten der Ausbildung wurden vom Verein übernommen.

Beraten ließ sich Alice unter anderem von Florence Nightingale, der bekannten britischen Krankenschwester, die in ihrer Heimat die Kran ken- und Gesundheitsfürsorge reformiert hatte.

Auch in Mainz, das zu dieser Zeit noch zum Großherzogtum Hessen gehörte, wurde 1870 ein „Alice-Frauenverein für Krankenpflege“ gegründet. Aus diesem ging wenige Monate später die „Alice Schwesternschaft Mainz vom Roten Kreuz“ hervor. Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 kümmerten sich erstmals Alice-Pflegerinnen um die Verletzten. Die Alice Schwes tern schaft Mainz ist heute Trägerin des „Alice Haus – Alten- und Pflegeheim“ in Gonsenheim und konnte 2020 ihr 150-jähriges Bestehen feiern.

Ein weiterer Frauenverein in Darmstadt, der auf die Initiative von Großherzogin Alice und Luise Büchner zurück ging, war der „Verein zur Förderung der weiblichen Industrie“. Neben einem Basar, in dem Frauen Handwerksarbeiten gegen Lohn verkaufen konnten, betrieb der Verein ab 1870 außerdem das „Alice-Lyzeum“ mit Abendkursen für Mädchen und Frauen. 1875 entstand die Alice-Schule als „Industrieschule für Mädchen“, der ein Jahr später noch ein Seminar für Handarbeitslehrerinnen angegliedert wurde.

Alices Wirken wurde im Alter von 35 Jahren jäh beendet. Ihre Kinder hatten sich an der Infektionskrankheit Diphterie angesteckt. Bei der Pflege ihrer Familie erkrankte auch sie daran und starb am 14. Dezember 1878.

1883 wurde zu ihrem Gedenken in Darmstadt auf der Mathildenhöhe das Alice-Hospital eingeweiht.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2024)

Kommunistin, Kämpferin für den Weltfrieden und preisgekrönte Schriftstellerin
(kk) Der Anna-Seghers-Platz liegt im Schatten der Bonifazius-Türme in der Nähe des Mainzer Hauptbahnhofs, wo sich auch die Anna-Seghers-Stadtbücherei befindet. Anna Seghers, die als Netty Reiling im Jahr 1900 in Mainz zur Welt gekommen ist, zählt zu den größten deutschen Schriftstellerinnen.
Zu dieser Zeit führen ihre Eltern, die der orthodoxen israelitischen Religionsgemeinschaft angehören, ein Kunst- und Antiquitätengeschäft. Ihr einziges Kind Netty besucht in Mainz die Höhere Mädchenschule, das heutige Frauenlob-Gymnasium, und arbeitet im Kriegshilfsdienst während des Ersten Weltkriegs.
Nach dem Abitur verlässt sie Mainz und kehrt nie mehr dorthin zurück. Die inzwischen 20-Jährige geht nach Köln und Heidelberg, um Geschichte, ostasiatische Kunstgeschichte und Chinakunde zu studieren. In Studentenkreisen diskutiert sie mit über soziale Fragen und Karl Marx und lernt den jüdischen Soziologen Laszlo Radvanyi aus Ungarn kennen.

Aus Netty Reiling wird Anna Seghers
1925 heiraten die beiden, nachdem die junge Braut in Philosophie promoviert hat. Anschließend zieht das Paar nach Berlin, wo erste Werke der Schriftstellerin erscheinen und ihre beiden Kinder zur Welt kommen. Ab 1928 nennt sie sich dann Anna Seghers. Daraus spricht einerseits ihre Verehrung für Hercules Seghers, einen niederländischen Künstler der Rembrandt-Ära. Manche vermuten andererseits, dass sie damit versucht, ihre jüdische Herkunft zu verschleiern. In dieser Zeit wird die junge Autorin mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet und wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
In der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland flieht die Familie über die Schweiz und Frankreich nach Mexiko City. Erfahrungen aus dieser Zeit verarbeitet Anna Seghers 1944 in ihrem Roman „Transit“, gleichzeitig schließt sie sich dem antifaschistischen Kampf an.

Verbindungen zu Mainz und Berlin
Drei Jahre später kehrt Anna Seghers nach Berlin zurück, erhält den renommierten Georg-Büchner-Preis und tritt der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei. 1950, ein Jahr nach Gründung der DDR, zieht sie nach Ost-Berlin und ist in den folgenden Jahren in der Friedensbewegung aktiv. 1951 wird sie erstmals mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Im Jahr darauf wird sie für 26 Jahre Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. 1962 erscheint „Das Siebte Kreuz“ zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland. 20 Jahre davor war das Buch schon in den USA auf Englisch und in Mexiko auf Deutsch erschienen. Es ist ihr wohl bekanntester Roman, vielleicht auch, weil er in Amerika verfilmt wurde. 1975 wird Anna Seghers Ehrenbürgerin von Ost-Berlin, sechs Jahre danach auch von ihrer Geburtsstadt Mainz.

1983 stirbt die inzwischen weltweit bekannte Autorin und wird mit einem Staatsakt in der von ihr mitbegründeten Akademie der Künste geehrt. Sie wird in Berlin beigesetzt und ihre ehemalige Wohnung in der Anna-Seghers-Straße, die seit 1984 so heißt, zur Gedenkstätte. In Mainz ist außer dem Anna-Seghers-Platz und der gleichnamigen Bibliothek auch eine Integrierte Gesamtschule nach ihr benannt, die eine Partnerschaft mit der Anna-Seghers-Gemeinschaftsschule in Berlin verbindet. Wie ihre Tochter so wird auch Anna Seghers Mutter, die in Mainz ehrenamtlich engagierte und im Konzentrationslager ermordete Hedwig Reiling, von der Stadt geehrt: mit einem Stolperstein am Fischtorplatz.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2019)

(kk) Die Aspeltstraße ist nach Peter von Aspelt benannt, der wiederum nach seinem Geburtsort benannt ist. Das lässt sich in der rheinland-pfälzischen Personendatenbank nachlesen. Aber wer war Peter von Aspelt überhaupt und vor allem, wo liegt dieses Aspelt?

Die Aspeltstraße jedenfalls liegt zwischen Boppstraße und Kaiser-Wilhelm-Ring. Ihr Namens geber kam 1240 im Luxemburgischen Aspelt zur Welt und war von 1306 bis zu seinem Tod 1320 kurfürstlicher Erzbischof im Main zer Dom. Hier kann man bis heute sein Grabmal besichtigen, auf dem er als sogenannter „Königsmacher“ zu sehen ist bei der Krönung von Johann von Böhmen, Heinrich VII. und Ludwig IV. von Bayern. Peter von Aspelt war damals also ein sehr bedeutender Zeitgenosse und als solcher würdig, dass eine Mainzer Straße nach ihm benannt werden sollte. Nur welche?

Die Antwort darauf ließ auf sich warten bis 1969, als Laubenheim in Mainz eingemeindet wurde und es plötzlich zwei Mainzer Dalbergstraßen gab, eine in Laubenheim und eine in der Neustadt. Kurzerhand wurde eine der beiden umbenannt und die andere durfte ihren Namen behalten.

So kam die Neustadt zu ihrer Aspeltstraße, in der heute zum Beispiel das Caritas-Zentrum Delbrêl zu finden ist. Es vereint verschiedene soziale Einrichtungen unter einem Dach wie den Neustadttreff und die PC-Werkstatt Zack, die kostenlos gebrauchte Computer für soziale Einrichtungen bereitstellt, sowie Medinetz, die „Medizinische Vermittlungsstelle für Flüchtlinge, Migranten und Menschen ohne Papiere“.  

Das caritative Zentrum hat seinen Namen ebenfalls von einer geistlichen Persönlichkeit, der Französin Madeleine Delbrêl. Die Bedeutung der 1904 geborenen und 1964 gestorbenen Kirchenfrau lässt sich unter anderem daran erkennen, dass sie 1961 an der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils teilnahm und 34 Jahre nach ihrem Tod selig gesprochen wurde.

Ein Haus, benannt nach einer bedeutenden Bischofsberaterin, steht in einer Straße, die den Namen eines einflussreichen Erzbischofs trägt. Wenn das nicht passt …!

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2014)

(kk) Die Bonifaziusstraße hieß bis 1917 Kirchstraße. Sie führt vom Mainzer Hauptbahn hof zur Rhabanusstraße und zum Bonifaziusplatz, dem früheren Kirchplatz, auf dem sich wiederum die katholische Kirche St. Bonifaz und das gleichnamige Domikaner kloster befinden. In direkter Nachbarschaft sind eine Straße, ein Platz, eine Kirche und ein Klos ter nach ein und demselben Menschen benannt. Der Heilige Bonifatius muss also ein bedeutender Mann gewesen sein.

Als Wynfreth kommt er um 673 (zur Jahreszahl finden sich in der Fachliteratur abweichende Angaben) in der englischen Graf schaft Wessex nahe Exeter zur Welt. Sein altenglischer Name bedeutet Freude (wyn) und Friede (freth), eingedeutscht lautet er Winfrid (auch: Winfried). Im Alter von sieben Jahren kommt der wissbegierige Junge ins Kloster, wo er sich dem Studium der Bibel widmet. Mit 30 Jahren wird der Benediktiner Priester und Lehrer und übernimmt später die Leitung der Klosterschule. 754 stirbt er als Missionar in Friesland eines gewaltsamen Todes.

Vom Ordensmann zum Missionar
Mit 40 Jahren bricht Winfrid mit seinem bisherigen Leben, lässt Kloster, Freunde und Familie hinter sich. Der Ordensmann wird zum Mis si onar. Der umfassend gebildete Winfrid kann den einfachen Menschen die lateinische Bibel mit verständlichen Worten in verschiedenen Sprachen nahe bringen. Er beeindruckt sein Publikum aber auch durch seine damals ungewöhnliche Körpergröße von 1,90 Metern. Die ersten der noch nicht christianisierten Völker, die er bekehren will, sind die Friesen. Doch diese lehnen den christlichen Glauben ab, weil es der Glaube ihrer fränkischen Feinde ist. Und so bleibt Winfrids erste Mission erfolglos. Das kratzt jedoch scheinbar nicht an seinem guten Image zuhause. Denn zurück im englischen Kloster wird er von seinen Brüdern zum Abt gewählt.

Vom Missionar zum Missionsbischof
Doch im Jahr 718 verlässt der Glaubens missi onar das Kloster wieder – und diesmal endgültig. Sein Weg führt nach Rom, wo er offiziell von Papst Gregor II. zur Mission beauftragt wird, „ungläubigen Völkern das Geheimnis des Glau bens bekannt zu machen“. Am 15. Mai 719 erhält Wynfreth die Weihe und nennt sich von da an Bonifatius (auch Bonifazius) – nach dem Heiligen, der am Tag davor Namenstag hatte. Als Heiden apostel bekehrt er erfolgreich Hessen, Bayern und Thüringer. 722 ernennt ihn der Papst zum Missionsbischof mit der Aufgabe, die germanische Kirche zu ordnen. Bonifatius gründet im gleichen Jahr in Amöneburg sein erstes Kloster, eines von vielen in Hessen und Mainfranken, mit denen er den Grundstein für die Orga nisation der gesamten deutschen Kirche legt.

Aufstieg und Fall
732 wird Bonifatius zum Erzbischof und fünf Jahre später zum päpstlichen Legaten ernannt, der seine Missionstätigkeit nach Bayern und Sachsen ausweitet. Die Neustrukturierung der im Innern zerfallenden katholischen Kirche ist dem Benediktiner eine Herzensangelegenheit. Damit macht er sich aber nicht nur Freunde. Er stößt auf erbitterten Widerstand, zum Beispiel als er, der gebürtige Angelsachse, zum mächtigen Erzbischof von Köln werden soll. 747 wird er deshalb „nur“ Mainzer Bischof für die Dauer von acht Jahren, in denen sein Einfluss zusehends schwindet.

Anfang und Ende
Im hohen Alter von 80 Jahren reist er noch einmal, wie schon zu Beginn seiner Missionarstätigkeit, zu den heidnischen Friesen, wo sich der Kreis für ihn schließt. Am 5. Juni 754 wird er dort während eines Taufgottesdienstes an Pfingsten von Räubern erschlagen, gemeinsam mit seinen rund 50 Begleitern. Geistliche aus Mainz erwirken, dass der Leichnam ihres Bischofs überführt und in einer großen Prozession nach Fulda gebracht wird. Bonifatius selbst wollte dort beigesetzt werden, wo er sein bedeutendstes Kloster gegründet hatte. Seit 1867 ist sein Grab der Ort, an dem die deutsche Bischofskonferenz zusammentritt. Und an ihrem Ende wird jeder Bischof mit der Bonifatius-Reliquie gesegnet.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2019)

Franz Bopp

(sk) Wenn man die Neustädter fragt, was sie einem über die Boppstraße berichten können, dann erzählen sicherlich viele, dass sie die größte Geschäftsstraße in unserem Stadtviertel ist, dass sie die einzige Straße in der Neustadt ist, von der man noch die Kuppel des Doms sehen kann, oder dass in der Boppstraße der Mainzer Rosenmontagszug startet. Einige kön­nen sich vielleicht auch noch daran erinnern, dass zwischen 1904 und 1931 durch die Boppstraße die erste Mainzer Straßenbahnlinie führte.

Aber wer weiß, wer der Namensgeber die­ser pulsierenden Einkaufstraße ist? War er viel­ leicht ein Mainzer Politiker oder Universitäts­professor, oder wurde die Straße gar nach einem Fußballer der 05er benannt? Nein, Franz Bopp war ein deutscher Sprachwissenschaftler und Sanskritforscher und gilt als Begründer der historisch­vergleichenden Sprachwissen­schaften.

Bopp wurde am 14. September 1791 in  Mainz geboren. Seine Familie lebte in der Mittleren Bleiche 65, sie zog aber aufgrund der politischen Wirren bereits 1792 nach Aschaf­fenburg um. Mainz stand kurz vor der Ein­nahme durch die französische Revolutions­armee, und neben dem Kurfürsten und dem Erzbischof verließen auch viele Mainzer Bür­ger die Stadt. Ein Großteil flüchtete nach Aschaffenburg, das ebenfalls zum Erzbistum Mainz gehörte.

Franz Bopp besuchte in Aschaffenburg das Gymnasium und wurde dort von Karl Joseph Windischmann gefördert. Windischmann war u.a. Hofarzt des von Mainz geflüchteten Kur­fürsten von Erthal sowie Professor für Philosophie und Geschichte. Er weckte bei Bopp erstes Interesse für orientalische Studien und die Schriften Friedrich Schlegels.

Briefkontakte mit Philosophen und Sprachwissenschaftlern seiner Zeit veranlassten Bopp, wie schon sein Vorbild Schlegel, zum Studium nach Paris zu gehen. Finanziell unterstützt wurde er dabei von der Bayerischen Regierung.

Durch Studium der dortigen Bücher-­ und  Handschriftensammlungen erhielt er Einblick in die verschiedensten indogermanischen Spra­chen. Diese Erkenntnisse bildeten das Grundgerüst für sein 1816 entstandenes Standardwerk „Über das Konjugationssystem der Sanskrit­sprache in Vergleichung mit jenem der griechi­schen, lateinischen, persischen und germani­schen Sprache.“ Die Schrift markierte den Beginn der vergleichenden Sprachwissenschaft und der Indogermanistik.

Bei einem Aufenthalt in London lernte er den preußischen Botschafter Wilhelm von Humboldt kennen. Dieser wurde sein Sanskrit-Schüler. Humboldt war es auch, der ihn 1821 nach Berlin holte und befürwortete, dass Bopp eine Professur an der Universität zu Berlin erhielt. Den Lehrstuhl für „Orientalische Litteratur und allgemeine Sprachkunde“ hatte er bis zu seinem Tod 1867 inne.

In Berlin entstanden noch weitere Lehr­- und Standardwerke zur Sanskritforschung. Außerdem wurde 1866 die Bopp­-Stiftung  begründet, die über viele Jahrzehnte jährlich einen Förderpreis an Gelehrte verlieh, die im Bereich der Sanskritforschung bzw. verglei­chenden Sprachwissenschaften tätig waren.

Die Stadt Mainz hat Bopp zu Ehren nicht nur eine Straße nach ihm benannt, seit 1992 gibt es zudem eine Gedenktafel an der Fassade des Eltzer Hofes in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe März 2012)

(sk) Die Colmarstraße liegt zwischen Pankratiusstraße und Hindenburgstraße. Sie wurde benannt nach Josef Ludwig Colmar (1760-1818), dem ersten Bischof von Mainz (1802-1818) nach dem Ende des Kurfürstentums.

Joseph Ludwig Colmar wurde als Sohn des Sprachlehrers Johannes Colmar und seiner Gattin Elisabeth geboren und wuchs in seiner Geburtsstadt Straßburg auf. Nach schulischer  Ausbildung auf dem königlichen Kolleg in Straßburg studierte er zunächst Philosophie und später Theologie. 1783 erhielt er die Priesterweihe. Anschließend war er für einige Jahre als Lehrer am Straßburger Kolleg tätig und verwaltete außerdem unentgeltlich die Stelle als Kaplan in der Stephans-Kapelle in Straßburg.

Während der Französischen Revolution lebte Colmar in Straßburg im Untergrund, da er den Eid auf die Zivilverfassung des Klerus verweigert hatte und auf seinen Kopf ein Preis ausgesetzt war. Er ging aber in verschiedenen Verkleidungen seinem priesterlichen Beruf nach. Als eine öffentliche Wirksamkeit ab 1795 wieder möglich wurde, gründete er eine Schule für junge Katholiken sowie eine katholische Bibliothek.

Nachdem 1803 im Reichsdeputationshauptschluss eine Neuordnung Deutschlands durch Gebietstausch und Säkularisierung festgelegt wurde, war auch das Ende der geistlichen  Fürstentümer besiegelt. Die alten Diözesen erklärte man für aufgelöst, das Gebiet des heutigen Rheinhessen-Pfalz wurde zum neuen französischen Donnersbergkreis mit der Hauptstadt Mainz zusammengefasst. Deckungsgleich entstand das neue Großbistum Mainz, das die linksrheinischen Gebiete der alten Fürstbistümer Mainz und Worms sowie erhebliche Anteile vom linksrheinischen Territorium des alten Fürstbistums Speyer vereinigte.

Für das neu geschaffene Bistum Mainz wurde Josef Ludwig Colmar am 1. August 1802 von Napoleon zum Bischof ernannt. Da er von Napoleon eingesetzt worden war, stand ihm die Mainzer Bevölkerung anfangs eher kritisch gegenüber und verpasste ihm, da er im Gegensatz zu seinen feudalen Vorgängern eher bescheiden auftrat, den Beinamen „Bettelbub“ .

Er wusste aber schnell durch seine seelsorgerische Arbeit zu überzeugen. Colmar unternahm zahlreiche Reisen, um seine Diözesanen persönlich kennenzulernen, und legte nach der  Zeit der Aufklärung den Schwerpunkt wieder  auf das religiöse Leben. Er feierte festliche  Gottesdienste und fand mit seinen Fasten predigten, die er jährlich im Dom zu halten pflegte, viel Gehör. Mit großer Hingabe widmete er sich den Armen und Kranken. Während der  Typhus-Epidemie im Winter 1813, die in Mainz infolge der Völkerschlacht von Leipzig durch  zurückkehrende Soldaten ausgelöst worden war, pflegte Colmar mit seinen Priestern und  Seminaristen persönlich die Kranken und Sterbenden.

In Colmars Amtszeit fällt außerdem die Rettung der bereits zum Abriss freigegebenen  Dome von Mainz und Speyer. Der Mainzer Dom etwa war während der Belagerung von  Mainz (1793) stark beschädigt worden. Das Gebäude war zum Heerlager und Magazin  degradiert worden und ein Großteil des Inventars wurde versteigert. Colmar sorgte für Wiederherstellung und eine weitere Ausgestaltung mit Uhr und Glocken.

1805 gründete er des Mainzer Priesterseminar neu und holte 1807 das Institut der Englischen Fräulein Maria Ward und 1818 die Schulschwestern ins Bistum. Als nach Ende der französischen Besatzungszeit das Territorium des bisherigen Großbistums Mainz wieder aufgeteilt wurde und im Süden die nun rein bayerische Diözese Speyer neu auflebte, bot der Bayernkönig Maximilian I. Josef Ludwig Colmar 1817 den Bischofsstuhl von Speyer an; dieser zog es aber wohl auch wegen seines schon fortgeschrittenen Alters vor, Bischof von Mainz zu bleiben.

Bischof Colmar starb 1818, seine Grabplatte befindet sich im Mittelgang des Mainzer Doms.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2013)

Pilgern und Pietà, Prozessionen und Prozesshaftes

(kk) Der Emausweg verbindet Wallau- und Sömmeringstraße in der nördlichen Neustadt, die sich in nächster Zukunft stark verändern wird. Hier entsteht rund um den neuen Quartiersplatz ein ganz neues Wohngebiet.

Pilgern – Herkunft und Bedeutung des Namens
Emaus oder auch Emmaus bedeutet im Hebräischen „warme Quelle“ und ist ein geläufiger Ortsname oder Namenszusatz. Manche Menschen kennen ihn aus dem Lukas-Evangelium: Dort ist die Rede von einem Ort Emmaus in der Nähe von Jerusalem. Nach Jesus‘ Tod machen sich einige Jünger auf den Weg dorthin. Unterwegs begegnen sie einem Mann, den sie im späteren Verlauf als den auferstandenen Messias erkennen. Auf diesen „Emmausgang“ sollen unsere heutigen Osterspaziergänge ebenso zurückgehen wie das süddeutsche oder österreichische „Emmauspilgern“ am Ostermontag, der deshalb auch „Emmaustag“ genannt wird.

Prozessionen - Warum es hier einen Emausweg gibt
Geistlich geprägte Umzüge und Prozessionen verliefen früher auch durch den Mainzer Emausweg. Sie führten vom Stift Alt-St. Peter, das sich bis Mitte des 17. Jahrhunderts ungefähr am heutigen 117er Ehrenhof befand, in die Nähe des späteren Zoll- und Binnenhafens zur St. Theonest-Kapelle, die im 16. Jahrhundert abgerissen wurde. Hinweise auf diese Kapelle, so genannte Papstbullen, wurden gerade in diesen Tagen bei den aktuellen Bauarbeiten rund um den Emausweg entdeckt.

Prozesshaftes - Wie sich der Emausweg verändert
Damals wie heute ist im Emausweg und um ihn herum vieles in Bewegung. In der nördlichen Neustadt entsteht ein neuer Quartiersplatz, so wie ihn schon der legendäre Stadtbaumeister Eduard Kreyßig geplant hatte, wenn auch an anderer Stelle. Darüber hinaus wird es rund um den Platz ein neues Wohngebiet geben mit bis zu 500 neuen Wohneinheiten, Geschäftsräumen und sozialen Einrichtungen – also ein Mischgebiet, ähnlich dem, das laut Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz schon früher hier stand.

Im Zuge dessen werden sich auch Wallaustraße und Emausweg verändern. Für Letzteren sieht der Bebauungsplan einen verkehrsberuhigten Bereich vor, damit Eltern und Kinder sicher zur Kindertagesstätte Emausweg kommen können. Gleichzeitig soll weniger Straßenverkehr für mehr Wohnqualität und eine verbesserte Barrierefreiheit sorgen.

Pietà - Emmaus ist überall
Der Emausweg ist nicht nur der Name einer Mainzer Straße. Er ist auch im übertragenen Sinn das Motto der Emmaus-Bewegung, die im Namen der barmherzigen Nächstenliebe (Pietà) Armut und Obdachlosigkeit bekämpft. 1949 begründete sich das Sozialwerk aus der Arbeit für Wohnungslose der Emmaus-Bruderschaft bei Paris. Treibende Kraft war der katholische Priester und Kapuziner Henri Antoine Grouès, besser bekannt als Abbé Pierre. Heute hat die unabhängige Wohltätigkeitsorganisation in über 30 Ländern, auch in Deutschland, Vertretungen, die alle der Dachorganisation Emmaus International angehören. Ihr Ziel ist es, Menschen, die von Armut, Krankheit, Obdachlosigkeit und Einsamkeit betroffen sind oder gerade aus dem Gefängnis kommen, auf ihrem ganz persönlichen Emmaus-Weg zurück in die Gesellschaft zu unterstützen.

Übrigens: Nicht nur Mainz hat eine Neustadt mit einem Emmaus-Bezug. In der Neustadt der tschechischen Hauptstadt Prag steht das Emmaus-Kloster, das seine Weihe im 14. Jahrhundert erhielt – natürlich am „Emmaustag“.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2020)

(kk) Die Forsterstraße geht vom Sömmerringplatz bis zum Platz 117er Ehrenhof, als Parallele zwischen Wallau- und Hindenburgstraße. Sie ist benannt nach dem Natur- und Völkerkundler Johann Georg Forster, einem Freund des Naturforschers Sömmerring. Forster kam 1754 in Danzig zur Welt und starb im Alter von nur 39 Jahren in Paris. Während seines kurzen Lebens sah er mehr von der Welt als die meisten seiner Mitmenschen. 1772 nahm sein Vater, der Wissenschaftler Johann Reinhold Forster, den erst 17-Jährigen mit auf die zweite Südseereise des berühmten Weltumseglers James Cook, die etwa zwei Jahre dauerte und als erste über den südlichen Polarkreis führte. Der junge Forster ging ursprünglich als Zeichner an Bord, lernte aber auf der Reise so viel über Physik, Geographie, Ethnologie, Meteorologie und vor allem Botanik, dass er später, 1786, über essbare Südseepflanzen promovierte. Und er schrieb ein Buch mit dem Titel „Reise um die Welt“, das ihn für viele zum Wegbereiter der modernen deutschen Reiseliteratur machte.

Bücherwurm und Revoluzzer
Forster lehrte viele Jahre an verschiedenen Hochschulen, so auch in Mainz, wo er 1788 kurfürstlicher Universitätsbibliothekar wurde – ein damals hochangesehenes Amt, das perfekt zu ihm passte: Er liebte Bücher und gab viel Geld dafür aus. Forster wohnte mit seiner Familie im Proviantamt und Jakobiner gingen bei ihm ein und aus. Denn er selbst war nach dem Einmarsch der Franzosen 1792 in den Jakobinerklub eingetreten und kämpfte für eine Mainzer Republik. Als Vizepräsident des Nationalkonvents reiste er 1793 nach Paris, um die Nachricht vom Anschluss an Frankreich zu überbringen. Da hatte ihn seine Frau bereits verlassen und als sich dann noch die Franzosen in Mainz den Deutschen ergaben, konnte Forster als Kollaborateur nicht mehr zurück, selbst wenn er gewollt hätte. Er musste in Frankreich bleiben und schon im Jahr darauf, am 10. Januar 1794, starb er einsam in der Emigration.

Geschichte und Gedenken
Die Forsterstraße in der Mainzer Neustadt hat eine ähnlich bewegte Vergangenheit wie ihr Namensgeber: Bereits die Durchsetzung des Namens durch eine katholisch-demokratische Ratsmehrheit im Stadtrat im Jahr 1880 stieß auf mehrheitlich nationalliberalen Widerstand. Forstes Offenheit und Neugierde gegenüber allem Fremden, sein Streben nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ stand im totalen Kontrast zu allem nationalpolitischen Denken und so verfügte 1933 der von den Nazis eingesetzte kommissarische Oberbürgermeister Philipp Wilhelm Jung auch prompt eine Umbenennung in Horst-Wessel-Straße. Auch der damalige Forsterplatz, der heutige 117er Ehrenhof, verlor seinen Namen und erhielt ihn nicht mehr zurück, im Gegensatz zur Straße. Die wurde nach dem Ende der Naziherrschaft 1945 wieder zur Forsterstraße.

Sie blieb jedoch nicht das einzige, das in Mainz nach dem erst spät gewürdigten Reiseschriftsteller, Revolutionär und Naturwissenschaftler benannt wurde: Heute gibt es noch das 2013 errichtete moderne Georg-Forster-Gebäude der Mainzer Universität, in dem sich unter anderem eine Bibliothek befindet – wie passend!

Und das ist nicht die erste Ehrung durch seine Alma Mater: Die Mainzer Uni hatte Georg Forster bereits zu seinem 200. Todestag im Jahr 1994 eine Ausstellung ausgerichtet. Auch 2016 lief eine „Forster“-Ausstellung in Mainz. Sie trug den Titel „FORSTER 1754 – 2015“ und war in der Kunsthalle am Zollhafen zu sehen.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2016)

(rei) Die Frauenlobstraße ist mit einer Länge von rund 1.200 Metern eine der längeren Straßen in der Mainzer Neustadt. Sie beginnt am Kaiser-Wilhelm-Ring in der Nähe des Hauptbahnhofes, quert die Boppstraße und die Hindenburgstraße, führt am Frauenlobplatz ent lang und endet schließlich Ecke Taunusstraße am Frauenlobtor in der Nähe des Rheinufers.

Mainzer Minnesänger
Namensgeber ist der Sänger und Dichter Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob. Nicht zu verwechseln mit dem Markgrafen Heinrich III. von Meißen. Frauenlob wurde irgendwann zwischen 1250 und 1260 in Meißen geboren. Am dortigen Hof lernte er die Dicht- und Gesangskunst. Er war einer der einflussreichsten Dichter und Minnesänger des aus gehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts. Schon in seinem Frühwerk galt er als ein Vertreter der bildreichen und blumigen Sprache. In den Jahrzehnten um 1300 war er unter anderem an den Adelshöfen in Brandenburg, Böhmen und Österreich tätig. Frauenlob verfasste mehrere hundert weltliche und geistliche Singsprüche, die er mit ausgefallenen Melodien versah. Als sein größtes Werk gilt der „Marienlaich“, mit 20 Strophen. Darin preist er überschwänglich die Jungfrau Maria. Allgemein sang er häufig über die Reize und die Tugenden der Frauen. Den Beinamen Frauenlob soll der Dichter sich aber selbst gegeben haben. Er galt als exzentrisch und selbstverliebt. In einem Lied machte er deutlich, dass er sich für einen besseren Dichter hielt, als viele seiner Zeitgenossen. Diese hätten nur den „Schaum von der Oberfläche“ gesungen. Seine Kunst komme dagegen „vom Grunde des Kessels“.

In den letzten sechs Jahren seines Lebens lebte der Minnesänger in Mainz als Schützling des Erzbischofs Peter von Aspelt, nach dem ebenfalls in der Neustadt eine Straße benannt ist. Frauenlob wurde am 29. November 1318 im Kreuzgang des Mainzer Doms beigesetzt. Von spätmittelalterlichen Geschichtsschreibern wird überliefert, dass er als Dank für seine Lobpreisungen des weiblichen Geschlechts von Frauen zu seinem Grab getragen worden sei. Sie hätten auf das Grab soviel Wein gegossen, dass der ganze Kreuzgang überschwemmt gewesen sei. Der Leichenzug ist auf der unteren Platte des Frauenlob-Grabmals dargestellt.

Spurensuche
Ein Brunnen am Frauenlobtor unten am Rhein ist wohl das auffälligste Denkmal, das die Stadt Mainz dem Minnesänger gesetzt hat. Die Plastik zeigt Frauenlob mit einer Laute in der Hand stehend in der Barke. Die Frauenlobbarke ist insgesamt ungefähr 3,40 Meter hoch und wurde 1981 von Richard Heß in Bronze gegossen. Das Frauenlob-Gymnasium ist gar nicht weit entfernt. Es ist eine Ganztagsschule mit rund 1.000 Schülerinnen und Schülern. Am Frauenlobplatz findet donnerstags am Vormittag ein kleiner Wochenmarkt statt. Der Platz ist ein beliebtes Freizeitziel in der Neustadt. Der große Spielplatz ist immer gut besucht, praktisch ist hier das kostenlose öffentliche Toilettenhäuschen . Auf dem Frauenlobplatz steht der Minnesängerbrunnen, ein schlichter Springbrunnen aus dem Jahr 1957. Auf einer etwa zehn Meter breiten Wand ist auf glasierten Keramik platten Frauenlob beim Minnegesang zu sehen. Rings um den Platz sind zahlreiche Imbisse ebenso vertreten wie eine Postfiliale und die Weinstube Hahnenhof.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2015)

Franz Xaver Gabelsberger

(ldm) Die Gabelsbergerstraße dürfte eine der  kürzesten Straßen der Mainzer Neustadt sein. Ob diese Tatsache bei ihrer Benennung Pate  stand, lässt sich nach 112 Jahren nicht mehr  feststellen. Gesichert ist nur, dass der Gabelsberger Stenographen Verein 1901 beantragte,  die kurze Verbindung zwischen Sömmerringplatz und Hindenburgstraße nach Franz Xaver  Gabelsberger (1789-1849) zu taufen, dem  Erfinder des erfolgreichsten Kurzschriftsystems  in Deutschland und Österreich. Es wurde auf  zahlreiche fremde Sprachen übertragen und  ging 1924 in der Deutschen Einheitskurzschrift  auf, die auf den Systemen Gabelsberger und  Stolze-Schrey basiert.

Franz Xaver Gabelsberger kam in München  als Sohn eines Blasinstrumentenherstellers zur  Welt. Nach Klosterschule und Gymnasium wurde er mit 21 Jahren Kanzlist im bayerischen  Staatsdienst. Bereits im Altertum und Mittelalter gab es geometrische Kurzschriftsysteme in Klöstern und im Rechtsverkehr, in der  Neuzeit vor allem in England – u. a. zur Mitschrift von Shakespeare-Stücken – und dann in  Frankreich. Die Einrichtung von Parlamenten  in den süddeutschen Monarchien seit der bayerischen Verfassungsreform von 1818 erforderte eine für die mitlautreiche deutsche Sprache  taugliche Schnellschrift. Zu dieser Zeit entwickelte Gabelsberger ab seinem 28. Lebensjahr  sein von der deutschen Kurrentschrift abgeleitetes kursives System, das sich rasch in den verschiedensten Bereichen durchsetzte. Gabelsberger wurde zum ersten Parlamentsstenografen  des bayerischen Landtags. Auch während der  Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 wurde u. a. sein System verwendet, danach in  den meisten anderen Parlamenten bis zur Einführung der Deutschen Einheitskurzschrift.

Keineswegs war die neue Kurzschrift  aber nur für Verhandlungsniederschriften von Bedeutung. Vielmehr gehörte sie bis Anfang des 20. Jahrhunderts als Konzept- und Arbeitsschrift zum Instrumentarium von Wissenschaftlern sowie dem kaiserlichen Offizierskorps.

Das gewitzte Prinzip, Vokale nur ausnahmsweise durch selbstständige Zeichen, meist aber durch die Platzierung – höher, tiefer, weiter – oder aber die Strichstärke, Form oder Größe des folgenden Konsonanten darzustellen, hat sogar Philosophen inspiriert. Der Stenographie liege die wertvolle Einsicht zugrunde, dass ebenso wirklich wie die Dinge selbst die Beziehungen zwischen den Dingen seien, heißt es in einer tiefgründigen Abhandlung über das „Geheimnis der Stenographie“. Ein schwacher Trost für die Generationen kaufmännischer Schüler, die sich bis in die 1990er Jahre mit „Steno“ quälen mussten. Heute ist Stenografie immerhin noch ein interessantes Hobby, und die kleine Gabelsbergerstraße zwischen der prächtigsten Allee der Neustadt und einem ihrer schönsten Plätze behalten wir auch.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2013)

(sk) „Am Montag hat das „goldene Mainz“ in tiefer, echter Trauer seinen Oberbürgermeister Dr. Heinrich Gaßner zu Grabe getragen (…) Ihm gebühren über den Tag hinausreichende Worte der Würdigung, denn er, der Herz- und Seelenmensch, war mehr als ein Dutzend-Bürgermeister. Nur im Rheinland, wo die Herzen wärmer schlagen, ist eine so wundervolle lebenssprühende Natur wie die des heimgegangenen Oberbürgermeisters recht verständlich.“

So beginnt im Berliner Tageblatt vom 14. September 1905 ein Nachruf auf den ehemaligen Mainzer Bürgermeister Dr. Heinrich Gaßner. Der Sohn des Notars Heinrich Gaßner und der Sängerin Anna Maria Gertrud Seeland wurde am 8. Juni 1847 in Mainz geboren. Er studierte Jura in Gießen und Heidelberg und wurde 1879 Staatsanwalt in seiner Heimatstadt.

1885 berief man ihn zum ersten besoldeten Beigeordneten in Mainz. In dieser Position übernahm er des Öfteren die Amtsgeschäfte für den kränkelnden amtierenden Oberbürgermeister Georg Oechsner. Nach dessen Rücktritt wurde Gaßner 1894 einstimmig zu seinem Nachfolger gewählt. Die Mainzer Bevölkerung feierte die Amtseinführung des beliebten Politikers mit einem Fackelzug.

Wirken für die Stadt
Während der Amtszeit des Oberbürgermeisters wuchs die Zahl der Einwohner von Mainz von 66.000 auf 91.000. Als Festungsstadt des Großherzogtums Hessens war die Ausdehnung der Stadt und deren Entwicklung durch Stadtmauern begrenzt. Lange Verhandlungen Gaßners mit dem Kaiserreich führten letztendlich zur Auflassung der Festung Mainz. Das bedeutete, dass sich die Stadt weiter nach Nordwesten ausdehnen konnte. Die Ingelheimer Aue wurde infolgedessen als Industriegebiet erschlossen und die Eisenbahnverbindung nach Wiesbaden gebaut.

Auch die städtische Infrastruktur wurde während der Amtszeit von Gaßner verbessert, wie zum Beispiel die Versorgung mit Gas, Wasser und Elektrizität. 1904 erhielt die Stadt eine elektrisch betriebene Straßenbahn. Ebenso fielen die Einweihung des Zoll- und Binnenhafens, der Bau des Schlacht- und Viehhofs in der Hattenbergstraße oder des Arbeitsamtes in seine Amtszeit. Gaßner unterstützte außerdem die Einführung von Gewerbegerichten, die bei Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern vermitteln sollten.

Der Oberbürgermeister setzte sich für eine fortschrittliche Gesundheits- und Jugendpolitik, für eine Reform des Mainzer Armenwesens und für eine Verbesserung der Wohnverhältnisse in der überfüllten Altstadt ein. Um den schlechten hygienischen Verhältnissen und dem angeschlagenen Gesundheitszustand der Bewohner entgegenzuwirken, verschickte er mit dem „Mainzer Verein für Ferien-Colonien“ regelmäßig Kinder zur Erholung oder stattete Schulen mit Brausebädern aus.

Beliebtes Stadtoberhaupt
Heinrich Gaßner galt als sehr gesellig und war in vielen Mainzer Vereinen aktiv. Er war Sänger der Mainzer Liedertafel und auch lange deren Präsident. Als Mitglied des Mainzer Carneval Vereins mimte er 1897 die Prinzessin des Prinzenpaares. Gaßner schrieb regelmäßig Theaterkritiken und verfasste ein Buch „Zur Geschichte der Festung Mainz“.

1900 organisierte Heinrich Gaßner eine Feier anlässlich des 500. Geburtstags von Johannes Gutenberg und setzte sich für die Gründung einer Gutenberg-Gesellschaft und eines Gutenberg-Museums ein. Genau ein Jahr später wurde das Museum im Kurfürstlichen Schloss eröffnet.

Am 9. September 1905 starb der beliebte Oberbürgermeister an einem Herzleiden. Die ganze Stadt trauerte und säumte die Straßen, als er zwei Tage später in einem langen Leichenzug, den Abordnungen der Mainzer Vereine eskortierten, zu Grabe getragen wurde. Bereits 1906 benannte man eine Straße nach ihm. Die Gaßnerallee liegt direkt am Rheinufer, sie beginnt an der Kaiserbrücke und führt bis zum westlichen Ende der Ingelheimer Aue, teilweise sogar über das Firmengelände der dort ansässigen Industrie.

Hans R. Fischer, der Autor des zu Beginn zitierten Nachrufs, schließt mit den Worten: „Er war ein Mensch, kein von sich eingenommener Bureaukrat. Und mehr: Heinrich Gaßner war ein Vorbild.“

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2025)

Goethe und die Belagerung von Mainz

(sk)  Die Goethestraße in der Neustadt erhielt ihren Namen 1899 anlässlich des 150. Geburtstages des Namensgebers. Wer Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war, brauchen wir den Leserinnen und Lesern des  Neustadt-Anzeigers vermutlich nicht zu erklären. Einer der wichtigsten  und bedeutendsten deutschen Köpfe, aus dessen Feder Werke wie „Faust“,  „Die Leiden des jungen Werther“, „Götz von Berlichingen“ oder der  „Zauberlehrling“ stammen, war nicht nur Dichter sondern auch Diplomat,  Minister, Jurist und Naturforscher.  

Weniger  bekannt dürfte vielleicht sein, dass Goethe während der Belagerung von  Mainz (14. April bis 23. Juli 1793) auch als „Kriegsberichterstatter“ fungierte. Mainz war 1792 infolge der Französischen Revolution und der daraus resultierenden Kriege Frankreichs gegen die europäischen  Monarchien durch fran zösische Truppen besetzt worden. Um die  rheinhessische Festungsstadt wieder aus französischer Besatzung zu befreien, belagerten Koalitionstruppen unter Führung Preußens und Österreichs die Stadt am Rhein.  

Grade das worauf alles ankommt darf man nicht sagen“
Goethe,  der bereits in Weimar lebte, begleitete seinen Jugendfreund und  Landesvater, den Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, auf dem Feldzug. Der Herzog hatte ihn beauftragt, über das Geschehen rund um Mainz zu berichten. Allerdings fühlte sich der Dichter oftmals in  seiner Freiheit als Berichterstatter eingeschränkt. In einem Brief an  seinen Freund Friedrich Heinrich Jacobi beklagte er sich: „alles was  man weiß und grade das worauf alles ankommt darf man nicht sagen und da  bleibts immer eine Art Advocaten Arbeit die sehr gut bezahlt werden  müßte wenn man sie mit einigem Humor unternehmen sollte.“  

Fast  30 Jahre später schrieb Goethe die Ereignisse dann in Form eines fiktiven Tagebuchs auf. „Belagerung von Mainz“ erschien 1822 und ist auch heute noch über den Buchhandel zu beziehen.  

Die  Kampfhandlungen rund um Mainz entwickelten sich zu einem europäischen Medienereignis. Der Hochadel traf sich hinter der Front, um von sicherer Entfernung aus das Geschehen zu verfolgen und Bürger der Region machten Sonntagsausflüge, um die brennende Stadt zu sehen. Goethe schrieb spöttisch: „Nun war es sonntags und feiertags lustig anzusehen, wenn  die große Menge geputzter Bauersleute, oft noch mit Gebetbuch und  Rosenkranz, aus der Kirche kommend die Schanze füllten, sich umsahen,  schwatzten und schäkerten (...)“

Ende der Belagerung von Mainz
Als die Verstärkung für die eingekesselten Franzosen ausblieb, nahmen sie mit den Koalitionstruppen Verhandlungen über einen Waffen stillstand auf. Sie durften aus Mainz abziehen, verbunden mit dem Versprechen, die Koalitionsarmeen für ein Jahr nicht anzugreifen.

Goethe schilderte den Abzug: „Indessen war das Volk sehr bewegt, Schimpfreden wurden ausgestoßen, von Drohungen heftig begleitet. Die Weiber tadelten an den Männern, dass man  diese Nichtswürdigen so vorbeilasse, die in ihrem Bündelchen gewiss  manches von Hab und Gut eines echten Mainzer Bürgers mit sich  schleppten, und nur der ernste Schritt des Militärs, die Ordnung durch  nebenhergehende Offiziere erhalten, hinderte einen Ausbruch; die leidenschaftliche Bewegung war furchtbar.“

Die  Verluste unter der Zivilbevölkerung waren während der Belagerung sehr gering. Allerdings hatte das Bombardement die Stadt schwer beschädigt.  Die Kriegshandlungen hatten unter anderem das Lustschloss Favorite, den  kurfürstliche Marstall (heutiges Landesmuseum), die Dominikanerkirche  und die Dom propstei komplett zerstört, in großen Teilen auch den  Mainzer Dom. Goethe schrieb bestürzt: „In Schutt und Trümmer war zusammengestürzt, was Jahrhunderten aufzubauen gelang, wo in der schönsten Lage der Welt Reichtümer von Provinzen zusammenflossen und  Religion das, was ihre Diener besaßen, zu befestigen und zu vermehren  trachtete. Die Verwirrung, die den Geist ergriff, war höchst schmerzlich, viel trauriger, als wäre man in eine durch Zufall  eingeäscherte Stadt geraten.“

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2024)

(kk) Die Holsteinstraße in der Mainzer Neustadt ist benannt nach Prinz Heinrich Carl Woldemar zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, kurz: Prinz Holstein, einem preußischen General der Kavallerie. Er kam 1810 in Leipzig zur Welt und starb im Alter von 61 Jahren in Mainz. Der Weg des Prinzen zum General führte zunächst über die Universität. Weil er sich während seines Jurastudiums duellierte, musste er jedoch die akademische Laufbahn abbrechen und kam so zum Militär.

General, Gouverneur und Ehrenbürger
Der Umgang mit Waffen lag ihm womöglich mehr als der mit Paragrafen: Nach einigen anderen militärischen Ämtern, unter anderem als Kommandant von Koblenz, wurde er 1864 Vizegouverneur von Mainz. Zwei Jahre später wurde er zum General der Kavallerie und Gouverneur der Festung Mainz befördert. 1871 starb Prinz Holstein in Mainz. Im gleichen Jahr machte ihn die Stadt aufgrund seiner besonderen Verdienste zum Ehrenbürger und errichtete später ein Mausoleum auf dem Mainzer Hauptfriedhof für ihn. Das Prinz-Holstein-Denkmal entstand in Zusammenarbeit des Stadtbaumeisters Eduard Kreyßig und des Bildhauers Heinrich Barth. Des Weiteren erhielt eine Geschützstellung des Mainzer Rheingauwalls den Namen „Prinz Holstein“. Der Rheingauwall war eine Erweiterung der bestehenden Mainzer Festung, die notwendig wurde, als das Gebiet der Mainzer Neustadt hinzukam.

Landschaft und Adelsgeschlecht
Holstein war der Name eines Herzogtums, der auf einen von drei im Mittelalter dort siedelnden, sächsischen Stämmen zurückgeht: Die Holsten wurden vermutlich 1026 zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Eigentlich hießen sie Holtsaten, was so viel wie Waldbewohner bedeutete, aus dem Altsächsischen „holt“ für Gehölz oder Wald und „sāt“ für Sasse oder Bewohner. Die Elbe bildete die südliche Grenze der historischen Landschaft, Schleswig und die Ostsee begrenzten sie im Norden. Holstein hat eine wechselvolle Geschichte unter deutscher, dänischer und österreichischer Regentschaft. Heute ist es der südlichste Teil Schleswig-Holsteins und umfasst Teile der ehemals eigenständigen Freien Hansestadt Lübeck, des Fürstentums Lübeck und des Herzogtums Lauenburg sowie die Insel Fehmarn. Bevor es 1937 Hamburg zugeordnet wurde, gehörte auch Altona zu Holstein dazu.

Straße mal 11
Die Holsteinstraße in Mainz misst 111 Meter Länge und kommt in Deutschland weitere elfmal vor. Zwei tolle Zufälle für eine Straße in der Fastnachtshochburg Mainz, in der die „närrische“ Zahl 11 oft eine besondere Rolle spielt. Eine der elf anderen Holsteinstraßen liegt übrigens direkt gegenüber von Mainz auf der anderen Rheinseite, in Wiesbaden-Biebrich. Die Mainzer Holsteinstraße ist eine Wohnstraße in der nördlichen Neustadt. Sie liegt zwischen Barbarossaring und Moltkestraße und verläuft parallel zur Woynastraße. Die Hausnummern 1, 3 und 5 der Holsteinstraße entstanden im Auftrag des Reichsvermögensamtes um 1925, gemeinsam mit Barbarossaring 8/10 und Moltkestraße 13/15. Sie gehören zur Denkmalzone Bismarckplatz.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2017)

Kurfürst und Erzbischof von Mainz

(sk) Namensgeber der Straße in der Ingelheimer Aue ist Anselm Franz von Ingelheim (1634-1695), der zwischen 1679 und 1695 Kurfürst und Erzbischof von Mainz war. Das Geschlecht der „Ingelheim“, benannt nach dem Stammsitz Ober-Ingelheim am Mittelrhein, ist seit der Stauferzeit nachweisbar und gilt als eines der ältesten rheinischen edelfreien Geschlechter Deutschlands.

Anselm Franz wurde allerdings nicht in Ingelheim geboren, sondern in Köln. Seine Eltern, der kurmainzische Marschall Georg Hans von Ingelheim und dessen Frau Anna Elisabeth Sturmfeder von Oppenweiler, waren 1631, als Mainz während des 30-jährigen Krieges von schwedischen Truppen besetzt wurde, zwischenzeitlich dorthin geflüchtet.

Vom Priester zum Erzbischof
Anselm Franz von Ingelheim besuchte die Schule bei den Mainzer Jesuiten und studierte danach Rechtswissenschaften und Theologie an der Jesuitenakademie in Nancy. 1660 wurde er Domkapitular in Mainz und erhielt im gleichen Jahr die Priesterweihe. 1663 übernahm er eine Dekanatsstelle des Ferrutiusstifts in Bleidenstadt (heute ein Stadtteil von Taunusstein), 1674 wurde er Stadtkämmerer in Mainz und ab 1675 auch Statthalter in dem zum Mainzer Kurstaat gehörenden thüringischen Erfurt. 1679 wählte das Mainzer Kapitel von Ingelheim dann zum Erzbischof von Mainz. Damit war er auch gleichzeitig Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Der Erzbischof war sozial engagiert, er kümmerte sich um die Bedürftigen, zum Teil mit seinem Privatvermögen, und förderte sowohl Kirchen als auch Schulen. Außen politisch stellten ihn die Reunionspolitik Ludwig XIV. und die Pfälzischen Erbfolge kriege vor große Herausforderungen. Mainz wurde hier immer wieder Spielball der verfeindeten Parteien und des Öfteren musste sich Anselm Franz von Ingelheim ins Exil auf Schloss Johannisberg in Aschaffenburg zurückziehen. Dort starb er 1695. Von Ingelheim wurde in Aschaffenburg beerdigt. Sein Herz ist allerdings in der Gruft des Mainzer Doms bestattet. Im Dom wurde ihm auch ein Denkmal errichtet.

Entstehung der Ingelheimer Aue
Zu den Besitztümern von Anselm Franz von Ingelheim gehörte unter anderem eine kleine Rheininsel bei Mainz. Die Auen- und Wiesenlandschaft der Insel eignete sich perfekt zur Entenjagd, weswegen der Erzbischof dort 1687 ein Kurfürstliches Jagdschlösschen errichten ließ.

Im 19. Jahrhundert ging das sogenannte Ingelheimer Schlösschen erst in Privatbesitz über, später war die Auenlandschaft samt Gebäude Eigentum der Stadt Mainz. Teile der Insel wurden an Landwirte verpachtet. Bis Anfang des letzten Jahrhunderts war das Jagdschloss, in dem das Gasthaus „Zum alten Auhaus“ betrieben wurde, ein beliebtes Ausflugsziel.

Im Zuge der Erschließung der Mainzer Neustadt und der Neugestaltung des Rheinufers wurde die Rheininsel durch Aufschüttungen zur Halbinsel. Auf dieser Ingelheimer Aue entstand 1895 das Mainzer Industriegebiet, und 1905 bekam die Ingelheimstraße ihren Namen. Erst 1961 wurde das, inzwischen baufällige, barocke Jagdschloss zu Gunsten der Erweiterung des Heizkraftwerks abgerissen.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2025)

(sk) Jakob Dieterich wurde am 21. März 1829 in Mainz geboren. Über seinen Werdegang ist nur sehr wenig verzeichnet, bekannt ist, dass er Mitglied des Stadtrates und Präsident des Gewerbevereins in Mainz war.

Der Grund, warum man eine Straße nach ihm benannte, war vor allem sein leidenschaftlicher Einsatz für die Erweiterung des Stadtgebietes nach Norden ins Gartenfeld. Er war Mitbegründer der „Gesellschaft zur Übernahme des Festungsgeländes“ (1869) sowie des Stadterweiterungsvereins (1870).

Die Erweiterung des Stadtgebietes ins Gartenfeld hinaus war der ganzen Stadt ein dringendes Anliegen. Mainz war als Bundesfestung von einem Bastionsgürtel umgeben und durfte nicht über die Stadtgrenzen hinaus bebaut werden, da das Feld vor dem Schutzwall ein freies Schussfeld bieten musste.

Die industrielle Revolution im 19. Jahr hundert hatte aber dafür gesorgt, dass die Bevölkerung stark anwuchs und dass Mainzer Bürger nun auf engstem Raum zusammenlebten. Ein weiteres Problem der Befestigungsanlagen war, dass die Mainzer Wirtschaft anderen Städten hinterherhinkte, weil sich auf dem Stadtgebiet nur kleinere und mittelständische Betriebe ansiedeln konnten. Für große, moderne Industrieanlagen war einfach kein Platz.

Der Weg für eine Stadterweiterung wurde dann endlich frei, als durch den Sieg im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Grenzfestungen von Mainz nach Metz verlegt wurden und die Befestigungsanlagen nicht mehr benötigt wurden. Am 21. September 1872 konnte durch den Stadterweiterungsvertrag der Erweiterung des Stadtgebietes ins Gartenfeld endlich stattgegeben werden.

Lederwerke setzen sich für Straßennamen ein
Im Gartenfeld siedelten sich verschiedene Handwerksbetriebe und Fabriken an – unter anderem auch die größte Mainzer Fabrik, die Lederwerke „Mayer, Michel & Deninger“. Sie hatte ihren Standort im Gebiet zwischen heutiger Josefsstraße und Goetheschule und beschäf tigte zeitweise über 1.000 Arbeiter.

1907 setzte sich die Geschäftsleitung der Lederwerke für die Umbenennung einer Privatstraße auf ihrem Firmengelände in Jakob-Dieterich-Straße ein. Dem wurde stattgegeben. Heute beginnt die Jakob-Dieterich-Straße am Sömmerringplatz, sie kreuzt die Hindenburgstraße bevor sie dann ab der Nackstraße in die Lennigstraße übergeht.

Die Benennung einer Straße nach ihm erlebte Dieterich nicht mehr, er starb bereits am 26. Februar 1884 im Alter von nur 54 Jahren.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2016)

Die Kaiserstraße in Mainz
(sk) Die breite, gut 1 km lange Kaiserstraße wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom Mainzer Stadtbaumeister Eduard von Kreyßig angelegt, der für die städtebauliche Gestaltung der Neustadt verantwortlich war. Sie entstand auf dem Gelände des ehemaligen Festungswalls, den im 17. Jahrhundert Kurfürst Johann Philipp von Schönborn errichten ließ und trennt die Mainzer Neustadt von der Altstadt.

Diese Kaiserstraße in Mainz ist nicht zu verwechseln mit der die Stadt Mainz berührenden, nach Saarbrücken führenden Kaiserstraße, einer Landstraße, die einst nach Napoleon I. benannt wurde.

Von Kreyßigs Grundidee war die Erschließung des Gartenfeldes durch ein symmetrisches, gitterförmiges Straßensystem aus Längs- und Querachsen – aufgelockert durch grüne Alleen und Plätze. Drei große Nordwest-Südost-Achsen (Rheinallee, die heutige Hindenburgstraße und die Boppstraße) galten als Verbindungsachsen zwischen Neustadt und Altstadt. Sie stoßen alle auf die breite gründerzeitliche Straße mit ihren Parks und repräsentativen Bauten.

Anfänglich wurde die Kaiserstraße ganz einfach Boulevard genannt. Boulevard stammt aus dem Französischen und bedeutet breite Prachtstraße. Ursprünglich jedoch bezeichnet ein Boulevard einen aus einem Wall bestehendes Bollwerk. Im 17. Jahrhundert hatte man in Paris begonnen, die Festungswälle mit Baumreihen zu bepflanzen, um so den Bürgern eine Möglichkeit zum Promenieren zu bieten. Im  19. Jahrhundert wurden dann in vielen Städten Europas diese Boulevards nach Vorbild der Pariser Prachtstraßen nachgeahmt, so auch in Mainz.

Kaiser Wilhelm I., Namensgeber der  Kaiserstraße
Da die Straße im Volksmund bereits „Boulevard“ genannt wurde, verwarf man 1881 bei einer geplanten Namensfindung, die Vorschläge Kaiserstraße und Friedensstraße und nannte die Prachtstraße nun offiziell Boulevard. Im Zuge der nationalen Begeisterung der wilhelminischen Regierungszeit wurde der französisch klingende Name vielfach kritisiert. Die Stadtverordnetenversammlung sträubte sich  lange gegen den Antrag der Anwohner, den Boulevard umzubenennen. Man einigte sich aber schließlich Ende 1887 – anlässlich des 90. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. – auf den neuen Namen Kaiserstraße. 1888 wurde sie offiziell umbenannt.

Wilhelm I. (1797-1888) aus dem  Haus Hohenzollern war seit 1858  Regent, seit 1861 König von Preußen und  ab 1866 Präsident des Norddeutschen Bundes. 1871 wurde er erster Deutscher Kaiser. Am 22. März 1797 wurde er als zweiter  Sohn von Wilhelm III. von Preußen und seiner Frau Luise von Mecklenburg-Strelitz in Berlin  geboren. In der Thronfolge stand er hinter seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV.

Nach schulischer Ausbildung wurde Wilhelm Soldat und nahm in den Jahren 1814 und 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. In den Friedenszeiten machte er Karriere beim Militär und stand in Staatsangelegenheiten dem König beratend zur Seite.

1829 heiratete Wilhelm auf Betreiben seines Vaters Prinzessin Marie Luise Augusta Catharine, Tochter des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach. Die Ehe mit Augusta war nie besonders glücklich, die intelligente, musisch begabte und am Weimarer Hof liberal erzogene Augusta war ihrem Mann intellektuell überlegen und fühlte sich am preußischen Hof nicht sonderlich wohl. Aus der Ehe mit Augusta gingen aber zwei Kinder hervor, Friedrich-Wilhelm und Luise.

Wilhelm war ein scharfer Gegner der  Berliner Märzrevolution von 1848 und ließ sie  mit blutiger Gewalt beenden. Dadurch handelte  er sich die Bezeichnung „Kartätschenprinz“ ein (eine Kartätsche war ein mit Blei gefülltes  Artilleriegeschoss). Er musste Preußen verlassen und floh für einige Monate nach London. Im Juni 1848 konnte er zurückkehren und wurde sogar in die preußische Nationalversammlung gewählt.

Gouverneur der Festung in Mainz
Zwischen 1850 und 1958 residierten Wilhelm und Augusta in Koblenz im Kurfürstlichen Schloss. Wilhelm wurde Generalgouverneur in den Provinzen Rheinland und Westfalen und später dann auch Generaloberst der Infanterie  mit dem Rang eines Feldmarschalls und zugleich Gouverneur der Festung in Mainz.  

Insbesondere Prinzessin Augusta genoss  die Jahre in Koblenz. Hier hatte sie endlich die Gelegenheit, ein Hofleben zu gestalten, wie sie  es aus ihrer Kindheit am Weimarer Hof gewöhnt war. Sohn Friedrich studierte im nahen Bonn Rechtswissenschaften und war damit der erste preußische Thronfolger, der eine akademische Ausbildung erhielt.  

1861 starb der Bruder Wilhelms und Wilhelm wurde zum König von Preußen gekrönt.  Seit 1850 war Preußen eine konstitutionelle  Monarchie, allerdings mit sehr ausgeprägten  Rechten der Krone. Der König bildete die  Exekutive und übte diese durch die ihm untergebenen Minister – besonders seinen Ministerpräsidenten Fürst Otto von Bismarck – aus. Bismarck beeinflusste Wilhelm in den meisten politischen Angelegenheiten, immer wieder kam es zu Konflikten mit dem preußischen Landtag. Außerdem ließ sich Wilhelm von  Bismarck in die Einigungskriege gegen Dänemark, Österreich und 1870/71 gegen Frankreich treiben.

Krönung zum Kaiser
Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71  übernahm Wilhelm den Oberbefehl über die gesamte in Frankreich einrückende Armee und leitete danach von Versailles aus die politischen Verhandlungen die Gründung des Deutschen Reichs. Im Spiegelsaal des Versailler Schlosses bei Paris wurde am 18. Januar 1871 der feierliche Akt vollzogen und Wilhelm zum ersten  Deutschen Kaiser proklamiert. Im selben Jahr fanden die ersten Wahlen zum Deutschen Reichstag statt.

In den Folgejahren überließ Wilhelm  Reichskanzler Bismarck die Politik und beschränkte sich vorwiegend auf das Repräsentieren. Er machte es sich zur Aufgabe, die Monarchie im Inneren zu stärken und die  Einzelstaaten in das Reich zu integrieren. Inner halb des Deutschen Reiches war er äußerst beliebt und genoss auch beim Volk große  Anerkennung.

Der Kaiser starb am 9. März 1888 in Berlin. Nachfolger wurde sein Sohn Friedrich III., der  nur 99 Tage im Amt war und an einer Krebserkrankung starb. Ihm folgte im Alter von nur 29 Jahren Wilhelm II., Enkel von Wilhelm I.  Deshalb ging 1888 als das Dreikaiserjahr in die Geschichte ein.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2013)

(sk) Diese Zeilen stammen aus der Feder von Heinrich Heine (1797­-1856), der einst mit dem Gedicht „An eine Sängerin“ die aus Mainz stammende Operndiva Karoline Stern ehrte.

Die Sängerin wurde am 16. April 1800 als Tochter des jüdischen Violinisten Joachim Stern und dessen Ehefrau Regina geboren. Von Kindheit an kümmerte sich der Vater um die musikalische Ausbildung von Karoline und gab ihr den ersten Gesangs­ und Musikunterricht. Später übernahm der über Mainz hinaus bekannte Musiklehrer Anton Joseph Heideloff die Gesangsausbildung.

Als Sopranistin debütierte Karoline Stern 1816 am Theater in Trier. Danach zog sie nach Düsseldorf, wo sie in der Familie Heinrich Heine verkehrte und den Dichter zu den oben genannten Versen inspirierte.

Erfolge auf deutschen Bühnen
Die Opernsängerin gastierte im Laufe ihrer Karriere auf vielen deutschen Bühnen und fei­erte dort große Erfolge. Der Rabbiner und Historiker Meyer Kayserling (1829­-1905) bezeichnete in seinem 1879 erschienen Buch „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst“ Karoline Stern als „die erste Jüdin, die als Sängerin die Bühne betrat und zu ihrer Zeit gefeiert wurde“. Er schrieb weiter: „Karoline Stern (…) rechtfertigte mit ihrer seltenen Coloratur und ihrem hinreißen­den Vortrag, unterstützt von einer imposanten Gestalt, wie als Opern­ so auch als Concert­sängerin ihren Künstlerruhm.“

1841 zog sich die Sängerin von der Opern­bühne zurück, arbeitete aber noch bis 1855 weiter als Konzertsolistin. Unter anderem trat sie bei Konzerten am Hof des Fürsten von Hohenzollern­Hechingen auf. Nach ihrer akti­ven Gesangskarriere ließ sie sich mit Mann und Sohn in Berlin nieder, wo sie bis ins hohe Alter als Musikpädagogin tätig war. Dort starb sie 1887.

An die erfolgreiche Primadonna wurde nun mit der Benennung des neu entstehenden Quartier platzes in der nördlichen Neustadt erin­nert. Übrigens war im Planungskonzept zur Gestal tung der Mainzer Neustadt von dem Stadtbau meister Eduard Kreyßig bereits vor 150 Jahren genau an dieser Stelle ein zentraler Platz mit dem Namen „Beethovenplatz“ vorge­sehen.

Mit Karoline Stern ist in dem Viertel, in dem es bereits eine Richard­-Wagner-­Straße, eine Franz­Liszt-­Straße und eine Mozartstraße gibt, nun auch eine Musikerin geehrt.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2023)

Klemensstraße mit K benannt nach Clemens mit C

(kk) Die Klemensstraße verbindet den Kaiser-Wilhelm-Ring mit der Pankratiusstraße, die parallel zu den Bahngleisen Richtung Hauptbahnhof verläuft. Benannt wurde die kurze Straße nach dem Heiligen Clemens. Sie soll an die ehemalige St. Clemens-Kapelle in Mainz erinnern – vielleicht auch deshalb, weil es keinerlei Spuren oder Zeugnisse des spätantiken Bauwerks mehr gibt. Warum die Straße mit K und nicht mit C geschrieben wird, wird am Ende des Artikels verraten.

Heiliger Clemens: Schutzpatron, aber nicht für Gebäude
791 wurde die Mainzer St. Clemens-Kapelle zum ersten Mal erwähnt und stand „nahe am Rhein in der Nordwestecke des heutigen Zollhafens und der Gaßnerallee", wie in „Die Kunstdenkmäler der Stadt Mainz“ nachzulesen ist. Bei den Römern war dies ein dicht besiedeltes Gebiet und Clemens galt in frühchristlicher Zeit als Schutzpatron der Menschen, die am Wasser wohnen. Daraus schließen Forschende, dass die Clemens-Kapelle eine der ersten römisch-christlichen Kirchen in Mainz war. Sie soll Pfarrkirche für Mombach gewesen sein, obwohl es dort zur gleichen Zeit auch die Nicolauskapelle gab. Auf diese wurde ausgewichen, nachdem die Clemenskapelle zerstört worden war – durch „Eisgang des Rheins … wohl nicht allzu lange vor 1341“ wie es an gleicher Stelle heißt.

Clemens Romanus: Römer von Geburt bis zum Tod
Im Jahr 50 nach Christi war Clemens in Rom zur Welt gekommen. Deshalb steht wohl bis heute die Kirche San Clemente dort, wo sich sein Wohnhaus befunden haben soll. Der Heilige Clemens oder auch Clemens I. oder Clemens Romanus war laut einiger Quellen in den Jahren 88 bis 97 nach Christi „Gemeindevorsteher“ von Rom. Der Apostel Barnabas soll  ihn einst getauft und zu Petrus gebracht haben. Dieser hat noch zu seinen Lebzeiten Clemens als einen seiner Nachfolger, also als Papst, bestimmt. Um das Jahr 99 soll er in Rom auch gestorben sein.

Clemens I.: Warum man am Ankertag an ihn denkt
Einer Legende aus dem 9. Jahrhundert nach starb der Heilige jedoch, indem er mit einem Anker auf den Meeresgrund versenkt wurde, wo seitdem seine Gebeine in einem Grabtempel ruhen sollen. Einmal im Jahr soll sich das Meer an dieser Stelle geteilt haben, um pilgernden Menschen den Weg zu weisen. Vielleicht heißt der 23. November, an dem die römisch-katholische Kirche seiner Beisetzung gedenkt, ja nicht von ungefähr auch Ankertag. Mit einem Anker oder einem Fisch wird der Heilige Clemens auch manchmal abgebildet.

Clemens oder Klemens?
Zurück zur heutigen Klemensstraße in der Mainzer Neustadt. Die Schreibweise mit K ist in Deutschland und Polen verbreitet. Der aus vorchristlicher Zeit stammende Name Clemens bedeutet der Sanftmütige oder Gnädige oder Milde. Eins der ältesten Häuser in der Klemensstraße ist das mit der Nummer 1. Es ist bis heute original aus der Zeit seiner Entstehung um 1900 erhalten. 1901 erhielt die Straße, in er es steht, ihren bis heute gültigen Namen: Klemensstraße.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2022)

Eduard Kreyßig
(ab) Die Straße, die nach Eduard Wilhelm Christian Kreyßig, dem wohl berühmtesten Stadtbaumeister von Mainz (1864 bis 1896) benannt wurde, ist keine der Prachtstraßen und Boulevards, die er in seinem Leben plante und bauen ließ. Sie liegt, eher verborgen, in der Denkmalzone Bismarckplatz im nördlichen Teil der Neustadt zwischen Goetheplatz und Kaiser-Karl-Ring.

Eduard Kreyßig wurde 1830 im Kreis Schotten als Sohn eines großherzoglich hessischen Forstbeamten geboren. Als er 1864 den Ruf zum Stadtbaumeister von Mainz erhielt, hatte er bei renommierten Lehrmeistern bereits fundierte Erfahrungen erworben: im Tiefbau und im Eisenbahnbau, im Straßen- und Brückenbau sowie in der Flussregulierung.

Er kam zu einer Zeit nach Mainz, als die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes aus den Nähten platzte. Die Stadt war seit 1825 formell Festung des Deutschen Bundes und von einem gewaltigen Festungsgürtel „eingeschnürt“, der entlang der heutigen Kaiserstraße verlief. Außerhalb der Festungsmauern durften aus militärischen Interessen (freies Schussfeld) keine Gebäude errichtet werden. Ausweichmöglichkeiten gab es zwar im Norden, im „Gartenfeld“, aber die Häuser waren nur mit Ausnahmegenehmigung gebaut. Als „Sondernutzungsgebiet“ gestattet waren dort die Gärten für den Anbau von Gemüse, Obst, Hopfen, Flachs und Kräutern. Die industrielle Entwicklung jedoch löste in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein rasantes Bevölkerungswachstum aus. Um 1870 war die Einwohnerzahl von Mainz fast drei Mal so groß wie die von Frankfurt oder Berlin.

Ein ausgezeichneter Stadtplaner
Bereits bei seinem Amtsantritt 1864 hatte Eduard Kreyßig die Dringlichkeit einer Stadterweiterung erkannt und entwarf 1867 sein erstes Bebauungskonzept. Ihm schwebte das Bild einer Stadt vor, die sich im Laufe der Zeit sowohl nach Norden wie nach Süden über die Grenzen der Wallanlagen vergrößern und entlang des Rheins entwickeln konnte. Doch erst nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges, als Mainz seine militärische Bedeutung als Grenzstadt verlor, gelang der Stadt 1872 nach schwierigen Verhandlungen mit dem Festungsgouvernement ein Stadterweiterungsvertrag, der die Auflassung der nordwestlichen Gartenfeldfront ermöglichte.

Mit seinen Entwürfen prägte Eduard Kreyßig das architektonische und städtebauliche Gesicht der Neustadt. Er plante ein großzügiges symmetrisches Straßennnetz, in dem die Straßenachsen in zentrale Plätze strahlenförmig einmünden und freie Sicht auf den Dom bieten. Von dieser Vision blieb allerdings nach fortwährenden Änderungsauflagen nur wenig übrig. Einzig der 60 m breite „Boulevard“, der 1888 zu Ehren Kaiser Wilhelms I. in „Kaiserstraße“ umbenannt wurde, sowie die heutige Hindenburgstraße lassen das System noch erahnen, das Kreyßig vorschwebte. In der Kaiserstraße erinnert eine Kreyßig-Büste des Mainzer Bildhauers Eduard Lipp (1904) an den vielfach ausgezeichneten Stadtplaner und Architekten.

Prägende Veränderungen
Eine der weitreichendsten Überlegungen in Kreyßigs Bebauungskonzept war die Verlegung der Eisenbahntrasse vom Rheinufer an die Westseite der Stadt (1874), die damit verbundene Untertunnelung der Zitadelle und die Errichtung des Hauptbahnhofs. Damit öffnete er die Stadt zum Fluss hin. Mit dem Bau einer zweiten Eisenbahnbrücke Richtung Wiesbaden tauchten auch erste Entwürfe auf für den Bau eines Zoll- und Binnenhafen (1887) mit dem großen Lagerhaus, dem Verwaltungsgebäude und dem Maschinen- und Kesselhaus. Kreyßig veranlasste weitere Fluss-Anschüttungen, die Erhöhung des gesamten Niveaus zum Hochwasserschutz sowie die Anlage einer Uferpromenade.

Sein erstes umfangreicheres Wohnprojekt  war die Anlage Schottenhof (1873 bis 1876), in der er selbst von 1876 bis zu seinem Tod lebte. Zudem plante er den Umbau des Stadthauses (1874/75) und des Stadttheaters (1876), die Restaurierung des Kurfürstlichen Schlosses, den Bau der orthodoxen Synagoge (1877) in der Margaretenstraße und der jüdischen Friedhofshalle (1880/81) neben dem Hauptfriedhof. Als sein Hauptwerk gilt die Errichtung der Christuskirche für die evangelische Gemeinde, der er selbst angehörte. Er begann den Bau 1896 im Stil der italienischen Hochrenaissance, wobei die Kuppel an den Petersdom in Rom erinnert. Die Vollendung des Bauwerks (1903) erlebte er nicht mehr mit. Er starb am 11. März 1897. Seine Grabstätte liegt auf dem Hauptfriedhof in Mainz.

Die Benennung der Straße ihm zu Ehren erfolgte am 19. Oktober 1898.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2013)

(kk) Die Kreyßigstraße verbindet Goethestraße und Kaiser-Karl-Ring in der Mainzer Neustadt. Sie ist benannt nach Eduard Kreyßig, der von 1864 bis 1896 Stadtbaumeister von Mainz war und das Erscheinungsbild der Stadt maßgeblich geprägt hat. Auf sein Konto gehen die Erweiterung des Rheinufers mit der Neugestaltung des Zollhafens und der Ausbau des Gartenfelds zur Neustadt, sowie der Bau des Hauptbahnhofs, des Schlachthofs und der Christuskirche. Die Fertigstellung der beiden letzten Projekte hat er jedoch nicht mehr selbst erlebt.

Auf der Kaiserstraße, auf der die Kirche steht und die nach Kreyßigs Plänen zum „Boulevard“ werden sollte, wurde ihm im Jahr 1904 auf dem Mittelstreifen ein von Eduard Lipp geschaffenes Denkmal gesetzt. Unter den Nazis musste dies jedoch einem Horst-Wessel-Denkmal weichen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg würdigt die Kreyßig-Büste – wieder am alten Standort – das Andenken an den Städtearchitekten.

Der letzte Stadtbaumeister
Geboren wurde Eduard Kreyßig am 30. August 1830 im hessischen Eichelsachsen. Seine Karriere in der Baubranche begann vielleicht damit, dass er mit 21 Jahren in die Darmstädter Gewerbeschule eintrat. Dort schaffte er drei Jahre später und nach mehreren Anläufen die „spezielle Prüfung“ für das Kreisbaumeisteramt und trat in den hessischen Staatsdienst. Er verschaffte sich Kenntnisse in der Regulierung von Flüssen sowie im Straßen-, Brücken- und Eisenbahnbau. Aber auch beim Bau von Kirchen, Schulen und Haftanstalten war er beteiligt. Anfang der 1860er Jahre gehörten neben den evangelischen Kirchen von Bensheim und Lampertheim auch das Rathaus von Nordheim zu seinen Projekten als Bauleiter.

In dieser Zeit bewarb sich der junge Architekt Kreyßig gemeinsam mit drei anderen, teilweise erfahreneren und berühmteren Kandidaten auf das Amt des verstorbenen Mainzer Stadtbaumeisters. In einer Gemeinderatssitzung im November 1864 fiel das Los auf ihn und im Jahr darauf übernahm er offiziell die umfangreichen Aufgaben, die dieses Amt mit sich brachte. Dazu gehörte, städtische Bau vorhaben zu planen, durchzuführen und zu unterhalten. Kreyßig baute neue Straßen, stellte die Wasserversorgung sicher, war für das Rheinufer und die Häfen verantwortlich sowie für die Friedhöfe und Gärten. Sogar die Feuerwehr, die städtische Beleuchtung und private Neubauten wurden von ihm beaufsichtigt. Und das alles mit zwei Planstellen. Dementsprechend war eines seiner ersten Ziele, sein Personal aufzustocken und seinen Bereich zu vergrößern. Als er 1896 aus dem Dienst trat, hatte er 30 Leute unter sich. Er war der letzte Stadtbaumeister dieser Art mit dieser Fülle an Aufgaben. Nach ihm wurden diese auf vier Ämter verteilt: einem Hochbau- und einem Tiefbauamt, ein Amt für Baupolizei und eines für Maschinenwesen.

Ein ausgezeichneter Städtearchitekt
1867 reiste Kreyßig zu Studienzwecken nach Paris zur Weltausstellung. Ihn interessierte besonders die Arbeit des Städteplaners Georges-Eugène Haussmann, der die französische Hauptstadt umgestaltet hatte. Diese Eindrücke beeinflussten Kreyßigs Stil sehr und flossen in seine Stadterweiterung von Mainz ein. Für diese erhielt Kreyßig denn auch das Ritterkreuz 1. Klasse im Jahr 1877. Es war nicht sein letzter Titel: Später trug er den Ehrentitel Baurat und bekam das Ehrenzeichen für Verdienste bei der Überschwemmung 1882/83 sowie die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft. Die große Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wurde, wurde noch einmal deutlich, als 1896 in der Stadthalle sein silbernes Dienstjubiläum gefeiert wurde und er als Geheimer Baurat bei vollen Bezügen (eine Seltenheit!) in Frührente gehen durfte. Ein Grund dafür war, dass sein Gesundheitszustand immer schlechter wurde. Bereits im Jahr darauf starb Kreyßig dann auch im Alter von 66 Jahren in Mainz. Er war vierzig Jahre mit seiner Frau Louise verheiratet, mit der er vier Kinder hatte und die ihn noch ein paar Jahre überlebte. Kreyßig wurde auf dem Mainzer Hauptfriedhof beerdigt, für den er zu seinen Lebzeiten als Stadtbaumeister zuständig war.

Aber auch postum wird er noch bis heute geehrt: Das neue Eduard-Kreyßig-Ufer befindet sich zukünftig dort, wo sein Namensgeber einst einen der modernsten Häfen seiner Zeit bauen ließ und heute, über 100 Jahre später, das neue Stadtquartier Zoll- und Binnenhafen entsteht.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2018)

Kurze Geschichte des "langen Wegs"

(kk) „Langer Hunikelweg“ – was,  den kennen Sie nicht? Zugegeben, ich kannte ihn auch nicht.  Dachte ich zumindest. Aber wenn Sie wie ich schon mal auf dem Parkplatz des vietnamesischen Restaurants Hanoi in der Leibnizstraße geparkt haben, haben Sie dahinter vielleicht auch den kleinen Zufahrtsweg bemerkt, der links von der Josefsstraße aus zu erreichen ist. Das ist der ca. 100 Meter kurze „Lange Hunikelweg“, in dem ganze vier Hausnummern zu finden sind: 1, 3, 3a und 7. Wo Nummer 5 geblieben ist, ist unklar und auch nicht bei Wikipedia zu finden. Dort steht aber zumindest, dass der „Lange Hunikelweg“ „nach der Gewannbezeichnung Hunikel (erstmals schriftlich erwähnt: 1294 huntygile)“ benannt sein könnte. Die Mainzer Straßennamen-Forscherin Rita Heuser hat unter anderem herausgefunden, dass der Name von einer Art (Hun-)Igel oder auch von der Zahl Hundert abstammen könnte. Der Name „Langer Hunikelweg“ soll zum ersten Mal 1850 erwähnt worden sein, der Hunigelweg jedoch bereits 1657. Eine dritte Schreibweise, auf die Frau Heuser gestoßen ist, lautet Hunnickelweg und soll eine „mundartliche“ Form sein. (mehr dazu siehe weiter unten)

Soweit, so nachvollziehbar. Viele Straßen sind ja auch nach mehr oder weniger bekannten und mehr oder weniger lebenden Personen benannt. Aber Hunikel – so heißt doch niemand, oder …? Tatsächlich sucht jemand auf der englischsprachigen Webseite findagrave.com nach Menschen, die eine Margaret Hunickel Kraatz kannten, geboren im März 1916, gestorben im Oktober 1936. Sechs Jahre zuvor datiert ein Eintrag des Ehepaares Rose und William Hunnikel im Melderegister der Stadt New York (Quelle: ancestry.com).

Und schließlich findet sich sogar ein „waschechter“ Herr Hunikel, und zwar nicht in Amerika, sondern hier und heute im Mainzer Telefonbuch! – Tja, warum in die Ferne schweifen …

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2014)

Johann Friedrich Lennig

„Ins Angesicht vun aller Welt
hun se de Gudeberg ze Meenz hoch uffgestellt
dar hat de Druck zer allererscht erfunne,
und hot sich doderdorch die Welt zum Freind gewunne.“

(sk) Diese Zeilen über das Gutenbergdenkmal  stammen aus der Feder des Mainzer Mundartdichters Johann Friedrich Lennig und gehören zu einer Sammlung von mundartlichen Gedichten, die 1830 von ihm in dem Sammelband „Etwas zum Lachen“ veröffentlicht wurden.

Lennig wurde 1796 in Mainz „Am Markt 9“ geboren. Seine Eltern waren Kaufmannsleute, sein Bruder Adam Franz Lennig wurde später Domdekan in Mainz. Lennig ist außerdem der Urgroßonkel von Seppel Glückert (Präsident und Protokoller des MCV zwischen 1928 und 1955)

Friedrich Lennig besuchte das Rabanus- Maurus-Gymnasium (von 1798 und 1814 unter französischer Besatzung hieß es „Mainzer Lyzeum“ und war im Jesuitennoviziat in der Hinteren Christofsgasse untergebracht) und absolvierte am Bischöflichen Seminar einen philosophischen Kursus. Nach der schulischen Ausbildung schloss er in St. Gallen in einer Leinwandhandlung eine Kaufmannslehre ab.

Den Kaufmannsberuf übte er jedoch nie aus, da er darin nicht seinen Lebenszweck erkannte. Friedrich Lennig galt als hochgebildet, er besaß ein umfangreiches Wissen in Theologie und Geschichte und beherrschte viele moderne und klassische Sprachen.

Aufgrund seiner Sprachkenntnisse übersetzte  er unter anderem „Das Lied des letzten Minnesaengers“ von Sir Walter Scott aus dem Englischen ins Deutsche.

Hauptsächlich ist er aber wegen seiner  Sammlung von Gedichten in Rhein hessischer und Pfälzer Mundart sowie Deut scher Hochsprache bekannt. Auch schrieb er Possen für die Mainzer Fastnacht. Friedrich Lennigs Gedichte beschreiben oft die einfachen Menschen, gerne persifliert er die Pfälzer Bauern, die er im Geschäft seiner Eltern und den umliegenden Läden am Markt oder bei Ausflügen in das Mainzer Hinterland beobachten konnte.

Im Januar 1838 gehörte Lennig zu den  Mitbegründern des Mainzer Carneval Vereins, er war dort allerdings nicht lange Mitglied, da er bereits drei Monate später im Alter von 41 Jahren am in Mainz grasierenden Typhusfieber starb.

Ihm zu Ehren trägt sein Geburtshaus am  Marktplatz 9 den Beinamen Lennighaus und die kleine Querstraße zwischen Kaiser-Wilhelm-Ring und Nackstraße in der Mainzer Neustadt heißt Lennigstraße.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe September  2012)

Warum die Pfitznerstraße umbenannt wurde
(sk) Wer durch die nördliche Neustadt geht, dem wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass über dem Straßenschild der Pfitznerstraße seit einigen Monaten ein zusätzliches Straßenschild mit dem Namen Martin-Büsser-Straße hängt und dass Pfitznerstraße mit Klebeband durchgestrichen ist.

Dies beruht auf einem Beschluss des Ortsbeirates, der 2022 eine Empfehlung der Arbeitsgruppe „Historische Straßennamen“ des Stadtrates Mainz umgesetzt hatte. Ziel dieser Arbeitsgruppe ist es, historisch belastete Straßennamen zu überprüfen und den Ortsbeiräten der Mainzer Stadtteile, Vorschläge zu machen, wie mit den Namen umzugehen sei.

Auch die Pfitznerstraße stand auf der Vorschlagsliste der Arbeitsgruppe. Der Komponist und Publizist Hans Erich Pfitzner (1869-1949) war glühender Anhänger Adolf Hitlers und Anti semit und verteidigte auch noch nach 1945 in seinen Schriften die Gräueltaten des NS-Regimes.

Suche nach Ersatz
Im Ortsbeirat wurden verschiedene Namen als Ersatz für die Pfitznerstraße diskutiert. Konsens bestand darin, dass der neue Straßenname ins „Komponistenviertel“ passen sollte. Da gegenwärtig nur wenige Straßen in der Neustadt nach Frauen benannt sind, standen unter anderem auch die Komponistin Clara Schumann, die Mainzer Musikpädagogin Catharina Haas oder Esther Bejarano, Musikerin aus dem Häftlingsorchester Auschwitz-Birkenau, in der engeren Auswahl.

Schlussendlich fiel die Wahl auf den Mainzer Autor und Musiker Martin Büsser (1968-2010) und auch Mitbegründer des immer noch in der Neustadt ansässigen Ventil Verlags. Die Mehrheit des Ortsbeirates folgte der Argumentation, „dass Martin Büsser unabhängig des Geschlechtes für sein Wirken in der Neustadt die bessere Wahl darstelle“.

Multitalent aus Mainz
Büsser studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und war ab Mitte der 1990er als freier Journalist tätig, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, Die Wochenzeitung, kon kret oder Emma. Seine Schwerpunkte lagen auf Popkultur, Musik, Film und zeitgenössischer Kunst – hauptsächlich jenseits des Massen geschmacks. In seinen Schriften kritisierte er häufig die rechten Tendenzen in der Popmusik.  

Der Autor war Mitbegründer und -herausgeber der Buchreihe „testcard – Beiträge zur Popgeschichte“, aus der dann 1999 durch einen Zusammenschluss mit dem Verlag Jens Neumann der Ventil Verlag hervorging. Büsser war außerdem Musiker und in Mainz als Konzertveranstalter tätig. 2010 starb er im Alter von 42 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung

Die doppelte Beschilderung der Straße soll noch ein Weile fortbestehen, solange bis sich die Post und Lieferdienste an die Umstellung gewöhnt haben und wissen, wohin sie Sendungen ausliefern müssen. Anwohnerinnen und Anwohner müssen die Änderungen ihrer Personalausweise übrigens nicht bezahlen, die Kosten werden von der Stadt Mainz übernommen, da die Adressänderung von ihr ausging.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2023)

Helmut Graf von Moltke
Weitgereister Militärstratege und Mitbegründer des Deutschen Kaiserreichs

(kk) Die Moltkestraße führt von der Goethestraße zum Bismarckplatz. Benannt wurde sie nach dem preußischen General-Feldmarschall Helmut Graf von Moltke, der 1800 in Parchim zur Welt kam und 1891 in Berlin starb. Er erlangte maßgebliche historische Bedeutung als einer der Gründer des vereinten Deutschen Kaiserreichs. Der Mainzer Stadtrat hatte die Benennung der Straße beschlossen, gültig war sie ab dem 20.03.1901.

Beginn einer einflussreichen Militärkarriere
Der Vater sah wohl aufgrund seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage die Zukunft seines Sohnes Helmut und seiner beiden Brüder im Militär. Helmut Moltke trat zunächst in den Dienst der dänischen Armee, die ihm jedoch zu klein erschien und wenig Perspektive bot. Deshalb bewarb sich der karrierebewusste junge Mann an der Allgemeinen Kriegsschule, die er 1823 bis 1826 absolvierte.

Nach verschiedenen Posten, auch beim Großen Generalstab, durfte Moltke eine Bildungsreise nach Wien, Athen, Neapel und Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, unternehmen. Prompt wurde er 1835 militärischer Berater des türkischen Sultans bis 1839 und sammelte in dieser Zeit erste Kriegs erfah run gen. Damit hatte er bei seiner Rückkehr in Deutschland den meisten anderen preußischen Offizieren etwas voraus.

Ausgezeichneter Kriegsstratege
Zurück in Deutschland war Moltke unter anderem persönlicher Adjutant des späteren Kaisers Friedrich III. und führte 30 Jahre lang die Geschäfte des Großen Generalstabs der Armee – der Höhepunkt seiner Karriere. Als einer der Ersten erkannte der Militärstratege die Bedeutung der Eisenbahn im Krieg und wirkte maßgeblich daran mit, dass Preußen die Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich gewann.

Moltke sah immer die Gefahr eines neuen Kriegs in Europa und seine strategischen Überlegungen flossen denn auch in Planungen und Konzepte im Ersten Weltkrieg mit ein. Militärische Strategien und Armee-Konzepte, die auf ihn zurückgehen, haben bis heute Gültigkeit, und trugen schon zu Lebzeiten zu seiner Bedeutung bei. 1870 wurde er in den Grafenstand erhoben und ein Jahr später zum General-Feldmarschall ernannt. Im Zuge der Reichseinigung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Berlin erhoben, gemeinsam mit Otto Fürst von Bismarck. Darüber hinaus wurde Moltke auch Ehrenbürger von Hamburg, Dresden, Bremen, Lübeck und einiger weiterer Städte.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe April 2022)

Nikolaus Nack

(sk) Blaue Straßen laufen parallel zum Rhein, rote führen im rechten Winkel direkt darauf zu. Viele werden diese Gestaltung der Straßen­schilder vermutlich kennen, dass jedoch die Umsetzung dieser Kategorisierung vom ehe­maligen Mainzer Bürgermeister Nikolaus Nack in Auftrag gegeben wurde, wird wahrscheinlich wenigen bekannt sein.

Als Sohn eines Metzgermeisters wurde Nikolaus Nack am 17. Januar 1786 in Mainz geboren. Er war in der Stadt ein angesehener Kaufmann und betrieb ein Speditionsgeschäft, einen Weinhandel sowie eine Feuerversiche­rungs­-Agentur. Außerdem erwarb Nikolaus Nack 1828 ein Weingut in Bischofsheim, das von ihm und später auch seinen Nachkommen bewirtschaftet wurde. Das Anwesen existiert übrigens heute immer noch, dort befindet sich nun das Restaurant „Das Nack“.

Politisch engagiert
Obwohl Nikolaus Nack keine juristische Aus­bildung hatte, war er von 1824 bis 1826 stellertretender Präsident des Handelsgerichts in Mainz. 1831 wurde er als Abgeordneter in den Gemeinderat berufen und 1842 dann zum Bürgermeister seiner Heimatstadt gewählt.

Zu den wichtigsten Ereignissen in Nacks Amtszeit zählt unter anderem der Anschluss an das Eisenbahnnetz. Mainz war seit der Römer­ zeit bedeutender Handelsplatz und als Knoten­ punkt in Rheinhessen attraktiv für die neu entstehenden Eisenbahnlinien. 1853 erhielt die Stadt einen linksrheinischen Bahnanschluss sowie ein Bahnhofsgebäude am Holztor. Der Hauptbahnhof an seinem jetzigen Standort wurde 1884 eröffnet.

Nack führte 1853 die Gasbeleuchtung in Mainz ein und ließ zwei Jahre später ein Gaswerk errichten. Außerdem wurde unter ihm die Freiwillige Feuerwehr gegründet sowie das Vincenz­- und Elisabethen-­Hospital, das Römisch-­Germanische Zentralmuseum und die Marienschule (heute Willigis-­Gymnasium) eröffnet.

Vermittler
Während des Revolutionsjahres 1848/49 war es unter anderem dem Einschreiten und der Ver­mittlung von Nikolaus Nack zu verdanken, dass es zwischen der Bürgerwehr und den preu­ßischen Soldaten zu keinem größeren Blut­ vergießen kam.

In seine Amtszeit fiel die Explosion des Pulverturms. Der mittelalterliche Turm am Gau tor wurde im 19. Jahrhundert als Pulver­ magazin genutzt. Am Nachmittag des 18. November 1857 explodierte die dort gelagerte Munition und verwüstete einen Großteil der Altstadt. Dabei fanden über 150 Menschen den Tod. Ein Giebelstein von über 600 kg, der bis zum Ballplatz flog, ist dort heute immer noch als Gedenkstein zu sehen.

1858 verlieh der Großherzog „Ludwig III. von Hessen und bei Rhein“ Nack den Ehrentitel Oberbürgermeister.

Nikolaus Nack war noch im Amt, als er am 5. Mai 1860 starb. Seine Gruft, die übrigens 1867 von Eduard Kreyßig geschaffen wurde, befindet sich auf dem Mainzer Hauptfriedhof.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2023)

Der Name zur Straße
Unterirdisches Rauschen, kultige Küche und ein berüchtigtes Haus

(kk) Die Obere Austraße liegt in der nördlichen Neustadt. Auf Höhe der Firma Schott geht sie von der Rheinallee ab in Richtung Rhein und in einer Linkskurve in die Straße An der Kaiserbrücke über, die wiederum zurück zur Rheinallee führt. So ist das aber erst seit Mai 2009. Damals beschloss der Stadtrat, die durch Industrie und Gewerbe geprägte Obere Austraße durch eine Spange mit der Straße An der Kaiserbrücke zu verbinden.

Was der Name bedeutet
Bis zum Jahr 1905 hieß die Obere Austraße Am Querdamm. Das Adjektiv „Obere“ bezieht sich vermutlich auf ihre Lage oberhalb des Gonsbachs. Dieser fließt parallel zur Straße, heute unsichtbar unter der Erde bis er neben dem Kultimbiss „Zum Schorsch“ in den Rhein mündet. „Au“ kommt vom mittelhochdeutschen „ouwe“, das unter anderem für „fließendes Gewässer“ steht.

Wie die Straße berühmt wurde
2012 erlangte die Obere Austraße in Mainz eine gewisse Berühmtheit dadurch, dass das Haus mit der Nummer 7 im Sommer drei Wochen lang besetzt war. Die Besetzerinnen und Besetzer wollten auf den Mangel an Wohnungen und kulturellen Freiräumen aufmerksam machen – zwei Themen, die nicht an Aktualität verloren haben. Doch am 28. August machten Polizei und ein Spezialeinsatzkommando dem Ganzen ein Ende und räumten das Gebäude, das damals den Stadtwerken gehörte, danach wurde es abgerissen.

Aus dieser rund 160.000 Euro teuren, aber friedlich verlaufenen Aktion wurden laut Innen ministerium 59 Personen Einsatzkosten von insgesamt ca. 34.000 Euro anteilig in Rechnung gestellt. Noch fünf Jahre später gab es einen Prozess am Verwaltungsgericht zweier Beteiligter, die ihre Kostenübernahme ablehnten.

Heute ist in der Oberen Austraße 7 eine Brache in Nachbarschaft des Netzbetreibers Mainzer Netze.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2021)


Der Name zur Straße
Pankratiusstraße – Urquell kleiner Mainzerinnen und Mainzer

(kk) Die Pankratiusstraße beginnt in der Mainzer Neustadt oberhalb des Goethetunnels. Folgt man ihr in Richtung Hauptbahnhof, geht sie in die Wiesenstraße über. Benannt ist sie nach einem der vier Eisheiligen, Pankratius, der um das Jahr 300 als jugendlicher Christ in Rom den Märtyrertod starb.

Am Fuße des Hartenbergs im Bereich der Wiesenstraße befand sich eine Quelle, die in Kartierungen Ende des 16. Jahrhunderts wegen ihrer Lage zwischen Obstwiesen als „Banghardtsbrunn/Baumgartenbrunnen“ bezeichnet wurde. Später taucht sie als „Pancratzbronnen“ auf. Diese Umbenennung ist vermutlich auf die fränkische Pankratiuskapelle vor den Toren der Stadt Mainz zurückzuführen oder auch auf ein Standbild des Märtyrers in der Nähe der Quelle. Gesichert ist, dass dort 1710 Kurfürst Lothar Franz von Schönborn einen befestigten Brunnen errichten ließ, der den Heiligen Pankratius als Relief zeigte und ihm gewidmet war. Seit dem Bau des Hauptbahnhofs in den 1870er Jahren ist jedoch von alledem nichts mehr zu
sehen.

Wer Pankratius war
Pankratius oder Pankraz bedeutet im Griechischen „Der alles Beherrschende oder Besiegende", deshalb ist er häufig in Rüstung und mit Schwert abgebildet, neben der Märtyrerkrone und dem Palmwedel. Als Sohn eines reichen römischen Patrizierpaares soll er um das Jahr 290 im westlichen Zentralasien, damals römische Provinz, heute türkisches Gebiet, zur Welt gekommen sein. Er wird früh Waise und ein Onkel nimmt ihn im Alter von 14 Jahren mit nach Rom. Dort wird der Junge zum Christen und unterstützt mithilfe seines Erbes verfolgte Glaubensbrüder und -schwestern.

Als der Kaiser von ihm fordert, dem Christentum abzuschwören, bleibt Pankratius standhaft, wird öffentlich geköpft und Hunden zum Fraß vorgeworfen. Eine Christin soll mutig seinen Leichnam gerettet und ihn an der Stelle begraben haben, wo noch heute in Rom die Kirche San Pancrazio steht.

Warum Pankratius als (Eis-)Heiliger gilt
Der Todestag wird von manchen Quellen auf den 12. Mai datiert, dem heutigen Namenstag des Heiligen Pankratius, der neben Servatius, Bonifatius und Sophia zu den sogenannten Eisheiligen, den Tagen zwischen 11. und 15. Mai, zählt.

Eisheilige deshalb, weil es in dieser Zeit in der Nacht noch zu frostigen Temperaturen kommen kann. An einem 12. Mai im Jahr 896 eroberte jedoch auch Kaiser Arnulf von Kärnten Rom. Zuvor hatte er den Heiligen Pankratius um Hilfe angerufen, der unter anderem als Schutzheiliger der Ritter, aber auch der Kinder gilt.

Pankratiusbrunnen sollten für Nachwuchs sorgen
Mit dem Patronat für die Kleinsten hängt womöglich die weit verbreitete Legende in West- und Mitteleuropa zusammen, dass aus den Tiefen des Pankratiusbrunnens Kinder geboren wurden, praktisch als einer Art Urquell. So dachte man auch in Mainz sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein, wie zum Beispiel in Carl Zuckmayers Schauspiel „Katharina Knie“ nachzulesen ist. Und wenn ein Mainzer Kind ein Geschwisterchen bekam, kam das natürlich auch aus dem Brunnen. Die Brunnen sollen aber ebenso beliebte und heimliche Treffpunkte von Liebespaaren gewesen sein ...

Dem Wasser des Mainzer Brunnens wurden auch Heilkräfte zugesprochen und es wurde von zahlreichen Besuchern für Trinkkuren genutzt. Die Nachfrage war so groß, dass die Stadt Mainz 1837 darin ihre Chance sah, Kurstadt zu werden. Doch am Ende bot dieses Kapitel um „Bad Mainz“ nur Stoff für die Fastnacht.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2021)

August Parcus

(sk) Die Parcusstraße befindet sich in der Nähe des Mainzer Hauptbahnhofs. Das nur etwa 150 m lange Straßenstück zwischen Stadtverwaltung und Alicenplatz ist praktisch eine Verlängerung der Kaiserstraße.

Die Parcusstraße hat in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht, weil die dortige Luftmessstation aufgrund ihrer verkehrsreichen Lage die höchsten Abgaswerte in ganz Mainz anzeigte. Die Deutsche Umwelthilfe hatte deswegen 2020 auf ein Dieselfahrverbot in Mainz geklagt, das aber letztendlich wegen der Einführung der Tempo-30-Zone im Innenstadtbereich und dem Rückgang der Abgaswerte nicht umgesetzt wurde.

Von Karl Christian zu August Parcus
Die Stadt Mainz gibt in ihrem Straßennamenverzeichnis den Unternehmer August Parcus als Namensgeber für die Straße an – theoretisch hätte man sie aber auch nach seinem Großvater Karl Christian Parcus (1763-1819) benennen können. Dieser war Anhänger der Aufklärung und der Ideen der Französischen Revolution und als Mitglied des Mainzer Jakobinerklubs Deputierter im Rheinisch-Deutschen-Nationalkonvent. Der Jakobinerklub gilt als erste demokratische Bewegung Deutschlands und war eine prägende politische Kraft der sogenannten Mainzer Republik von 1792/93.

Sein Enkel August Parcus wurde am 18. November 1819 in Mainz geboren. Der Namens geber der Straße studierte Rechtswissenschaften in Gießen und startete 1846 seine berufliche Karriere bei der Hessischen Ludwigsbahn. Als Sekretär des Verwaltungsrates war er in die Entwicklung des Ausbau des Streckennetzes involviert.

Das private Eisenbahnunternehmen hatte 1845 die Konzession für den Ausbau der Strecke Mainz-Ludwigshafen erhalten. Der Streckenbau verzögerte sich allerdings, unter anderem aufgrund der Wirtschaftskrise nach der Deutschen Revolution von 1848, aber auch aus militärstrategischen Überlegungen. Der preußische Staat hatte Bedenken, dass durch die linksrheinische Streckenführung französische Truppen innerhalb weniger Stunden vor den Toren von Mainz stehen könnten. 1853 wurde die Strecke aber dann in Betrieb genommen und Mainz bekam am Holztor einen Zentralbahnhof.

Verbundenheit mit der Hessischen Ludwigsbahn
1852 stieg Parcus zum Direktor der Hessischen Ludwigsbahn auf. Unter seiner Führung expandierte die Bahngesellschaft und das Schienennetz rund um Mainz und Rhein-Main wuchs von 47 auf 500 km. Obwohl er 1856 seine Stellung bei der Bahn in Mainz aufgab und die Direktion der Darmstädter Bank für Handel und Industrie übernahm, blieb August Parcus der Ludwigsbahn weiterhin verbunden. Als Mitglied des Verwaltungsrats behielt er Einfluss auf die Ausrichtung des Unternehmens und stieß in dieser Positition den weiteren Streckenausbau an.

August Parcus wurden hohe Auszeichnungen zuteil. Unter anderem erhielt er anlässlich des 25. Jubiläums seines Dienstantritts bei der Ludwigsbahn das Ritterkreuz 1. Klasse des Ludewigsordens.

Am 16. Juli 1875 starb er in Darmstadt. Sein Grab wird als Ehrengrab der Stadt Darmstadt geführt.

Zum Schluss sollte unbedingt noch erwähnt werden, dass im Haus der Parcusstraße Nummer 5 Netty Reiling (1900-1983) geboren wurde. Die Mainzer Ehrenbürgerin erlangte später unter dem Namen Anna Seghers als Schriftstellerin Weltruhm.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2024)


(kk) Der Peter-Cornelius-Platz ist ein grünes Dreieck in der Mainzer Neustadt zwischen Kaiser-Wilhelm-Ring, Goethe- und Uhlandstraße. Dazu gehört ein kleiner Spielplatz, der vor knapp zwei Jahren erneuert wurde.

Sucht man im Internet nach dem Namen Peter Cornelius, hat man unter anderem die Wahl zwischen einem Maler und einem Fotografen aus Deutschland sowie einem Opernsänger aus Dänemark und einem Popsänger aus Österreich. Der Peter-Cornelius-Platz ist jedoch nach keinem von ihnen benannt, sondern nach dem Schauspieler, Kritiker, Komponisten und Musikdozenten, der 1824 in Mainz zur Welt kam. Nach der Realschule ist der junge Cornelius zunächst Schauspieler wie seine Eltern, Carl und Friederike, die außer ihm noch einen älteren Sohn und eine jüngere Tochter haben. Im Alter von etwa 19 Jahren wird er Hofschauspieler in Wiesbaden, jedoch mit so wenig Erfolg, dass er etwas später die Schauspielerei aufgibt und sich der Musik zuwendet. Er studiert Komposition und es entstehen erste Werke von ihm.

Liszt und Wagner
Ein Jahr später zieht der junge Mainzer zu seinem Onkel, dem Maler Peter von Cornelius, nach Berlin. Hier arbeitet er als Musikkritiker für zwei Berliner Blätter und lernt im Haus seines Onkels viele berühmte Zeitgenossen kennen, unter anderem auch Franz Liszt. Für ihn wird er etwas später in Weimar als Sekretär und Übersetzer tätig und Liszt dirigiert dort die Uraufführung von Cornelius’ wichtigstem Werk, der Oper „Der Barbier von Bagdad“. Die Vorstellung wird jedoch von Liszt-Gegnern massiv behindert, woraufhin Cornelius 1859 nach Wien zieht, obwohl ihm in Weimar doch noch die ersehnte Anerkennung zu Teil wird: Die Uraufführung von „Der Cid“, seinem zweiten „lyrischen Drama“, wie er es selbst nennt, ist erfolgreicher als seine Vorgänger-Oper.

Das macht den jungen Komponisten aber noch nicht unbedingt selbstbewusster seinem großen Vorbild Richard Wagner gegenüber. Seinem Einfluss erlegen, verlässt Cornelius nach Weimar auch Wien und folgt seinem Idol nach München. Dort finden sich beide auf der Gehaltsliste des Wagner-Gönners König Ludwig II. wider.

Lieder und Lehre
Im Gegensatz zu Wagner liegt Cornelius’ musikalischer Schwerpunkt jedoch zeitlebens nicht auf Opern, sondern auf der Dichtung und Komposition von Liedern. Er bezeichnet sich selbst als „Dichterkomponisten“. Doch er hat Mühe, aus dem Schatten seiner Idole Liszt und Wagner heraus zu treten, auch wenn seine „Brautlieder“ und seine Weihnachtslieder im Genre der bürgerlichen Hausmusik bis heute musikalisch herausragen. 1867 beginnt er damit, sein Können an der Münchner Hochschule für Musik und Theater im Fach Harmonielehre weiterzugeben. Im gleichen Jahr heiratet er Bertha Jung, mit der er eine Tochter und drei Söhne hat. Einer davon ist Carl Cornelius, der mit dem Nachlass seines Vaters und einer Biografie über ihn den Grundstein zum späteren Peter-Cornelius-Archiv in der Mainzer Stadtbibliothek legt.

Ehrungen und Erinnerungen
Kurz vor seinem 50. Geburtstag stirbt Peter Cornelius an den Folgen der Zuckerkrankheit, die damals noch nicht zu heilen ist, in Mainz. Dort wird er auf dem Hauptfriedhof beerdigt. In seiner Heimatstadt sind neben dem oben erwähnten Archiv und dem Platz in der Neustadt auch – sehr passend – das Konservatorium sowie eine nicht dotierte Auszeichnung des Landes Rheinland-Pfalz nach ihm benannt: Die Peter-Cornelius-Plakette wird zusammen mit einer Urkunde an Bürgerinnen oder Bürger vergeben, die sich besonders um die Musikpflege und -schöpfung verdient gemacht haben.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2018)

Umstrittener Namensgeber: Die Pfitznerstraße
Die Straße wurde 2024 offiziell in Martin-Büsser-Straße umbenannt

(kk) Die Pfitznerstraße verläuft parallel zur Goethestraße und liegt zwischen dieser und der Richard-Wagner-Straße. Das passt ganz gut, denn auch die Pfitznerstraße ist nach einem Komponisten benannt: dem Richard Wagner-Fan Hans Erich Pfitzner. Er war in Mainz von 1894 bis 1896 als Zweiter Kapellmeister am Theater beschäftigt. Hier wurden seine Opern „Der arme Heinrich“ und „Palestrina“ uraufgeführt. 1869 kam er in Moskau zur Welt und starb 1949 in Salzburg. Beerdigt wurde er jedoch in Wien, wo er durch den Einsatz der Wiener Philharmoniker ein Ehrengrab erhielt.

Musikkarriere in die Wiege gelegt
Mit drei Jahren zog Pfitzner mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main, wo er mit elf Jahren anfing zu komponieren und mit 17 Klavier und Komposition am Dr. Hoch Konservatorium studierte. Die musikalische Karriere schien vorbestimmt, denn schon Vater Robert war Orchester-Violinist und Musikdirektor und der erste Musiklehrer des kleinen Hans.

Nachdem Pfitzner sein eigenes Studium 1890 beendet hatte, unterrichtete er für vier Jahre am Koblenzer Konservatorium. Dann ging er nach Mainz, wo er drei Jahre lang als Korrepetitor und Kapellmeister arbeitete, bevor es ihn weiter nach Berlin zog. Dort unterrichtete er zunächst wieder, war dann aber von 1903 bis 1905 auch 1. Kapellmeister am Theater des Westens. Nach Berlin folgten München und Straßburg, wo er während seiner größten Schaffensphase die Leitung des Konservatoriums und der Oper übernahm. 1913 ernannte ihn die Straßburger Universität zum Professor.

Rolle in der Nazizeit
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kam Pfitzner nach Deutschland zurück und blieb als bekennender Nationalist auch unter dem Hitlerregime hier. Er erhoffte sich wohl eine gewisse Protektion, um auch über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt zu werden. Er schrieb unter anderem sogar an Hitler persönlich, um sich als „deutschesten aller lebenden Komponisten“ zu empfehlen, und rief öffentlich zu dessen Wahl auf. „Seiner Excellenz Benito Mussolini“ widmete der Komponist sogar einen Klavierauszug aus seinem Hauptwerk „Palestrina“. Pfitzners Rechnung schien zunächst aufzugehen. 1936 wurde er zum Reichskultursenator ernannt und 1942 Mitglied der National sozialistischen Volkswohlfahrt. 1944 erhielt er von Hitler eine Schenkung über 50.000 Reichsmark zum 75. Geburtstag.

Jedoch weigerte sich Pfitzner, eine Hymne auf den „Führer“ zu komponieren. Und ersetzte sich bei Hindenburg und Himmler für seinen jüdischen Freund, den Schriftsteller Paul Nicolaus Cossmann, ein, obwohl er sich selbst immer wieder antisemitisch äußerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Pfitzner entlastet und galt nach dem Gesetz der Entnazifizierung als „nicht betroffen“. Später behauptete er aber unter anderem, der Zweite Weltkrieg wäre lediglich die Folge einer „Lügen- und Greuel propaganda“ gegen Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg gewesen. Pfitzners Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus erscheint bis zum heutigen Tag widersprüchlich.

Keine einzigartige Straße
Aber der Komponist galt wohl als bedeutender Zeitgenosse. Denn immerhin sind in ganz Deutsch land 19 Straßen nach ihm benannt, verteilt von Lübeck bis München. Allein in Rheinland-Pfalz gibt es außer in Mainz noch eine weitere Pfitznerstraße in Bad Kreuznach. Und zu Pfitzners 125. Geburtstag brachte die Deutsche Bundespost 1994 eine Sondermarke heraus.

2012 sah jedoch die Stadt Münster genug Gründe, um die Straße, die sie 1961 nach Pfitzner benannt hatte, umzubenennen in Margarete-Moormann-Weg: „Ausschlag gebend für die Empfehlung der Umbenennung (der Kommission Straßennamen – Anm. d. R.) war die Bewertung, dass der Komponist und Dirigent Hans Pfitzner eine Stütze des NS-Regimes im Bereich Kultur war und die höchsten Würden erreicht hat, die man in der NS-Kulturpolitik erreichen konnte.“

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Januar 2017)

Benannt nach einem Popstar des Biedermeier: Scheffelstraße

(kk) Die Scheffelstraße grenzt an einer Seite an den Goetheplatz in der Mainzer Neustadt und verbindet die Goethestraße mit der Colmarstraße. Mit der Redewendung „Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ hat sie nichts zu tun. Denn benannt wird sie 1921 nach dem im 19. Jahrhundert gefeierten deutschen Schriftsteller und Dichter Joseph Victor Scheffel, der zu seinem 50. Geburtstag in den Adel erhoben wird und ab dann „von Scheffel“ heißt.

Auf Umwegen zur Literatur
1826 kommt Scheffel in Karlsruhe zur Welt, wo er im Alter von nur 60 Jahren auch stirbt. Die Liebe zur Literatur teilt er mit seiner Mutter Josephine, die selbst Gedichte und Dramen schreibt. Von seinem Vater Philipp Jakob hat er diese Leidenschaft eher nicht geerbt: Dieser ist Ingenieur und an der legendären Rheinbegradigung unter Johann Gottfried Tulla beteiligt.

Der junge Joseph Victor studiert zunächst Rechtswissenschaften in den renommierten Universitätsstädten München, Heidelberg und Berlin. Doch er belegt auch Fächer wie Germanische Philologie und Literatur, ist Mitglied und Ehrenmitglied in Burschenschaften sowie der „Leipziger Universitätssängerschaft St. Pauli zu Mainz“ von 1822, der zweitältesten Deutschlands, deren Verbindungshaus heute in Mainz-Gonsenheim steht.

Das Epos „Der Trompeter von Säkkingen“
Scheffels Jurastudium führt ihn als Rechtspraktikant nach Säkkingen, was sich als schicksalhaft herausstellen soll. Auf seiner ersten Italien reise, durch die er sich aus dem sicheren, aber unbefriedigenden Staatsdienst flüchtet, schreibt er 1853 auf Capri das Versepos „Der Trompeter von Säkkingen“. Das Buch geht auf eine wahre Liebesgeschichte aus dem 17. Jahrhundert zurück: Ein Bürgersohn und eine Adelige heiraten – gegen jahrelange Widerstände und auch erst, nachdem der Bräutigam von einem wohl verständnisvollen Papst zum „Marchese“, einem Markgraf, erhoben wird.

Scheffel ist zu dieser Zeit selbst verliebt in seine Cousine Emma – vermutlich unglücklich, denn sein Werben bleibt erfolglos. 1859, als er sich dauerhaft in seiner Geburtsstadt Karlsruhe niederlässt, lernt er seine spätere Frau, Caroline Freiin von Malsen, kennen. Jedoch die 1864 geschlossene Ehe mit der Tochter des bayrischen Hofgesandten ist nicht von Dauer: Bereits bei der Geburt des gemeinsamen Sohns Victor drei Jahre später sind die Eltern getrennt.

Bedeutung bis heute
Dem „Trompeter von Säkkingen“ folgen weitere Werke wie der historische Roman „Ekkehard“ oder die Liedersammlung „Gaudeamus, Lieder aus dem Engeren und Weiteren“ (1868) und andere, die Scheffel zu einer Art „Popstar“ des Biedermeier werden lassen. Seine Lesungen werden geradezu gestürmt, kurzfristig werden Zusatztermine organisiert. Er antwortet mit Autogrammkarten auf die Post seiner Verehrer und Verehrerinnen und zahlreiche Postkarten zieren das Konterfei des Dichters – damaliges Merchandising. In den „Scheffelstädten“ Heidelberg, Bad Säckingen, Radolfzell, Singen am Hohentwiel und natürlich Karlsruhe sind bis heute sichtbare Spuren von ihm zu finden. Doch nach dem 1. Weltkrieg sinkt Scheffels Stern: Seine verklärte Sicht auf das Mittelalter kommt in der „neuen Sachlichkeit“ der Weimarer Republik nicht gut an. Erst ab den 1980er Jahren erfahren seine Werke wieder mehr Beachtung.

Der 1924 gegründete Deutsche Scheffelbund ist bis heute mit über 5.500 Mitgliedern bundesweit die größte literarische Vereinigung. Jährlich vergibt die Literarische Gesellschaft Karlsruhe den Scheffel-Preis an die besten Abiturienten im Fach Deutsch an insgesamt 600 Gymnasien in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und im Saarland. Einer der Preisträger von 1968 ist übrigens ein gewisser Winfried Kretschmann vom Hohenzollern-Gymnasium Sigmaringen …

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Dezember 2020)

(sk) Wo befindet sich eigentlich die Schottstraße in der Mainzer Neustadt? Die recht kurze Sackgasse liegt am Stadthaus und kann von der Kaiserstraße aus befahren werden. Laut dem Straßennamenverzeichnis der Stadt Mainz wird das Straßenstück umgangssprachlich auch „Kreyßig-Plätzchen“ genannt.

Wenn man in Mainz von „Schott“ spricht, meint man entweder den Musikverlag Schott Music oder die Schott AG. Der internationale internationale Technologiekonzern, der vor allem für die Herstellung von Spezialglas und Glaskeramik bekannt ist, wurde 1884 in Jena gegründet und ist seit 1952 in der Mainzer Neustadt ansässig. Namenspate für die Straße ist jedoch Franz Philipp Schott, dessen Großvater Bernhard Schott (1748 bis1809) den Musikverlag B. Schott’s Söhne (heute Schott Music) 1770 in Mainz gründete.

Verlagsleiter bei Schott
Als Verlagsleiter gelang es Franz Schott, bekannte Komponisten seiner Zeit für eine Zusammenarbeit mit dem Verlag zu gewinnen, wie zum Beispiel Franz Liszt oder Richard Wagner. Das Unternehmen verlegte einige von Wagners Bühnenwerken wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ oder den „Ring des Nibelungen“. Schott pflegte mit Wagner einen en gen Briefkontakt; der Briefwechsel der beiden befindet sich heute im Archiv der Stadtbibliothek Mainz. Seit 1856 wird bei Schott übrigens auch der Mainzer Narhallamarsch verlegt.

Neben seinen Verlagsgeschäften übernahm Schott zwischen 1865 und 1871 zudem ehrenamtlich das Bürgermeisteramt von Mainz. In seine Amtszeit fielen die deutschen Einigungskriege von 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Da Mainz Bundesfestung war, hatte dies auch Auswirkungen auf das Stadtleben. Schott musste immer wieder zwischen den Garnisonen und der Zivilbevölkerung vermitteln.

Einsatz für die Stadt
Franz Schott setzte sich außerdem für die Main zer Stadterweiterung ein. Als Festungsstadt hatte Mainz nicht die Möglichkeit sich auszudehnen, da außerhalb der Festungsmauern keine Wohn- oder Industriegebäude, die feindlichen Truppen hätten Schutz bieten können, stehen durften.

Nach langen Verhandlungen, die er und der Stadtrat mit dem preußischen Kriegsministerium führten, wurde dann 1872 der Stadterweiterungsvertrag zur Bebauung des Gartenfeldes ‒ der heutigen Mainzer Neustadt ‒ unterzeichnet. Schott war da allerdings nicht mehr im Amt; er hatte sich 1871 aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen.

Der Unternehmer zählte zudem zu den wichtigsten Mainzer Mäzenen. Unter anderem spendete er einen bedeutenden Anteil für die Errichtung des Schiller-Denkmals. Mit seiner Frau Betty, einer Pianistin, schuf er eine Stiftung zur Gründung und Unterhaltung eines ständigen Orchesters in Mainz.

Franz Schott starb am 8. Mai 1874 während einer Italienreise in Mailand. Seine Grabesgruft befindet sich heute noch auf dem Mainzer Hauptfriedhof. Nur ein Jahr später verschied auch seine Frau Betty Schott. Da aus der Ehe keine Kinder hervorgegangen waren, hatte Schott bereits zu Lebzeiten verfügt, dass die Lei tung des Verlages an den promovierten Juris ten Ludwig Strecker übergehen sollte.

In ihrem Testament vermachten Betty und Franz Schott der Stadt Mainz aus ihrem Besitz eine von Eduard Kreyßig entworfene Wohnanlage (der heutige „Schottenhof“ in der Gaustraße), mit deren Mieteinnahmen die Musik in der Stadt gefördert werden sollte. Die Stiftungseinnahmen ermöglichten es der Stadt Mainz, das Orchester des Stadttheaters, aus dem später das heutige Philharmonische Staatsorchester Mainz hervorging, zu übernehmen.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2024)

(kk) Das muss ein wichtiger Mensch sein, nach dem nicht nur eine Straße, sondern auch noch ein Platz benannt ist! Professor Samuel Thomas Sömmerring ist so einer. Seine Zeitgenossen bezeichnen ihn schließlich als „Deutschlands Hippokrates“ in Anlehnung an den berühmtesten Arzt des griechischen Altertums, der die Medizin als Wissenschaft begründet haben soll.

Sömmerring, der später vielseitig interessierte und reisefreudige Mediziner, Naturforscher und Erfinder, kommt 1755 in Thorn an der Weichsel (heutiges Polen) als Sohn eines Arztes zur Welt. In Göttingen studiert auch er zunächst Medizin, wird nach seiner Dissertation jedoch Professor in Kassel. Dort gründet er Deutschlands erstes „Anatomisches Theater“, in dem der Anhänger der praktisch-populären Medizin öffentliche Vorführungen veranstaltet und sogar wohnt.

1784 tritt Sömmerring eine Lehrtätigkeit an der Mainzer Universität an und verhilft ihr zu bis dahin nie gekanntem Renommee. Nach 1793 zieht der protestantische Aufklärer von Mainz nach Frankfurt und kündigt 1797 seine gut dotierte Professur an der Mainzer Uni. Er wird wieder praktischer Arzt und führt 1800 in Frankfurt am Main die Pockenimpfung ein. Das verschafft ihm die Mitgliedschaft in der Münchner Akademie der Wissenschaften, die Ernennung zum Kurfürstlichen Pfalz-Bayrischen Hofrat und sogar die Erhebung in den Adelsstand. Zur selben Zeit verlagert sich Sömmerrings Interesse immer mehr auf Erdzeitgeschichte (Paläontologie) und Physik, was schließlich dazu führt, dass der naturwissenschaftliche Tausendsassa 1809 den ersten elektrochemischen Telegrafen erfindet. 1828 feiert er sein 50-jähriges Doktorjubiläum, zwei Jahre später stirbt Sömmerring im Alter von 75 Jahren in Frankfurt am Main.

In der Mainzer Sömmerringstraße befindet sich heute unter anderem die redaktionelle Heimat des Neustadt-Anzeigers, im Büro der „Sozialen Stadt“. Der Sömmerringplatz wird umrahmt von der gleichnamigen Straße und der Forsterstraße, die an einen weiteren Naturforscher erinnert. Georg Forster und Samuel Thomas Sömmerring lernten sich etwa 1778 in London kennen und wurden Freunde. Aber aufgrund politischer Differenzen entzweiten sich die beiden zu ihren Lebzeiten. Heutzutage, sozusagen posthum, sind sie in der Neustadt wieder vereint.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2014)


(kk) Der Valenciaplatz liegt im Dreieck von Moltke- und Goethestraße. Er ist benannt nach der spanischen Stadt in der Bucht von Valencia an der Ostküste der Iberischen Halbinsel. Valencia war 1978 die erste Stadt in Spanien, die eine Partnerschaft mit einer deutschen Stadt einging, nämlich mit Mainz. Wie bei anderen Städtepartnerschaften gab es auch in diesem Fall bereits lange Zeit kulturelle und private Kontakte, bevor der Mainzer Stadtrat dieser Verbindung offiziell zustimmte. Der erste Kontakt zwischen den beiden Städten entstand im Rahmen einer Gastspielreise des Mainzer Staatstheaters. Der Städtepartnerschaft folgte 1998 die Gründung eines zunächst privaten Freundschaftskreises, der neun Jahre später zur Deutsch-Spanischen Gesellschaft Mainz-Valencia e.V. wurde. Sie fördert den kulturellen und freundschaftlichen Austausch zwischen den Menschen der beiden Städte und Regionen.

Die Goldene und die Schöne
Valencia und Mainz verbinden Gemeinsamkeiten, es gibt jedoch auch Unterschiede. Zum Beispiel leben in der drittgrößten spanischen Stadt mit rund 800.000 Menschen etwa viermal mehr als in ihrer deutschen „Schwester“. In Valencia wurde zum ersten Mal auf spanischem Gebiet die Buchdruckkunst mit beweglichen Lettern angewandt, die Gutenberg im Mainz des 15. Jahrhunderts erfunden hatte. Jede der Städte besitzt eine Universität, die beiden Hoch schulen stehen in engem Austausch. Sowohl Valencia als auch Mainz schauen auf eine über 2.000-jährige Geschichte zurück. „Aurea Moguntia“ (das Goldene Mainz) und „Valentia“ (die Schöne, Kraftvolle) wurden beide von Römern gegründet, denen jeweils zahlreiche Besatzungsmächte folgten.

In Valencia herrschten abwechselnd Phönizier, Griechen, Römer und Goten. Mehr als 500 Jahre lang entwickelten die Araber die Stadt zu einem bedeutsamen wirtschaftlichen und kulturellen Standort. 1238 wurde die Stadt von den Christen erobert, die mit Kirchen und gotischen Bauwerken Denkmäler hinterließen, die bis heute zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gehören. Das einst mächtige spanische Handelszentrum verlor jedoch an Bedeutung, als Amerika entdeckt wurde. Im 20. Jahrhundert kam Metall- und Textilindustrie nach Valencia und in den 1960er Jahren auch wieder der wirtschaftliche Aufschwung. 1982 wurde Valencia zur Hauptstadt der Valencianischen Gemeinschaft und der Provinz Valencia ernannt.

Diese wechselvolle Geschichte sorgte für eine bunte kulturelle Mixtur in der spanischen Stadt, ganz ähnlich der Mainzer Neustadt. Hier wie dort sind Menschen verschiedener Nationalitäten und Religionen zuhause. In der Neustadt gibt es den Moscheeverein genauso wie die Synagoge. Die Glocken der evangelischen Christuskirche sind hier genauso zu hören wie die der zwei katholischen Kirchen St. Bonifaz und Liebfrauen. Es kann kein Zufall sein, dass der Valenciaplatz ausgerechnet in der Mainzer Neustadt liegt und noch dazu die Adresse der Koordinatorin für die Belange von Migrantinnen und Migranten ist.

Siesta Moguntia“
Der Valenciaplatz ist neben dem Feldbergplatz einer der grünsten Plätze in der Neustadt. Er ist kleiner als der Goetheplatz, hat aber gefühlt genauso viele Spielmöglichkeiten. Mit dem Bismarckplatz teilt er das Schicksal, etwas am Rand zu liegen, ist jedoch viel ruhiger als dieser. Beiden gemeinsam fehlen die angesagten Läden und Kneipen des zentraler gelegenen Gartenfeldplatzes, der dafür schneller überfüllt ist. Vielleicht ist der Valenciaplatz für manche der Geheimtipp unter den Neustadt-Plätzen, eine grüne Oase, auch und gerader während der Mittagsruhe, spanisch: Siesta. Neustadt, olé!

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2017)

Revoluzzer, Fassenachter  und Oberbürgermeister
Der Name zur Straße: Wer war Carl Wallau?

(lp) Die Wallaustraße, einst Zwetschenallee,  ist die längste Straße der Mainzer Neustadt nach der Rheinallee. Sie reicht vom 117er Ehrenhof bis zum Kaiser-Karl-Ring. Aber woher kommt der Name? Fast am Ende der Wallaustraße, an der Ecke zur Moselstraße findet sich unter dem Straßennamen ein kleines Zusatzschild: „Karl W. 1823 – 1877, Oberbürgermeister 1877“. Das war’s! Wer aber war Carl (Karl) Wallau?

Carl Wallau wurde 1823 in Mainz  geboren. Nach seiner Ausbildung als Drucker bei „Johann Wirth“ ging Wallau, dies war zur damaligen Zeit üblich, auf Wanderschaft durch Europa. Er engagierte sich in politischen Handwerkerbünden.

Bei seiner Wander schaft kam er unter  anderem nach Brüssel. Dort lernte er neben dem Dichter Ferdinand Freiligrath (1810-1876) auch Friedrich Engels und Karl Marx kennen. Wallau wurde Gründungsmitglied des „Bund der Kommunisten“. Mainz war als vorläufiges Zentrum aller Arbeiter(bildungs)vereine vorgesehen. Wallau kehrte 1848 nach Mainz zurück und gründete den „Bildungsverein für Arbeiter“, der bereits nach einem Monat über 700 Mitglieder zählte.

Mit der Niederschlagung der 48er Revolution musste Wallau ins Ausland fliehen. In Abwesenheit verurteilte man ihn in den Zweibrücker Hochverratsprozessen zum Tode. Das zuständige Mainzer Schwurgericht sprach ihn jedoch 1850 frei. Wallau konnte nach Mainz zurückkehren. Hier errichtete er eine erfolgreiche Druckerei.

1866 gründete Konrad Alexis Dumont mit  Georg Schmitz, Georg Oechsner und Wallau die „Demokratische Partei“. Diese wurde im Verbund mit süddeutschen Demokraten (der späteren „Deutschen Volkspartei“) in den Reichstag gewählt. Unterstützung erhielt sie im Auftrag der IAA (Internationale Arbeiter-Assoziation) von August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

1871 wurde Wallau in den Mainzer Stadtrat  und im Juni des gleichen Jahres zum Ersten Beigeordneten gewählt.

Nach C. A. Rackés (Kaufmann, Beigeordneter, Bürgermeister) Rücktritt verwaltete Wallau zwei Jahre kommissarisch das Bürgermeisteramt. 1874, nach Einführung der neuen hessischen Gemeindeordnung, wählte man ihn zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister und 1877 zum Oberbürgermeister. Letzteres Amt hatte er nur kurz inne. Er starb 53-jährig am 7. Juli 1877 in Mainz und wurde auf dem Mainzer Hauptfriedhof bestattet.

Wallau war maßgeblich an der Mainzer  Stadtentwicklung beteiligt. In seine Amtszeit fiel im September 1872 der Stadterweiterungsvertrag zwischen dem deutschen Reich und der Stadt Mainz. Mit der Einbeziehung des Gaadefelds hatte sich die Stadtfläche mehr als verdoppelt. 1874 erfolgte die vertragliche Vereinbarung mit der Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft zur Verlegung der Eisenbahntrasse weg vom Rheinufer zur Landseite, wo sie sich auch heute noch befindet. 1876 begann dann auch der benötigte Tunnelbau. Die Verlagerung der Trasse war wesentlich für die Rheinufererweiterung und den Bau des Zoll- und Binnenhafens.

Wallau war nicht nur Drucker, Wegbegleiter von Marx und Politiker, er war auch aktiver Fassenachter. Er stand 1872 dem Mainzer Carneval-Verein (MCV) als Präsident vor.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juni 2012)



(sk) Im nördlichen Teil der Mainzer Neustadt befindet sich die Woynastraße. Das etwa 100 Meter lange, mit vielen Bäumen bepflanzte Straßenstück verbindet den Barbarossaring mit der Moltkestraße. Es wurde nach Wilhelm Friedrich von Woyna benannt, einem preußischen Offizier aus dem 19. Jahrhundert.

Woyna wurde 1819 in Trier geboren und besuchte auf Wunsch seines Vaters, selbst General in Brandenburg-Preußen, nach der Schule die Kadettenanstalten in Potsdam und Berlin. Er diente in verschiedenen Regimentern und schlug eine erfolgreiche Militärlaufbahn ein. Für seine Verdienste im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wurde er später von Wilhelm I. mit dem höchsten preußischen Tapferkeitsorden, dem Pour le mérite, ausgezeichnet.

1880 ernannte man Woyna zum Gouverneur der Festung Mainz. Hier machte er sich vor allem wegen seines Kampfes gegen das Hochwasser 1882 einen Namen. Ende 1882 hatte der Rhein mit 7,95 Metern einen historischen Höchststand erreicht – bis heute immer noch der höchste jemals erreichte Pegelstand des Rheins bei Mainz. Das Hochwasser floss in die Mainzer Altstadt und in das vorgelagerte Gartenfeld, die heutige Mainzer Neustadt. Besonders das tiefer gelegene Gartenfeld mit seinen vielen Arbeiterwohnungen war durch die Überschwemmungen stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Wasser war so schnell angestiegen, dass die Erdgeschossbewohner keine Zeit mehr hatten, ihren Hausrat in Sicherheit zu bringen. Die Not der Anwohner verschlimmerte sich auch noch dadurch, dass es nach kurzem Rückgang des Wassers im Dezember und Januar noch einmal zu einem erneuten Anstieg des Rheins kam.

Die Mainzer Garnison unter der Führung von General Woyna half der Zivilbevölkerung in der Stadt und den umliegenden Gemeinden im Kampf gegen das Wasser und bei der Beseitigung der Schäden. Als Dank und Anerkennung für diesen Einsatz wurde Woyna 1883 zum Ehrenbürger der Stadt Mainz ernannt.

1886 trat Woyna in den Ruhestand und zog sich nach Bonn zurück. Er starb dort 1896, sein Grab befindet sich aber auf dem Mainzer Hauptfriedhof.

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Oktober 2014)

(sk) Die Neugestaltung der Nordmole am Zoll­hafen schreitet voran. Ein großer Teil des Areals ist inzwischen begrünt und es wurde ein Fuß­ und Radweg angelegt. Im Februar 2025 haben der Mainzer Stadtrat und der Kulturausschuss beschlossen, einen Uferabschnitt, der bisher den Arbeitstitel „Weg 3“ trug, nach dem 2021 verstorbenen Yilmaz Atalay zu benennen. Der Gastarbeiter, der 1961 nach Deutschland gekommen war, hatte sich Jahrzehnte lang ehrenamtlich und beruflich für zugewanderte Menschen und deren Integration eingesetzt.  

Yilmaz Atalay wurde 1933 in Corum in der Türkei geboren. Als er 1961 nach Deutschland auswanderte, kam er zunächst bei Verwandten in Bonn unter und fand dort eine Stelle als Fliesenleger. Später, nach einem Intensiv­-Sprach­kurs am Goethe-­Institut, wurde er Dolmetscher in einer türkischen Firma für Laborgeräte aus Glas, die geschäftlich mit der Schott AG in Mainz zu tun hatte.

1970 hörte er im Radio, dass die Arbeiter­wohlfahrt Sozialarbeiter für eine Beratungs­stelle in Mainz sucht. Er bewarb sich und erhielt den Job in der deutschlandweit ersten Beratungsstelle für türkische und muslimische Menschen. „Durch meine eigenen Erfahrungen konnte ich andere Migranten unterstützen“, berichtete er der Allgemeinen Zeitung Mainz 2021 in einem Interview.

Deutsche Sprache als Voraussetzung für Integration
Entscheidend für eine erfolgreiche Integration war für ihn die Beherrschung der deutschen Sprache. Daher opferte er viele Jahre seine Freizeit, um ehrenamtlich Deutschkurse bei seinen Landsleuten anzubieten. „Integration muss aus der Seele kommen“, betont Atalay in dem Interview mit der AZ. „Und das müssen sich Migranten und Einheimische gleicherma­ßen wünschen.“

Um das Zusammenleben und Verständnis füreinander zwischen Mainzerinnen und Main­zern mit und ohne Migrationshintergrund zu verbessern, rief er 1976 den „Ausländertag“ ins Leben. Bürgerinnen und Bürger sollten die Gelegenheit erhalten, über die Alltagsbegegnungen hinaus, miteinander zu feiern und mehr voneinander zu erfahren. Die Veranstaltung fin­det bis heute jährlich in Mainz statt, inzwischen unter dem Namen „Interkulturelle Woche“ – im September 2025 übrigens zum 50. Mal!  

1978 eröffnete Yilmaz Atalay in der Bopp­straße ein Reise­ und Übersetzungsbüro. Atalay Touristik existiert auch heute noch. Er selbst musste das Büro allerdings 1993 wegen einer Diabeteserkrankung, die seine Sehkraft ver­schlechterte, verkaufen. Aufgrund seiner Sehbehinderung dolmetschte er nur noch mündlich und beriet außerdem Jungunternehmer.

2002 gründete er den Verein „Gesundheits­prävention in Mainz und Umgebung e.V.“, der aus der ersten Selbsthilfegruppe für türkische Diabetikerinnen und Diabetiker im Rhein­-Main-­Gebiet hervorging.

Ehrung für sein Engagement
2009 ehrte der damalige Mainzer Bürgermeister Jens Beutel Yilmaz Atalay für sein großes Engagement bei der Integration türkischer und muslimischer Mitmenschen mit dem „Mainzer Pfennig“. Die Medaille ist eine der höchsten Auszeichnungen, welche die Stadt Mainz für gesellschaftliches Engagement zu vergeben hat. Es handelt sich hierbei um eine Nach­bildung eines Pfennigs aus der Zeit Karls des Großen, dessen Original sich im Münzkabinett der Stadt Mainz befindet.

„Er hat sich immer gewünscht, mit Respekt und Würde hier in Deutschland behandelt zu werden. Wie viele Menschen mit Migrations­geschichte hat auch er sehr unter dem Rassis­mus gelitten“, berichtet Nurhayat Canpolat, zwischen 2001 und 2007 Quartiermanagerin der Mainzer Neustadt. „Oft hat er über diese rassistischen Erfahrungen gesprochen. Da er ein Kämpfer war, hat er sich von diesen schmerzlichen Erfahrungen nicht runter krie­gen lassen und immer viel gearbeitet. Er war für viele ein Vorbild.“

Auch im Ruhestand war Atalay ehrenamt­lich tätig. So setzte er sich beispielsweise für eine rituelle Reinigungsstätte und die Mög­lichkeit einer Tuchbestattung auf dem Mom­bacher Friedhof ein.

Yilmaz Atalay starb am 15. Juni 2021. Eine geplante Ehrung des Landes Rheinland-­Pfalz durch die damalige Ministerpräsidentin Malu Dreyer konnte er nicht mehr entgegennehmen.  

Die Benennung einer Straße nach einer Person ist drei Jahre nach dem Tod möglich. Bereits 2022 hatte der Ortsbeirat der Neustadt Yilmaz Atalay für eine Straßenbenennung vor­ gemerkt. Die Initiative war von Nurhayat Can­polat ausgegangen: „Ich habe mich dafür stark eingesetzt, dass eine Straße in seinem „Vater­land“ – die Türkei hat er als sein „Mutterland“ bezeichnet – benannt wird, weil diese Aus­zeichnung für sein großes Engagement für ihn selbst und stellvertretend für die Gastarbei­ter:innen aus vielen Ländern als Wiedergut­machung wichtig ist“, erzählt sie dem Neustadt­-Anzeiger. „Denn sie haben Mainz mit auf gebaut und einen großen Beitrag dazu geleistet, dass unsere Stadt Mainz liebens-­ und lebenswerter geworden ist.“

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2025)

(kk) Das Erscheinungsbild der Zwerchallee ist geprägt durch die Hochstraße und die Gebäude der ehemaligen Notunterkünfte, durch Autovermietungen und Dienstleistungsfirmen, das Tierheim und den Wertstoffhof der Stadt Mainz. Sie liegt zwischen Rheinallee und Hattenbergstraße, zwischen Mombach und der Mainzer Neustadt. Und das passt. Denn das Wort „zwerch“ wird unter anderem auf das Mittelhochdeutsche „twerch“, Althochdeutsche „twerah“ oder „dwerah“ für „schräg, verkehrt, quer“ zurückgeführt. In dieser Bedeutung ist es heute noch in Zwerchfell zu finden, das Brust- und Bauchhöhle voneinander trennt, und so vermutlich auch im Namen der Straße gemeint.

Wechselhafte Vergangenheit
Die Zwerchallee wird von der Mainzer Namensforscherin Rita Heuser beschrieben als eine „im 18. Jh. als Baumallee angelegte Fortsetzung der Rheinallee, die quer die städt. Gemarkung abschließt“. Weiter heißt es: „Sie war mit einem Rondell versehen und diente als Promenadenweg für Adelige und Bürger“. Das ist heute zwar schwer vorstellbar, doch zeugt noch die kleine Nebenstraße „Am Rondell“ von dieser eleganten Vergangenheit der heute eher nüchternen Straße.

Für viele Mainzer stand ab den 1970er Jahren bis 2010 der Name Zwerchallee in Verbindung mit der dortigen „Notunterkunft, in der zuvor 40 Jahre lang Obdachlose und vor allem in finanziellen Schwierigkeiten steckende Familien untergebracht waren“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 30. 09. 2010 schreibt. Nach der Umsiedelung aller Bewohner und der „ersatzlosen Auflösung“ der Notunterkünfte wurden diese damals zum Abriss freigegeben. Auf dem Gelände sollten „kleinere Gewerbebetriebe angesiedelt werden; vor allem jene, denen es in der angrenzenden Neustadt zu eng geworden“ war.

Perspektive für Flüchtlinge
Doch 2013 zogen wieder schutzsuchende Men schen in den ehemaligen – wenn auch sanierten – Notunterkünften ein. „Als bekannt wurde, dass zwei der völlig heruntergekommenen Wohn blocks zu Flüchtlingswohnheimen ertüchtigt werden sollen, gab es durchaus Proteste“, war in der Mainzer Allgemeine Zeitung (AZ) damals zu lesen. Jedoch sollen sie „im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingsunterkünften über abgeschlossene Wohnu gen (verfügen), die Familien nicht nur Privatsphäre, sondern auch eigene Küchen und sanitäre Anlagen bieten“. Anfang 2015 waren die Unterkünfte erneut Thema im Mainzer Stadtrat. Mitte Februar war klar, dass angesichts zu erwartender neuer Flüchtlinge die Gemeinschaftsunterkünfte weiter ausgebaut werden sollen. Laut AZ vom 25. 06. dieses Jahres sollen im kommenden September, Oktober 260 weitere Wohnungen fertig sein. Aber die Stadt brauche noch mindestens drei neue Flüchtlingsunterkünfte bis zum Jahresende.

Eine Idee war, Flüchtlinge im sogenannten Allianzhaus unterzubringen. Aber diese Möglichkeit „habe wohl nur kaum noch Realisierungschancen“, so Sozialdezernent Kurt Merkator. Das Gebäude war im April 2015 bereits Ort einer Aufführung von „Schneewittchen und die Zwerge“ mit Flüchtlingskindern aus der Zwerchallee. Zufall? „Zwerch“ wird immerhin auch als Ableitung des Wortes „Zwerg“ genannt und ist ein Ortsname in dem fiktiven Land Aventurien, in dem bereits seit Generationen Spieler des Rollenspiels „Das Schwarze Auge“ gegen Ungeheuer kämpfen, Rätsel lösen und Schätze finden als Abenteurer, Magier, Elf – oder eben als Zwerg …

(aus: Mainzer Neustadt-Anzeiger, Ausgabe Juli 2015)

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